Bayreuther Festspiele Auftritt Wim Wenders

Ein seriöser Quereinsteiger: Allzu lange schon lassen sich die Bayreuther Festspielchefinnen Zeit mit der wichtigen Entscheidung - nun gibt es das Gerücht, der Filmemacher Wim Wenders könnte 2013 den "Ring" in Bayreuth inszenieren.

Von Reinhard J. Brembeck

Allzu lang schon lassen sich die Bayreuther Festspielchefinnen Katharina und Eva Wagner Zeit mit ihrer Entscheidung, wer 2013 den "Ring des Nibelungen" inszenieren soll. Dementsprechend aufgeregt wird über diese Personalie spekuliert. Ein neuer "Ring" in Bayreuth ist immer von höchstem Interesse - dieses Mal aber ist es noch größer als sonst. Denn 2013 wird der 200.Geburtstag von Richard Wagner gefeiert. Zudem möchten die Bayreuth-Sisters in Konkurrenz treten zum Jahrhundert-"Ring" von 1976, hundert Jahre nach der Uraufführung der Tetralogie von Patrice Chéreau als Kapitalismuskritik in magischen Bildern inszeniert und von Pierre Boulez dirigiert - dank der Verfilmung ist dies die einflussreichste Opernarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wer inszeniert am Grünen Hügel? Besonders 2013, zum 200. Geburtstag von Richard Wagner, wird diese Entscheidung mit Spannung erwartet.

(Foto: dpa)

Wie zu solcher historischen Last ein Gegengewicht finden? Zumal schon viele große und mittlere Häuser mit eigenen "Ringen" unterwegs sind: Paris (Günter Krämer & Philippe Jordan), Mailand und Berlin (Guy Cassiers & Daniel Barenboim), New York (Robert Lepage & James Levine), Wien (Sven-Eric Bechtolf & Franz Welser-Möst), Hamburg (Claus Guth & Simone Young), Frankfurt (Vera Nemirova & Sebastian Weigle) und bald München (Andreas Kriegenburg & Kent Nagano) - nur Baden-Baden, das gern die wichtigste Festspielstadt neben Salzburg und Bayreuth wäre, ziert sich noch mit der Bekanntgabe des Regisseurs, nur der Dirigent steht fest: Christian Thielemann. Gegen diese Heroenriege müssen die Bayreuther nun nicht nur bestehen, sondern das interessanteste Angebot abgeben, um ihren Führungsanspruch in Sachen Richard Wagner zu behaupten.

Nun ist durchgesickert, der Tagesspiegel hat es kolportiert, dass der Filmemacher Wim Wenders den Bayreuther "Ring" stemmen soll. "Ja, wir verhandeln mit Wim Wenders", hat Katharina Wagner erklärt, "wenn auch noch nicht alle Punkte geklärt sind." Falls also Wenders - "ein seriöser Quereinsteiger mit interessanten Ideen zu Wagner" - der neue "Ring"-Regisseur wird, wäre das ein gewaltiger, alle Konkurrenten auf die Plätze verweisender Coup. Der noch dadurch gesteigert wird, dass Kirill Petrenko, das ist schon länger bekannt, dirigieren wird: ein Senkrechtstarter der Szene, der fast schon so hoch gehandelt wird wie Christian Thielemann.

Wim Wenders: Filmemacher, Popmusikliebhaber, Mythenerzähler. Seit seinem in Schwarzweiß über die deutschen Straßen tuckernden Roadmovie "Alice in den Städten" (1974) ist er bei den Cineasten anerkannt, mit "Paris, Texas" (1984) und "Der Himmel über Berlin" (1987) wurde er einem breiten internationalen Publikum bekannt. Wenders, Jahrgang 1945, drehte auch Musikfilme über den kubanischen Altenmusikerverein Buena Vista Social Club und über BAP, auf der diesjährigen Berlinale wird seine Hommage an die im Juni 2009 gestorbene Tanztheatermeisterin Pina Bausch laufen. All dies macht Wenders für den "Ring" interessant, als einen, der im Heute die Mythen aufzuspüren weiß.

Doch Wenders hat noch nie eine Oper inszeniert. Auch Chéreau konnte da nur weniges vorweisen, als er in den "Ring" trat, doch er war bereits ein brillanter Theaterregisseur, jede Szene seines "Rings" beweist diese Meisterschaft. Genuine Filmregisseure dagegen tun sich - mit der großen Ausnahme Luchino Visconti - regelmäßig schwer mit dem Genre Oper, das gilt für Lina Wertmüller, Werner Herzog, William Friedkin, Ken Russell, Volker Schlöndorff. Großes für die Opernbühne ist ihnen allen nicht gelungen. Das dürfte an den diametral entgegengesetzten Bildfindungsmethoden für Film wie Oper liegen: Oper arbeitet immer mit der Totalen, deren Rhythmus von der Musik kontrolliert wird, im Film ist die Totale bloß ein mögliches Mittel, der Rhythmus ganz ins Ermessen des Regisseurs gestellt. Vor diesem Hintergrund darf man die Wahl von Wim Wenders als Opernregisseur mit leichter Skepsis betrachten.

Aber Bayreuth liebt seit jeher das Risiko, begünstigt wird diese Politik durch eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte: Dirigenten überraschen nur mehr selten durch außergewöhnliche Wagner-Großtaten, und die Sängerriege spiegelt meist nur die aktuelle Gesangsmisere wider. Also versucht man in Bayreuth wie an vielen anderen deutschen Häusern durch die Wahl der Regisseure zu überraschen. Der größte dieser Coups war die Verpflichtung des Filmregisseurs Lars von Trier für den "Ring" von 2006, auch er ein mythenkompetenter, aber opernunerfahrener Meister. Doch Trier sagte ab, und Bayreuth kürte den genauso unerfahrenen Literaten Tankred Dorst - seine Arbeit erntete wenig Zustimmung.

Während für die anderen Wagner-Opern in Bayreuth eigenwillige Regisseure wie Claus Guth, Christoph Marthaler, Hans Neuenfels, Christoph Schlingensief, Stefan Herheim, Katharina Wagner und Sebastian Baumgarten genügen, braucht es für 2013 nun den ganz großen Überflieger. Das genau könnte Wim Wenders sein: unverbraucht für die Oper, bekannt, populär und ein undogmatischer Bilddenker. Er könnte also der ideale Mann für diese gewaltige Aufgabe sein - wenn sich das Gerücht bewahrheitet.