Trotz dieser Machtfülle sind einem Intendanten dennoch Grenzen gesetzt.

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Die äußeren Grenzen sind schnell beschrieben, sie werden durch die Politik definiert. So gilt Schuldenmachen heutzutage als eine Todsünde, und mittlerweile muss jeder Intendant als williger Sparkommissar funktionieren.

Die ausgebuhte Inszenierung

Vor allem aber muss der Intendant das Renommee der Stadt oder des Bundeslandes steigern, dessen Haus er vorsteht. Er soll Aufmerksamkeit erregen, bei Publikum wie Medien - ohne dabei jedoch als unqualifizierter Krachmacher aufzufallen, weil das dem Ansehen schaden würde. Dass viele Opernintendanten gerade ihr traditionelles Publikum regelmäßig durch moderne Inszenierungen provozieren, wird von der öffentlichen Hand durchaus geschätzt. Denn so lange der Unmut ein gewisses Grummeln nicht übersteigert, fördert das die Attraktivität des Hauses: Nur die ausgebuhte Inszenierung garantiert Aufmerksamkeit.

Andere Grenzen werden dem Intendanten vor allem durch die eigene Persönlichkeit gezogen. Muss er doch ein Menschenfänger sein, der - trotz und gerade wegen seiner institutionalisierten Überlegenheit - andere zur Mitarbeit überredet und motiviert. In der Regel sind Intendanten keine Künstler, und das ist gut so. Der Künstlerintendant hat nämlich allzu leicht nur seine eigenen Interessen im Sinn und verliert so die der anderen Ensemblemitglieder aus dem Auge.

Damit aber vergeht er sich an der zentralen Forderung, dass ein Intendant ein Pater familiaris zu sein habe, der all seine Mitarbeiter moderierend zu befeuern habe. Also gibt es auch nur wenige Beispiele für überzeugende Künstlerintendanzen. Besonders befremdlich sind Dirigentenintendanten, die in aller Regel die Bedürfnisse der Musik über die des Theaters stellen und somit ihr eigenes Scheitern provozieren.

Häufige und heftige Konflikte

Nun ist es ein alte und gern endlos diskutierte Streitfrage, ob in der Oper die Musik oder die Bühne wichtiger sei. Die Antwort aber ist ganz klar: Musik ist in der Oper das entscheidende Mittel, um Theater zu machen. Deshalb muss so gut wie möglich musiziert und dirigiert werden.

Aber Musik darf sich dabei nicht Selbstzweck sein wie im Konzert, sondern Mittel, um damit Theater zu machen, Charakter auf die Bühne zu stellen, Konflikte zu zeichnen oder Leidenschaften zu vermitteln. Dirigenten, Sänger und Hörer, die das nicht verstehen, werden sich immer schwer tun mit dem Hybrid Oper, das sich seit 400 Jahren Jahren scham- und hemmungslos bei sämtlichen ihr erreichbaren Künsten bedient.

Musiker mögen es aber gar nicht gern, wenn, wie im Theater, Musik benutzt wird. Deshalb sind die häufigen und heftigen Konflikte vorprogrammiert, die es zwischen Opernintendanten und ihren Chefdirigenten gegeben hat und gibt.

Schon Verdi focht einen (letztlich vergeblichen) Kampf dafür, dass seine Lady Macbeth nicht schön singen dürfe: Hässlich muss sie singen, um einen hässlichen Charakter zu zeichnen. Denn in der Oper zählt immer die Wahrheit der Szene und nicht die absolute Logik der Musik, die zum dienen verdammt ist. Und weil das so ist, steht an vielen Häusern der Opernintendant in der Hierarchie über dem Chefdirigenten, was für viele Musikfreunde einfach nur Unsinn ist.

Andererseits ist der Intendant die Geisel des Chefdirigenten. Man kann durchaus mit matten Sängern und einer schwachen Regie einen packenden Opernabend zustande bringen - wenn der Dirigent konsequent auf die Szene hindirigiert. Deshalb war beispielsweise für Zürichs dominanten Opernchef Alexander Pereira die Frage des Chefdirigenten immer zentral, weshalb er sich lange Zeit Franz Welser-Möst als Favoriten hielt.

Macht- und theaterbewusst

Sein noch sehr viel machtbewussterer Wiener Kollege Ioan Holender aber kam lange Zeit ganz ohne Musikdirektor aus, erst spät wählte er den wunderbaren, extrem höflichen und kaum machtversessenen Seji Ozawa. Der konnte Holenders Position nun wahrlich nicht erschüttern. Zudem war Holender, anderes als Pereira, vor allem an Sängern interessiert - weil anderes die Wiener sowieso kaum interessiert. Doch nun folgt Welser-Möst auf Holender, mit einem kaum sichtbaren, also womöglich schwachen Intendanten an seiner Seite: Ob das gut gehen wird, ist fraglich. In und an Wien ist schon eine beachtliche Reihe von großen Dirigenten gescheitert.

Blickt man vor diesem Hintergrund nach München, versteht man, den Weg den der ebenfalls äußerst machtbewusste und theaterbewusste Staatsintendant Nikolaus Bachler dort eingeschlagen hat. Ich bin das Theater, mag er nun denken, da sein Generalmusikdirektor Kent Nagano das Handtuch geworfen hat. Denn nun kann Bachler ungestört das Erbe von Pereira, Holender und Everding antreten.

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  1. Ich bin das Theater
  2. Sie lesen jetzt Schuldenmachen ist eine Todsünde
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(SZ vom 08.07.2010/rus)