Barbra Streisand beginnt ihre erste Europatournee mit einem Konzert in Zürich: Ticketpreise von 2000 Franken wurden anstandslos gezahlt - und waren jeden Rappen wert.
Die Diva kommt nicht von oben herab, sondern von unten herauf, quasi aus der Versenkung, wie aus dem Bauch eines Luxusdampfers steigend, dessen Oberdeck die Bühne bildet. Das rückwärtige Geländer schaut dementsprechend wie eine Reling aus, mit Glitzerlämpchen dran. Die große Showtreppe fehlt. Stattdessen führt ein schmaler Brückensteg über die Vertiefung hinweg, in der das Orchester sitzt. Vorne nur ein Barhocker in schickem Design, daneben ein Glastischchen mit einem Rosenstrauß. Es ist Barbra, die mit ihrer Persönlichkeit die Bühne füllt, raumgreifend von Anfang an.
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Von einem Ereignis zu sprechen, wäre untertrieben. (© Foto: AP)
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Von einem Ereignis zu sprechen, wäre untertrieben. So selten, wie der Superstar Barbra Streisand Konzerte gibt, ist jedes einzelne davon immer schon ein Ereignis. Ihre paar Live-Auftritte in den vergangenen 30 Jahren lassen sich an zwei Händen abzählen. In Europa gastierte die multitalentierte Hollywood-Diva und zahlenmäßig erfolgreichste Sängerin aller Zeiten überhaupt nur ein einziges Mal: 1994 im Londoner Wembley-Stadion. Sechs Jahre später nahm sie bei einem Konzert in New York sogar offiziell Abschied von der Bühne, um endlich das leidige Lampenfieber loszuwerden. Doch dann brach die für ihren Perfektionswahn berüchtigte Diva im vergangenen Herbst, mit 64 Jahren, doch noch mal zu einer US-Tour auf. Mit einem so sagenhaften Erfolg, dass sie sich daraufhin endlich auch zu einer Europa-Tournee durchrang, der ersten in ihrer 47-jährigen Traumkarriere.
Das Konzert im Zürcher Hallenstadion, mit dem La Streisand nun zum allerersten Mal auf einer kontinentaleuropäischen Bühne stand, war also eine Sensation und wurde von ihrer gepflegten, meist schon etwas älteren Fangemeinde auch entsprechend bejubelt. Ein Hauch von Feierlichkeit und Einmaligkeit lag in der Luft. Wer dabei sein wollte, musste einige Kosten und Mühen auf sich nehmen: exorbitante Ticketpreise bis zu 1500 Franken - VIP-Packages kosteten mehr als 2000 Franken - sowie lange Warteschlangen und Verzögerungen beim Einlass, verursacht durch strenge Sicherheits-Checks wie am Flughafen. Auffallend viele Fans waren eigens aus Italien angereist, wo Streisand ursprünglich ihre Europatournee beginnen wollte. Doch nachdem es dort heftige Proteste wegen der hohen Eintrittspreise gehagelt hatte, wurde das Konzert kurzerhand abgesagt, ebenso wie das in Nizza.
Auch in der Schweiz hatte der Konsumentenschutz Preis-Alarm geschlagen. Trotzdem war das Zürcher Hallenstadion so gut wie ausverkauft, auch wenn es heißt, dass die Karten zum Schluss regelrecht verhökert wurden. Barbra Streisand live im Konzert zu erleben, ist teuer: ja. Aber es ist, wie sich zeigte, auch ein Ereignis von hoher Kostbarkeit. Und es kommt nicht zuletzt einem humanitären Zweck zugute. Einen Großteil der Konzert-Einnahmen gedenkt die Sängerin nämlich in ihre Barbra Streisand Foundation zu stecken, jene Stiftung, mit der sich die engagierte Demokratin seit Jahren für soziale Projekte, Frauenrechte und Umweltschutz einsetzt. Ihre Amerikatournee 2006 erbrachte dafür allein rund zwölf Millionen Dollar.
