Von Christian Seidl

Vor 40 Jahren veränderte die Beatles-LP "Revolver" den Pop. Damit war der Grundstein des akustischen Pop-Art geboren.

Gab es tatsächlich mal Zeiten, in denen Bands von Rang im August eine neue Platte veröffentlichten? Eher nicht. Schon vor 40 Jahren setzte die Musikindustrie auf die gute Laune im Frühjahr oder die gesteigerte Kauflust in der Vorweihnachtszeit. Der August hingegen galt seit je als der mieseste Verkaufsmonat; selbst im verregneten England gab und gibt es im Hochsommer wirklich angenehmere Orte als stickige Plattenläden - 1966 vermutlich um so mehr, als man bei HMV auf der Oxford Street zum Probehören noch in stickige Kabinen gezwängt wurde.

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Das Cover für das Beatles-Album "Revolver" zeichnete Klaus Voormann 1966. (© Bild: Klaus Voormann)

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Das alles war den Beatles natürlich vollkommen klar, aber sie ignorierten es: Dass "Revolver" am 5. August rauskam, war Zeichen eines überbordenden Selbstbewusstseins und gehörte ganz zum Konzept dieses Albums; und auch wenn Ringo später meinte, ihm sei nicht bewusst gewesen, "dass wir da an was Größerem dran waren", war es doch das unausgesprochene Ziel der Platte, die pilzkopfschüttelnden Fab Four ein für allemal zu begraben und John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und ein wenig auch Ringo Starr - man höre sich nur mal das Schlagzeug von "Tomorrow Never Knows" an, um das herum der Song erst konstruiert wurde - als eigenständige, ernst zu nehmende Künstler zu präsentieren.

Man hätte ja gerne die Gesichter der Verantwortlichen ihrer Plattenfirma Capitol gesehen, als die vier den Coverentwurf ihres Hamburger Spezls Klaus Voormann vorlegten - jene mysteriöse Schwarzweiß-Collage, die nach allem Möglichen aussah, nur nicht nach einem Plattencover. Auch der mehrdeutige Titel, der tendenziell ein Mordinstrument benennt, sich genauso aber auch auf die Rotation des Plattentellers beziehen kann, war die pure Provokation - zur Debatte standen ursprünglich noch "Abracadabra", "Magic Circles" und ein extra behäbiges"Beatles On Safari".

Und dann die Musik. 14 atemberaubende Songs. Oder zumindest elf, wenn man das Pech hatte, 1966 in den USA zu leben, wo Capitol seinen Kunden "I"m Only Sleeping", "And Your Bird Can Sing" und "Dr. Robert" nicht zumuten wollte. Keiner hörte sich so an wie irgendetwas, das man zuvor im Pop gehört hatte. Und beinahe jeder echot bis heute durch alle Genres und Stile. Die Disco-Pioniere Earth, Wind and Fire kaperten den Beat und die Staccato-Bläser von Paul McCartneys "Got to Get You Into My Life"; das trockene Riff von George Harrisons "Taxman" diente The Jam als Dauerinspiration; "I"m Only Sleeping" lieferte die Blaupause für die Hits von Madness und hört sich noch immer so an, als hätte man Oasis durch ein Wurmloch gejagt; das finale, aus Rückkopplungen, rechtsdrehenden Bandschleifen und einem wahnsinnigen, klaustrophobischen Drumbeat zusammengesetzte "Tomorrow Never Knows" schließlich machte die Chemical Brothers erst möglich und mithin die britische Clubkultur der neunziger Jahre.

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