Ballettfestwoche Anspruchsvoll albern

Christopher Wheeldon schuf mit seiner "Alice im Wunderland" eine Monster-Show des Eskapismus und überwachte die Endproben des Staatsballetts anlässlich der München-Premiere vor Ort

Von Rita Argauer

Die Ohrfeige sitzt. Séverine Ferroliers Hand klatscht schallend auf die Backe eines Lakaien. Dieser hatte die Ballerina nicht in angemessener Pose gehalten, vielmehr kippte die Solistin weg, was diese in ihrer herrischen Rolle als Herzkönigin überhaupt nicht ertragen kann. In dieser Parodie des Rosenadagios aus dem "Dornröschen", die der britische Choreograf Christopher Wheeldon in seine höchst erfolgreiche Ballettadaption von "Alice im Wunderland" hinein choreografiert hatte, zeigt sich exemplarisch, wie dieses Ballett funktioniert: Der Tanz dient hier als Erzählmittel zu gleichen Teilen wie das Schauspiel und bisweilen auch das parodistische Zitat berühmter Ballettszenen.

Die Tänzer müssen dafür eine ebenso ausdrucksstarke Mimik haben wie eine starke klassische Technik. Am meisten fordert die Titelrolle der Alice. Maria Shirinkina, die die Premiere tanzen wird, und Ksenia Ryzhkova, die die zweite Vorstellung während der Ballettfestwoche übernimmt, sind fast durchgehend auf der Bühne. In den drei Akten verlässt die Figur nur ein einziges Mal die Bühne. Sonst führt sie ihr Publikum durch das Wunderland, in dem so skurrile Gestalten wie der verrückte Hutmacher oder die Grinsekatze auftreten, oder eben auch die Herzkönigin, die mit unbedingter Lust Ohrfeigen verteilt und im schlimmsten Fall Missliebige am liebsten köpfen lassen möchte.

Das weiße Kaninchen (Javier Amo) schippert mit der verwunderten Alice (Maria Shirinkina) in einem Papierschiffchen durch eine magische Welt.

(Foto: Wilfried Hösl)

"Das sind fordernde Rollen", sagt Choreograf Christopher Wheeldon, der für die Endproben des Stücks nach München gereist ist. Nicht jede Tänzerin könne das. Wheeldon, der mit seinem Fokus auf präziser Fußarbeit ganz in der Tradition britischer Choreografen wie Frederick Ashton steht, erklärt: "Dass die Tänzerin den Charakter in all seinen Nuancen versteht und es schafft, die einzelnen Szenen zu verbinden, ist mindestens ebenso wichtig wie die gute Tanztechnik." Doch Wheeldon ist zufrieden mit dem Bayerischen Staatsballett, auch wenn die Kompanie keine so große pantomimische Tradition pflegt, wie das etwa beim Königlich Dänischen Ballett der Fall ist, das die Alice als weltweit dritte Kompanie im vergangenen Jahr aufgeführt hat.

2011 hatte Wheeldon das Stück für das Royal Ballet in London kreiert. Es war die erste abendfüllende Auftragsarbeit, die sich die Kompanie nach beinahe 20 Jahren geleistet hatte. Und angesichts dieser Ehre schöpfte Wheeldon aus dem Vollen. Der 44-jährige Tänzer und Choreograf, der seit 25 Jahren in den USA lebt, sieht sich ästhetisch auf zwei Standbeinen: Neben der englischen Balletttradition, in der er ausgebildet wurde und die er als Tänzer am Royal Ballet lebte, sei er gleichermaßen fasziniert von anderen modernen Theaterformen. Die Alice ist ein Hybrid dieser verschiedenen Prägungen. Sie gilt als Musical unter den zeitgenössischen Handlungsballetten. Der amerikanische Einfluss auf Wheeldon trifft darin auf seine britische Ausbildung.

Fordernd: Für ihre Parts benötigen die Darsteller (hier Javier Amo als Kaninchen) eine starke klassische Technik und Ausdrucksstärke.