Sie war schon immer eine politische Frau und eine ganz und gar unpolitische Diva. Keine einzige politische Zeile findet sich in ihrem Repertoire, in denen sie die Höhen und Tiefen der Liebe auslotete, wie es sich für einen Popstar gehört. Doch privat ging sie oft zum Angriff über. Sie griff in Wahlkämpfe ein, machte Stimmung, trat für Bill Clinton und Al Gore auf die Bühne.
Hin und wieder vermischten sich diese beiden Seiten ihres Lebens. Dann predigte sie während ihrer Auftritte zum Publikum oder wetterte in Interviews und Sketchen gegen George W. Bush. Nichts davon jetzt in Europa, nur der allgemeine Aufruf zu "peace, compassion and tolerance". Hier gibt sie die Diva, auf die ihr Publikum jahrzehntelang gewartet hat. Eine Diva, die auch menscheln kann.
Sobald Barbra Streisand die Bühne betritt, sind alle Diskussionen um Politik und Preiswucher vergessen. Dann zählt nur noch sie, diese Frau mit der einzigartigen Stimme und der Aura einer klugen, in allen Lebens- und Liebesdingen erfahrenen Königin, der wohl letzten dieser Art. Standing Ovations, wenn sie in einem langen schwarzen Spitzenkleid erscheint, um zu ihrem ersten Lied anzusetzen: "Starting Here, Starting Now". Zuvor hatte ihr das 58-köpfige Orchester unter der Leitung von William Ross mit der Broadway-Ouvertüre zu "Funny Girl" ein formvollendetes Entree gegeben. Doch der Abend zielt nicht so sehr auf Glamour und Show, sondern auf Intimität: "Simply Barbra".
Live versteht man sofort, warum sie als letzte große Showgöttin gefeiert wird. Barbra Streisand verleiht dem Pop eine Aura des Klassischen, Beständigen. Ihre Stimme ist noch immer von einer unfassbaren Intensität und Kraft. Und sie klingt so jung wie vor 40 Jahren. Jeder Song erzählt eine Geschichte für die Ewigkeit, und das große Orchester klingt zeitlos opulent. Hits wie "Down With Love", "The Way We Were" oder "People" interpretiert sie so gefühlvoll und dramatisch und wissend, dass sie einem direkt am Herzen packt und ihr Publikum begeistert von den Sitzen reißt.
Das Programm folgt im Wesentlichen dem ihrer US-Tour vom vergangenen Jahr, das vor kurzem auch als Live-Konzert auf CD erschienen ist. So setzt sie sich auch hier ans Klavier und klimpert wie ein kleines Mädchen ihren ersten Song, den sie im Alter von 22 geschrieben hat: "Ma Premiere Chanson". Der Text erzählt davon, dass ihre erste eigene Komposition nicht ohne ihre erste Liebe entstehen konnte - Musik und Gefühl gingen bei Barbra Streisand schon immer Hand in Hand. Gleich darauf folgt noch eine eigene Komposition: "Evergreen", der Hit aus "A Star Is Born", für den sie 1979 einen Oscar bekam. Sie singt ihn im Quintett mit den vier Jungs vom Broadway, die sie als "special friends" für ihre Show mitgebracht hat und denen sie für zwei Musical-Nummern auch mal die Bühne alleine überlässt, während sie selbst sich umzieht, um sodann in einer neuen schwarzen Glitzerrobe mit seitlichem Schlitz zu erscheinen. Die vier "boys" machen zwar eine gute Figur, sind aber letztlich nur Schnulzentenöre, mit denen Songs wie "I Finally Found Someone" oder "The Music Of The Night" hart an die Kitschgrenze gelangen.
