Von Joachim Kaiser

Die Bayreuth-Bewerberinnen übertreffen sich mit Konzepten, wie den Festspielen aus der Führungskrise herauszuhelfen wäre - und übersehen dabei das Essentielle.

Alles, was in Bayreuth passiert, interessiert nach wie vor die Öffentlichkeit. Als Wieland und Wolfgang Wagner 1951, blutjung, ihr neues Wagner-Theater präsentierten, gab es eine berühmte Schlagzeile: "Weltdiskussion um Bayreuth". Und dabei ist es geblieben bis auf den heutigen Tag.

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Die Verwirrung, wer mit wem, oder allein, Bayreuth weiter lenken soll, wenn der 88-jährige Patriarch endgültig resigniert, hat weitreichende Konsequenzen. Es scheint darum geboten zu sein, auch einmal die Essentials, nämlich die gewichtigen Selbstverständlichkeiten, zu fixieren, die nach wie vor den Ruhm und Rang Bayreuths mitausmachen.

Work in progress

Da hat sich, wie durch Osmose, eine nahezu unvergleichliche Orchesterkultur entwickelt, die sich betörend homogen in das von Richard Wagner selbst entworfene Festspielhaus und seine Wunderakustik fügt. Es ist, forciert gesagt, fast gleichgültig, wer dirigiert: Der Klang fasziniert. Steht gar ein Meisterdirigent wie Thielemann am Pult, dann erlebt Bayreuth auch heute große Stunden. Ähnliches, wenn nicht noch Emphatischeres, wäre über den Festspielchor vorzubringen. Er gehörte und gehört zu den Säulen der Bayreuther Tradition.

Da die dortigen Inszenierungen nicht auf Perfektion angelegt sind, sondern auf Entwicklung und alljährliche Verbesserung (work in progress), stören Schwächen oder Ungenauigkeiten die aus der ganzen Welt herbeieilenden Wagnerianer kaum. Bekanntlich existiert kein Festspiel, weder in Deutschland noch anderswo, das derart sicher damit rechnen darf, stets alle Plätze mehrfach verkaufen zu können.

Dabei sind die gegenwärtigen Schwächen im sängerischen Bereich kaum zu überhören. Man braucht nicht so weit zu gehen, wie einst der Dirigent Carlos Kleiber, der grimmig behauptete, heutzutage sei es sogar unmöglich, "Peterchens Mondfahrt" angemessen zu besetzen. Doch dass der Weltgeist offenbar eine Antipathie hegt gegen hochdramatische Wagner-Tenöre - wie verzweifelt suchen unsere Bühnen nach Sängern, die der Tristan-Rolle gewachsen sind, dem Siegfried, dem Lohengrin - es liegt offen zutage. Bei den Damen sieht es glücklicherweise ein wenig besser aus.

Angedeutete Konzepte

Nun überbieten sich die Bayreuth-Bewerberinnen mit angedeuteten Konzepten, wie dem ja immer noch erfolgreichen Bayreuth aus der gegenwärtigen Führungskrise herauszuhelfen wäre. Dabei wurden unsinnige Vorschläge gemacht, und dann pflichtschuldig wieder zurückgezogen. So wäre es schlechthin selbstmörderisch, den Wagner-Charakter der Festspiele aufzuweichen, indem man auch Puccini, Verdi, oder gar Orff ins Programm nimmt.

So scheint auch die Koalition zwischen einem seinem Wesen nach höchst traditionalistischen "werktreuen" Dirigenten wie Christian Thielemann und der gewiss sehr fleißigen, sich sorgfältig auf Bayreuths Personal und die dortigen Organisationsprobleme einlassenden Katharina Wagner kaum denkbar. Denn die junge Katharina vertritt anscheinend eine radikal andere Kunstvorstellung als Thielemann. Sie hält es für richtig und wird dafür akklamiert, etwa aus den Protagonisten der "Meistersinger" Professoren einer Kunst-Akademie zu machen.

Doch dürfen die "Meistersinger" nicht als staunenswert konkret gedichtete und komponierte Zusammenfassung von Wagners Wissen um Wort und Ton gelten? Selbst Strawinsky, weiß Gott kein Wagnerianer, schwärmte davon, wie ungeheuer ihm bei frühen Begegnungen mit den "Meistersingern" Wagners exakte Beschäftigung mit dem Handwerklichen des Singens und Komponierens imponierte.

Bizarres Trio

Dass zu dem respektablen, ungleichen Paar Katharina Wagner/Thielemann sich auch noch der moderne Komponist und hochintelligente Manager Peter Ruzicka gesellte, schuf ein recht bizarres Trio.

Unglücklicherweise konnte Wolfgang Wagner, der nach dem Tode seines künstlerisch wohl kühneren, begabteren Bruders Wieland, zunächst ein fabelhafter Festspielleiter gewesen ist, die Erfahrung machen, dass Events auch in Bayreuth vom Publikum und von der Presse genauso gefeiert werden wie seriöse künstlerische Arbeit. 1976 besaß Wolfgang Wagner den Mut, Boulez und Chéreau einen (mittlerweile fast überschätzten) Jahrhundert-Ring produzieren zu lassen. Noch kühner war es, danach Peter Hall und Georg Solti zu engagieren...

Als Wolfgang Wagner freilich später den gewiss genialen Heiner Müller mit einer "Tristan"-Inszenierung betraute, wagte er es zum ersten Mal, einen Wagner-Fremdling nach Bayreuth zu holen! Auch der phantasievolle Christoph Schlingensief kannte noch ein paar Wochen vor seiner Inszenierung kein Wort und keinen Ton des "Parsifal". Und der vorzügliche Schauspiel-Autor Tankred Dorst hatte nie in seinem Leben eine Oper, eine Wagner-Oper, gar den "Ring", und das noch in Bayreuth, inszeniert: Was aber weder ihn noch Wolfgang Wagner hinderte.

Stärken erhalten

Freilich war Wolfgang in Not. Er hatte sich inständig um den tiefgründigen Lars von Trier bemüht, der aber ganz zuletzt doch absagte. Und auf die Frage, welche Regie-Theater-Konzeption ihm denn vorschwebe, so schlicht wie eindringlich antwortete: "Ein Paket, wo Wagner darauf steht, da muss auch Wagner drin sein."

Der Name Wagner ist in Bayreuth Garant für einen einzigartigen Erfolg. Seine Nachkommen nennen sich nicht stolz "Namensträger" (so wie es einst die Angehörigen der Sippe Siemens selbstbewusst taten, mittlerweile wohl eher verhalten tun). Nike, Eva und Katharina zehren zweifellos von der Autorität, die ihnen ihr großer Name verleiht.

Man kann gewiss darüber nachdenken, ob Wagners Frühwerk, nämlich die von ihm selbst grob unterschätzten Opern "Die Feen", "Das Liebesverbot" und der "Rienzi", nicht auch während der Festspiele gezeigt werden sollten. Sie bieten, neben manch Konventionellem, erstaunlich viel Geniales und Theatralisches. Wer aber auch immer das Rennen um Wolfgangs Nachfolge macht, sollte nicht vergessen, wie entscheidend es stets darum geht, die essentiellen Stärken der Bayreuther Wagner-Festspiele am Leben zu erhalten.

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(SZ vom 15.04.2008/ehr)