(Foto: Wilfried Hösl)

Für Lewis Carrolls berühmte Geschichte entschied er sich jedoch, weil er einen typisch englischen Stoff behandeln wollte. Seine Auftragschoreografie sollte ein Familien-Ballett werden, das vielleicht auch ein Publikum anspricht, dass normalerweise nicht in Ballettaufführungen geht. Ein buntes Spektakel, voll von Theatertricks und Illusionswerk. "Ich denke, die Menschen wollen heutzutage wieder etwas Unterhaltsames und Unschuldiges sehen", erklärt sich Wheeldon diesen Erfolg. Denn die Welt sei eben derzeit alles andere als unschuldig, und die Alice sei eine freudvolle Produktion, die Albernheit, Liebe und ein wenig Eskapismus in der Ausstattung feiere. Er treffe damit wohl eine ähnliche Sehnsucht, die etwa auch der Film "La La Land" befriedigt, meint Wheeldon.

Das Bayerische Staatsballett eröffnet nun mit diesem Stück die erste Ballettfestwoche unter Igor Zelensky. Doch eigentlich ist die Münchner Truppe für diesen lebensfrohen Eskapismus unterbesetzt. Das "Monster", wie Wheeldon das Stück auch nennt, braucht beinahe 60 Tänzer auf der Bühne. Hinzu kommen die notwendigen Zweitbesetzungen. In München hilft dabei die Juniorkompanie aus, dennoch seien die Zweitbesetzungen der Solo-Rollen, wenn diese nicht selbst als Solisten auftreten, anderweitig in dem Stück besetzt. Ein Besetzungs-Karussell, das beim Ausfall eines Tänzers zu einer massiven logistischen Umwälzung führen würde.

Die Premieren-Alice Maria Shirinkina. Choreograf Christopher Wheeldon schätzt die Darstellerin für ihren natürlichen Zugang zur Rolle.

(Foto: Wilfried Hösl)

"Die meisten Kompanien unterschätzen das", sagt Wheeldon, "die gehen davon aus, dass die ,Alice' nur ein großes Ballett sei, so wie ,Romeo und Julia'". Aber auch die technische Seite der Produktion ist kompliziert. Das genaue Timing der Einsätze etwa, weil die Szenen so schnell aufeinander folgen. "Es braucht Zeit, dieses Ballett richtig umzusetzen, und am Ende der Proben herrscht dann auch immer ein bisschen Panik." Dennoch geht Wheeldon davon aus, dass die Münchner Aufführung klappen wird. Er schätzt Maria Shirinkina, die Premieren-Alice, für ihren sehr natürlichen Zugang zur Figur, und die Zweitbesetzung Ksenia Ryzhkova sei eine so starke Tänzerin, dass der technische Part für sie einfach zu bewältigen sei.

"Am wichtigsten ist, dass die Tänzer Spaß dabei haben", sagt er, es sei ein lustiges Stück, und das kommuniziert sich nur, wenn die Tänzer den Spaß selbst spüren. "Sie müssen ganz in diese magische Welt eintauchen." Während der Proben sei das in der trockenen Probensaal-Atmosphäre bisweilen gar nicht so einfach gewesen. Wenn man einem Tänzer in Trainingsklamotten sagt, er solle sich ganz ernsthaft wie ein Frosch verhalten, dann funktioniert das ohne die Kostüme und das Bühnenbild erst einmal weit weniger gut. Doch Wheeldon achte darauf, dass die Proben zwar fordernd und anspruchsvoll sind, aber auch lustig, damit die Tänzer verstehen, dass es jetzt erlaubt sei, richtig albern zu sein: "Sie müssen alle an das Wunderland glauben."

Alice im Wunderland, Montag / Dienstag, 3. / 4. April, 19 Uhr, Nationaltheater, Max-Joseph-Platz 2, Ballettfestwoche noch bis Dienstag, 11. April