Viele Nummern sind aus "Funny Girl", jenem Musical, mit dem die junge Barbra 1964 am Broadway reüssierte und 1969, in der gleichnamigen Verfilmung, einen Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann. Und das ist doch eigentlich ihre Geschichte, die Geschichte von Barbra aus dem jüdischen Kleinbürgerviertel in Brooklyn, der die Mutter sagt, sie sei zu hässlich für die Bühne, und die sich trotzdem durchkämpft nach oben. Für ihre Fans in Europa singt sie eigens noch einmal "Papa, Can You Hear Me", das Schlusslied aus "Yentl", das sie ihrem früh verstorbenen Vater und "all unseren Vätern" gewidmet hat, anrührend wie ein Gebet in tiefer Nacht. Auch "You Don"t Bring Me Flowers" hat sie zusätzlich in das Programm eingebaut - und erntet dafür Jubel. Zwischen den Songs scherzt und plaudert sie mit dem Publikum und spielt das Funny Old Girl, das mit der Lesebrille und seinem Alter kokettiert: hinreißend charmant, auch wenn sie ihre Anekdoten meist vom Teleprompter abliest und erst nach der Pause so richtig locker vom Barhocker weg spricht. Sie sagt, sie habe in Zürich einen herrlichen Apfelkuchen und die beste Bratwurst ihres Lebens gegessen: "I definitely got a taste of Zurich!" Einzelne Fans, die vor der Show per Kärtchen Fragen eingereicht haben, ruft sie im Publikum namentlich auf, um auf ihre Anfragen einzugehen. Eine Frau wollte wissen, ob dies Streisands letzte Welttournee sei. Die Antwort: "Honey, it"s my first!" La Streisand ist nicht nur ihr Geld, sie ist Gold wert.
Die nächsten Konzerte: 21. Juni Wien, 26. Juni Paris, 30. Juni Berlin.
Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.139, Mittwoch, den 20. Juni 2007
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Nun, ich habe mich schon 1994 darüber geärgert, dass ich zu spät von dem Londoner Konzert erfuhr, wo ich schon einige Jahre darauf wartete, mal die Streisand live zu hören... dann bei einer Wahlkampfveranstaltung in den USA kam ich nicht hin und zum Konzert in Las Vegas hat es auch finziell nicht geklappt. Jetzt bin ich gerade aus HartzIV heraus, als die Tour in Europa bekannt wurde und kriege eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass ich kommenden Samstag in Berlin irgendwo in weiter Ferne live diese Frau höre:-) Klar, als HartzIV-Empfänger hätte ich es mir nicht leisten können (ich hätte mir 100%-ig irgendwo das Geld geliehen und hätte es, auch wenn es Jahre gedauret hätte, abgezahlt). Aber, um da mal auf "jascheer" einzugehen, wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen: was genau kann man sich denn überhaupt mit HartzIV leisten?? Da ist nicht nur nicht ein Streisand-Ticket drin, da ist nichtmals eine reguläre KINOKARTE drin! Eigentlich ist es eine absolute Frechheit von diesem Kommentarschreiber, HartzIV-Empfänger hier ins Gespräch zu bringen - und über meine Bemerkung sollte dieser Verfasser vielleicht einmal nachdenken (denn wie auch mein "Vorredner" muss ich davn ausgehen, dass "jascheer" keine Ahnung hat, was es heißt, von HartzIV leben zu müssen - da macht man sich nicht im Entferntesten Gedanken darüber, wie man eine Streisand-Karte bekommt, sondern wie man sich über den Tag bringt!).
Sehr geehrte(r) jascheer,
sind Sie tatsächlich so naiv, alles zu glauben, was in Zeitungen steht? Lassen Sie sich von jemandem, der selbst im Zürich-Konzert war und aus der Medienbranche kommt , sagen, dass das Stadion, das ca. 10.000 Leute fasst, so gut wie voll war, und die "6000 Leute" ein billiger Seitenhieb einer noch billigeren Schweizer Zeitung waren.
Ansonsten, und das gilt auch für den Kommentar unter dem Ihren:
regen Sie sich doch lieber mal über die (wesentlich höheren) Preise auf, die für Formel-1-Rennen, Boxkämpfe, die Bayeuther oder die Salzburger Festspiele, etc. verlangt werden! Oder tun Sie das nicht, weil diese Dinge vielleicht eher Ihrem Geschmack entsprechen, als Frau Streisand?
Ich habe im übrigen noch nie gehört, dass die Formel-1 oder Herr Wolfgang Wagner von den Ticket- bzw. Kartenpreisen etwas für gute Zwecke spenden würden.
