Bayerische Staatsoper Wunder aus Sibirien

Große Emotionen plus Detailverliebtheit: Die Bayerische Staatsoper verpflichtet den gefragten Dirigenten Kirill Petrenko - und entscheidet sich damit für Musikantenmainstream der besonderen Art.

Von Reihnard J. Brembeck

Jetzt ist auch Sibirien ein Stück von Bayern. Erwartungsgemäß verkündete Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) am Mittwoch zur Mittagszeit, dass der 1972 in Sibirien geborene Dirigent Kirill Petrenko ab 2013 der neue Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper sein wird. Petrenko wird auch, das ist schon länger bekannt, ab 2013 den neuen Bayreuther "Ring" dirigieren. Damit ist es Bayerns berühmtesten Klassikmusikwerkstätten gelungen, einen der weltweit gefragtesten jüngeren Dirigenten fest ins Land zu holen.

Kirill Petrenko, ab 2013 neuer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, ist eher ein Freund des Bewährten.

(Foto: dpa)

Wer ist Kirill Petrenko? Berühmt ist er seit 2001, als er in Meiningen den Wagner-"Ring" ungewöhnlicherweise an vier Tagen hintereinander auf die Bühne brachte. Seither hat er sich vor allem als Romantiker einen Namen gemacht. Als einer, der die Spätromantik zutiefst liebt, sie aber schroff auf ihre Schründe, Verwerfungen, Bedrohungen und Untiefen befragt. Ein Handwerker, ein Kapellmeister, der Musiker und Sänger dicht an die Partitur anbindet und zudem Publikum wie Kritiker zu beseligen weiß.

So hat Petrenko rasant Karriere gemacht. Als Jugendlicher nach Österreich übergesiedelt, Musikchef in Meiningen und an der Komischen Oper Berlin, seit 2007 freier Dirigent mit weltweiten Verpflichtungen. Wollte Petrenko nach Berlin kein festes Engagement mehr haben, so hat er sich jetzt bekehrt. Gehört die Münchner Staatsopern doch zu den ganz großen Opernhäusern, denen keiner die kalte Schulter zeigen würde.

Meister des Mainstreams

Petrenkos Repertoire reicht von Mozart, den er sich in Berlin als herben Revoluzzer erarbeitet hat, über Wagner und Tschaikowsky bis hin zur klassischen Moderne. Die Moderne selbst scheint ihm so wenig am Herzen zu liegen wie Barockmusik. Damit beweist sich Petrenko als Meister des Mainstreams - wie viele seiner älteren Kollegen in solch elitären Positionen: Franz Welser-Möst in Wien, Antonio Pappano an Londons Covent Garden, Christian Thielemann demnächst in Dresden oder Fabio Luisi, der als Levine-Nachfolger für New Yorks Met gehandelt wird. Offenbar verlangen diese traditionellen Institutionen derzeit nach Traditionalisten, die im Neuen eher das Bewährte entdecken als das Ungewohnte, Verschreckende.

Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass Münchens derzeitiger Opernchef Kent Nagano unter recht unwürdigen Bedingungen zum Amtsverzicht gedrängt wurde. Denn Nagano tut sich mit dem Betrieb sehr viel schwerer als die genannten Dirigenten. Er ist ein Mann der Moderne, er ist ein Sinnsucher, er steht dem Musikantischem fremd gegenüber. Das führt manchmal zu einem grandiosen Scheitern, immer wieder aber zur Erleuchtung. Jedenfalls klingen bei Nagano Orchester und Stücke meist ganz anders als gewohnt. Durchgeistigter, lichter, schwereloser, esoterischer.

Petrenkos Klangvorstellung orientiert sich dagegen eher an dem, was man üblicherweise von den jeweiligen Stücken erwarten würde. Nur dass Petrenko diese Vorstellungen oft präziser und drängender als üblich umsetzt, dass er die große romantische Emotion durch Detailverliebtheit konterkariert, sie in auffallend deutlichen Konturen einfasst.

Petrenko und sein Staatsintendant Nikolaus Bachler passen vom Naturell und den Interessen her gut zusammen. Auch was die Regie angeht. Petrenko hat sich, zumindest an der Komischen Oper, recht offen gezeigt für harsche Bühnenlösungen. Er hat sogar Calixto Bieitos sexuell derb aufgemotzte "Entführung" mitgetragen, die einen Miniskandal provozierte.

