Baz Luhrmann über "Australia" "Geschmack ist ein Feind der Kunst"

Warum der Erfolgs-Filmemacher zwischen weißen Wänden lebt und sich beim Dreh von "Australia" manchmal zu klein fühlte.

Interview: Anke Sterneborg

Die Show muss weitergehen, das war die Formel der Luhrmann-Filme bisher, von "Strictly Ballroom" und seinem "Romeo + Juliet" mit Leonardo DiCaprio, und natürlich von seinem durchgeknallten Musical "Moulin Rouge". Nun inszeniert Baz Luhrmann also Geschichte als Show, in seinem neuen Film "Australia", der vorige Woche bei uns startete.

SZ: Nach den Filmen Ihrer "Red Curtain"- Trilogie hätte man Sie nicht unbedingt als Regisseur des australischen Outback erwartet. Gab es denn Momente für Sie, da die Natur, diese Weite irgendwie auch Angst gemacht hat?

Baz Luhrmann: Nein, im Gegenteil, ich bin ja auf dem Land aufgewachsen. Und mit all den Unwägbarkeiten von Wetter und Landschaft muss man bei so einem Projekt ja rechnen - wenn es da beispielsweise nach hundert Jahren zum ersten Mal wieder regnet. Schlimmer ist der psychologische Druck - dass man von dieser Multimillionendollarmaschine so stark überwältigt ist, dass man das Selbstvertrauen verliert. Und damit die Fähigkeit, das Schiff als Kapitän durch alle Stromschnellen zu navigieren.

SZ: Aber geht es Ihnen im Kino nicht gerade um Überwältigung?

Luhrmann: Gewiss, und darum ging es bei allen Filmen, die mich inspirieren. Filmen, die ich als Kind in einer sehr kleinen Stadt im Kino meines Vaters gesehen habe. Ich habe nie die Realität gesucht, sondern die Fähigkeit, in eine andere Welt zu flüchten, auf eine Reise zu gehen, von überhöhten Gefühlen mitgerissen zu werden, so wie das in "Vom Winde verweht" geschieht. Deshalb haben wir die Realität, die wir on location vorgefunden haben, ja auch auf malerische Weise mit visuellen Effekten gemischt.

SZ: Zwischen Ihrem vorigen Film "Moulin Rouge" und "Australia" haben Sie und Ihre Frau, die Ausstatterin und Kostümbildnerin Catherine Martin, zwei Kinder bekommen. Wird deshalb diese Geschichte aus der Perspektive eines Kindes entfaltet?

Luhrmann: Absolut! Nachdem mein Projekt über Alexander den Großen nicht zustande kam, haben wir mit unseren Kindern in Paris gelebt - und da kam bald die grundlegende Frage auf, wo diese Kinder zuhause sind und ob sie sich ihrer Wurzeln bewusst sein werden. Daraus ist die Idee des Films entstanden. Es geht um unser Verständnis von Heimat, in erster Linie für unsere Kinder, aber auch für uns, und nur in zweiter Linie darum, der Welt unser Land, Australien, zu präsentieren.

SZ: Während Ihre amerikanischen Kollegen ihr Land in immer härteren, düstereren Western zeigen, geht es bei Ihnen sehr schwelgerisch und romantisch zu.

Luhrmann: Ich bewundere Leute, die realistisches Kino schaffen, aber mich interessieren all die Dinge, die möglicherweise unerreichbar sind, nach denen wir aber streben sollten. Romantik bedeutet, man strebt nach dem Ideal - in diesem Sinne bin ich sicher ein hemmungsloser Romantiker. Klischees existieren ja nur, weil sie eine universelle Wahrheit bergen. Manchmal leiern sie aus, aber das Spiel besteht darin, die Schraube immer wieder etwas weiter zu drehen. Wenn ich so knallig arbeite, hat das übrigens nichts mit meinen persönlichen Geschmack zu tun, der ganz anders ist als meine Filme - wir leben in einem Apartment mit völlig weißen Wänden. Im Kino arbeite ich mit diesen theatralischen Farben, weil sie meinem Ziel am effektivsten dienen. Geschmack ist der Feind der Kunst, denn mein persönlicher Geschmack ist etwas sehr Kleines, ich hingegen suche etwas Universelles und Großes, um die Zuschauer emotional zu berühren. Um das zu erreichen, mache ich, was immer nötig ist.

SZ: Dann glauben Sie also auch nicht, dass ein Mann wie der Drover, den Hugh Jackman spielt, an einem einzigen Ort glücklich werden kann?

Luhrmann: Keine Sekunde lang glaube ich das, ich glaube auch nicht, dass Sarah (Nicole Kidman) diesen Mann lieben könnte ohne seine Sehnsucht nach der Weite, genauso wie er sie nicht lieben würde, wenn sie nicht so widerspenstig und aufrührerisch wäre. Die Kunst einer funktionierenden Beziehung besteht darin, die Unterschiede zu respektieren. Wie die beiden leben werden, bleibt am Ende ja auch offen - ich habe sechs verschiedene Enden geschrieben, zwei davon gedreht, und dann noch ein drittes gefunden, das jetzt im Film ist.

SZ: Sie haben immer eine sehr musikalische Art, Filme anzugehen, selbst wenn es sich nicht um ein Musical handelt.

Luhrmann: Das hat vor allem damit zu tun, dass die Art Kino, die diesen Film inspiriert hat, sehr musikalisch ist. In einem Film wie "Lawrence of Arabia" sind es eben nicht die Dialoge, die von T. E. Lawrences Verhältnis zur Wüste erzählen, sondern mächtige musikalische Themen. Und "Casablanca" war für mich eine so wichtige Inspiration, weil der emotionale Schlüsselmoment des Films in einem Song liegt. In "Australia" verbindet der Junge ein konkretes Lied aus einem Hollywoodfilm, "Over the Rainbow", mit seiner eigenen Mythologie, und am Ende ist es dieses Lied, das die Familie wieder zusammenführt.

SZ: Fragen Sie sich manchmal noch insgeheim, wie dieser Film aussehen würde, wenn Russell Crowe den Drover gespielt hätte?

Luhrmann: Um ganz ehrlich zu sein, nein, denn in dem Moment, da Hugh sich die Jeans angezogen hat und den Hut aufsetzte, wurde er zum Drover. Er ist eher der klassische Eastwood- oder John-Wayne-Heldentyp, also habe ich den Film verändert, auf ihn zugeschnitten.

SZ: Wie würden Sie die "merkwürdige Kraft dieses Landes" beschreiben?

Luhrmann: Ich habe sie am eigenen Leib erfahren - ich hätte das gar nicht für möglich gehalten. Es gab einen Punkt, da hatte ich das Gefühl, der Film entgleitet mir, weil er zu groß ist. In diesem Moment der Verzweiflung habe ich beschlossen, eine Nacht draußen zu bleiben, um morgens eine Stunde eher am Set zu sein und mir Klarheit zu verschaffen. Doch dann bin ich sechs Wochen dort geblieben, habe am Set geschlafen. Unter den Sternen am Feuer habe ich über den Film nachgedacht und Frieden empfunden, weil man plötzlich spürt, wie klein so ein Film im Verhältnis zum Universum ist. Diese Weite und Kraft der Landschaft, mit einer Stille, die einen fast verrückt macht, hat mich tief berührt. Sie entzieht uns das Gefühl der Sicherheit und Bequemlichkeit, zwingt uns zur Konfrontation mit uns selbst.

Is' was, Kleiner?

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