Sie beide können sich ja gerne über die Ticketpreise beschweren und aufregen (wobei man immer noch sagen muss, dass niemand gezwungen wird, eine Karte zu kaufen, oder?), Sie sollten aber doch in der Lage sein, zu differenzieren zwischen den Rahmenbedingungen, die für eine Konzertkritik nun eher marginal interessant sind, und dem - ob man sie nun mag oder nicht - einzigartigen Können einer Künstlerin, das es zu rezensieren gilt.
Und was nun Ihren Vergleich mit Hartz-IV-Empfängern angeht: ich bin überzeugt, dass SiIE natürlich in bescheidensten Verhältnissen leben, sich weder Auto, noch Urlaub oder sonstigen Luxus leisten, und auch noch nie in Ihrem Leben ein Konzert oder ein Theaterstück besucht haben, oder einem sonstigen Vergnügen nachgegangen sind, sondern stattdessen die entsprechenden Geldbeträge regelmäßig wohltätigen Einrichtungen zu Gute kommen lassen...
Sie sind ein guter Mensch, und wenn Ihre Argumentation und Ihr Stil ("zu viel Prosecco im VIP-Bereich"?? Good grief") nicht so zum Heulen wären, müsste man Sie fast mögen, aber halt auch nur fast...
Davon abgesehen, daß mir diese ewige Diskussion über die Eintrittspreise schön langsam auf den Senkel geht (Preise regeln sich nun mal durch Angebot und Nachfrage - siehe auch Sport, Edelmetalle, Aktien.... usw. - da frage ich mich auch oft, wo das noch hinführen soll),
möchte ich doch anmerken, daß eine Karte für die Münchner Opernfestspiele auch bis 360,- kosten kann, und da wird jeder Sitzplatz noch von meinen/unseren Steuergeldern mit fast dem Doppelten des Kartenpreises subventioniert!!! Gell !!!! Und über diese "modernen" und doch unsäglich bornierten und ohne Liebe hingerotzten Inszenierungen weigere ich mich ein Wort zu verlieren!!!! Und ein nicht unerheblicher Teil der Gage wird von Frau Streisand für wohltätige Zwecke verwendet.
Natürlich kann ich mich einer gewißen Schadenfreude nicht verhehlen, wenn Spekulanten, Schwarzhändler und ähnlich nette Zeitgenossen auf ihren Karten sitzen bleiben. Mir tun nur die Streisand-Fans leid, die es sich nicht leisten können, einen Traum - und für mich wird ein Traum am 30.6. in Berlin wahr - Wirklichkeit werden zu lassen. Ich freue mich auf einen Abend voller Emotionen, Gänsehaut, Kitsch und Sentimentalität.... und eine Stimme, die mir die Tränen in die Augen treibt. Und das lasse ich mir von Niemandem vermiesen.
Liebe Frau Dössel, was war denn das für ein Bericht? Vielleicht ein wenig zu viel Prosecco im VIP-Bereich gehabt? Eine 13-jährige hätte über Tokio Hotel vermutlich ähnliches geschrieben. Und dazu ist vom Inhalt her noch so einiges falsch! Wenn ich mal die schweizer Presse zitieren darf:
"Aufgrund überhöhter Ticketpreise kamen trotz später Ramschaktionen nur 6000 Fans zum Konzert. Der enttäuschte Veranstalter fährt einen grossen Verlust ein."
Also selbst in der Schweiz sind Ticketpreise von 2000 CHF ein wenig zu viel und werden bei weitem nicht anstandslos bezahlt, wie Sie zu Anfang suggerieren. Obwohl es sich hier viele Menschen leisten könnten. Aber bleiben wir in Deutschland. 2000 CHF sind etwa 1200 Euro. Wieviele Monate müsste ein Hartz4-Empfänger dafür sparen? Hmm... Und ist ein Ticket für diesen Preis dann jeden Rappen wert, oder einfach nur noch unmoralisch? Denken Sie doch mal darüber nach.
Vor gar nicht allzulanger Zeit war hier auf der "Kultur"-Seite ein Beitrag zu lesen, daß 169 Euro für ein dreitägiges Musikfestival mit über 50 Bands ja ganz schön happig seien. Und jetzt sind 2000 Franken für EINEN Auftritt völlig gerechtfertigt??