Barock und Moderne bleiben Fußnoten im Programm

So dürfte er keine Probleme mit Bachlers Vorliebe für Sprechtheaterregisseure haben, die ein vielfach postmodern gebrochenes Weltbild zu den Stücken liefern. Auch Bachlers Drang zum Musiktheatermainstream wird von Petrenko sicherlich mitgetragen. So werden Barock und Moderne weiterhin bloß Fußnoten im Programm sein, während die manchmal fragwürdige Verpflichtung von großen Sängerstars zunehmen dürfte.

Petrenko ist verwundbar. Wie viele Dirigenten hat er Rückenprobleme. Deshalb sagte er vor einem Jahr die Wiener Premiere von Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Msensk" ab. Das zeigt, dass er nicht maßlos belastbar ist. Aber die Belastungen in München werden sehr groß werden. Nicht nur, weil Petrenko vierzig Abende an der Staatsoper dirigieren will. Was zwar nach nicht übermäßig viel klingt und es auch nicht wirklich ist, aber dem heutigen Arbeitspensum vieler Opernchefs entspricht.

Ein großes Problem wird in diesem Zusammenhang Bayreuth werden. Dort soll Petrenko 2013, noch vor seinem Münchner Amtsantritt, den Jubiläums-"Ring" zu Wagners 200.Geburtstag dirigieren. Dieses Engagement aber hat es in sich. Denn Bayreuth wird darauf bestehen, dass Petrenko auch in den Folgejahren den "Ring" dirigiert. Dann aber würde er ausfallen für die Münchner Opernfestspiele, die fürs Einspiel und Rennomee des Hauses extrem wichtig sind, weil sie eine Werkschau der Saisonpremieren liefern.

Wenn Petrenko da fehlt, wäre das nicht nur ein Ansehensverlust, es würden auch teure Ersatzdirigenten nötig, und der unverkennbare, auf den Musikchef zugeschnittene Werkschaucharakter ginge verloren. Das wäre ein Fiasko, das sich Bachler nicht bieten lassen darf. Schon im Fall von Christian Thielemann und den Münchner Philharmonikern führte das Bayreuther Engagement des Dirigenten zu schweren Verwerfungen, die jetzt auch der Staatsoper drohen.

Bereit, die Herrscherschwestern dort auf ihrem Hügel (lustvoll) zu düpieren

Nun ist Bachler ein Intendant mit sportiven Ambitionen. Den Konflikt mit Bayreuth wird er nicht scheuen. Auch wenn Petrenko - nachvollziehbar und völlig zu Recht - klar gemacht hat, dass ihm Bayreuth sehr wichtig ist. Also: wichtiger als München. Der Ausgang dieses Interessenkonflikts verspricht ein spannender Opernkrimi zu werden. Nicht auszuschließen, dass Bachler versuchen könnte, Kent Nagano aus dem für 2012 angekündigten Münchner "Ring" zu drängen und ihn statt dessen Petrenko zu geben. Als Kompensation für Bayreuth, und auch um die Herrscherschwestern dort auf ihrem Hügel (lustvoll) zu düpieren.

Die Erwartungshaltungen an Petrenko sind groß, aber auch konfus. Weil seine Klangvorstellungen in München ziemlich unbekannt sind und sie sich gerade aus seiner Janacek-"Jenufa" auch nicht hochrechnen lassen. Dass ein Musikmarkt, der in Fragen junger Dirigenten derzeit sehr hysterisch agiert, ihn als Heilsbringer preist, muss nicht viel bedeuten. So bleibt gespannte Erwartung.

Petrenko jedenfalls hat das große Los gezogen, viele Sympathisanten hat er auch schon. Das andere große Los aber hat Nikolaus Bachler gezogen. Dessen Wirken in München schwebt derzeit zwischen geschäftig belanglos und echtem Aufbruch. Entschieden ist da noch nichts. Falls der Bachler-Masterplan auch in den nächsten Spielzeiten nicht aufgeht, kann man mit ihm jetzt zumindest aufs Jahr 2013 fiebern, wo dann alles ganz anders und viel besser werden soll.