"Beasts of the Southern Wild" im Kino Kriegerin für die neue Urzeit

Sechs Jahres ist Hushpuppy alt. Dies ist ihr Reich, und dies ist ihr Film.

(Foto: Ben Richardson / MFA)

Louisiana als das letzte Paradies des Erzählens nach dem ökologischen Sündenfall: Benh Zeitlins magischer Film "Beasts of the Southern Wild" gilt als ungewöhnlichstes, überraschendstes, bildgewaltigstes Erstlingswerk, das der amerikanische Film seit Langem hervorgebracht hat.

Von Tobias Kniebe

Autoschrott, umwuchert von Sumpfblumen. Ein Warzenschwein döst neben Lastwagenreifen, Hühner ducken sich unterm Rostblech, zwischen windschiefen Brettern qualmt ein Grillfeuer. Die Zeit steht still. Und Hushpuppy sieht, dass alles seine Ordnung hat.

Sanft legt sie die Hand auf das Schwein, spürt seinen trägen Herzschlag. Hebt ein Küken auf, drückt es ans Ohr, lauscht seinem hektischen Pochen. Schmutziges Trägershirt, Unterhose, wuchtige Gummistiefel. Wild stehen ihr die Haare vom Kopf. Sechs Jahre ist Hushpuppy alt. Dies ist ihr Reich, und dies ist ihr Film.

Denn nun darf sie erzählen. Über den Bildern dieser magischen Sumpflandschaft liegt ihre raue, selbstbewusste, vom Slang Louisianas getönte Stimme, die leider in der deutschen Synchronisation viel zu niedlich geraten ist.

Sie spricht von der Insel, auf der sie mit ihrem Daddy lebt, die alle hier nur "The Bathtub" nennen - halbversunken vor der Küste. Von ihrer Mutter, von der sie nur weiß, was ihr Daddy erzählt hat - dass sie heiß war, heißer als das Feuer unter der Katzenfisch-Pfanne, und eines Tages davongeschwommen ist.

Dann sehen wir, wie Hushpuppy mit ihrem Vater aufs Meer hinausfährt. Ihr Boot ist ein alter Pick-up-Truck, aber nur noch die Ladefläche, aufgebockt auf leere Ölfässer, voller Netze und Kescher. Sie fahren zum Staudamm, der vom Meer aus wie ein Wall von Betonpfeilern aussieht, unüberwindlich und paranoid, eine Mauer der Angst. Dahinter qualmen die hässlichsten Industrieanlagen, die man sich vorstellen kann. "Oben hinter dem Damm", erzählt Hushpuppy, "da, wo es trocken ist - da haben sie Angst vor dem Wasser. Wie kleine Babys. Also haben sie eine Mauer gebaut."

Geht das so einfach?

Was für Hushpuppy und ihren Daddy aber kein Problem ist. Weil es im "Bathtub" mehr Feiertage gibt als im ganzen Rest der Welt; weil die Fische hier nicht in Plastikfolien eingesperrt sind und die Babys nicht im Kinderwagen; weil die Hühner nicht den ganzen Tag auf der Stange sitzen müssen. Hushpuppy und ihr Dad werden niemals weggehen. Auch nicht, wenn Leute von der Regierung anrollen, um sie zu evakuieren. Auch nicht, wenn der Sturm kommt, auf den sie seit Langem warten, und das Wasser so hoch steigt, dass es den "Bathtub" gar nicht mehr gibt.

Aber Moment mal - geht das so einfach? Junger weißer Filmemacher aus Queens wird heimisch in New Orleans, nach Lehrjahren in Europa, inspiriert von Emir Kusturica, dem bosnischen Kraftmeier des magischen Realismus. Gründet ein unabhängiges Filmkollektiv, erkundet die desolate Sumpflandschaft in Louisianas Terrebonne Parish, halbversunkene Inseln, halbverlassene Fischerdörfer, Armut, Trotz, Überlebenswillen. Nimmt sich die tollsten Gesichter, die er da findet, unter ihnen die unglaubliche Sechsjährige, die seine Hauptfigur wird. Schreibt eine Geschichte für sie und für seine anderen Laienschauspieler, nennt sie "Beasts of the Southern Wild".

Ist das nicht naive, beinah geschmacklose Armutsromantik? Hintersümpfler, Voodoo-Power, White Trash, fröhlich dünsten die Poren, kreisen goldene Whiskeyflaschen, fiedeln zahnlose Opas auf ihren Hillbilly-Geigen, harmonisch in Schwarz und Weiß. Und natürlich schwingt da auch weißer Selbsthass mit: Mittelschichts-Kreative mit New-Orleans-Fetisch, Hurricane-Katrina-Zerknirschung, tausend Jahre Buße für George "Heck of a Job" Bush . . .