Ballett Blind, geblendet, verblendet

Ausstaffiert wie auf einer Safari, liefern Don Quijote (Rachelle Scott) und Sancho Panza (Natsu Sasaki) mit langer Lanze Spiegelgefechte.

(Foto: Jesús Vallinas)

Uraufführung von Goyo Monteros Tanztheaterstück "Don Quijote" in Nürnberg

Jeder Ballettfreund kennt den Grand Pas de deux aus dem "Don Quijote" als Gala-Dauerbrenner. Eine Bravour-Nummer, wobei Don Quijote und Sancho Panza bei Marius Petipas abendfüllendem Ballett nur als Statisten einer Liebesgeschichte figurieren. Goyo Montero, Spanier und Ballettdirektor in Nürnberg, der das Handlungsballett nicht scheut, hat mit seinem "Don Quijote", der just in der Nürnberger Oper uraufgeführt wurde, etwas Anderes, durchaus Triftiges gewagt. Er fragt nach Sein und Schein, sucht nach der Grenze zum Wahnsinn.

Montero greift auf das Original zurück, das in Spanien jedes Kind kennt, und übersetzt es in mehrdeutig schillernde Bilder. In Gang gesetzt werden diese im geöffneten Koffer ihres Erfinders, des leibhaftig auftretenden Schriftstellers und Abenteurers Cervantes. Zum Klingen bringt sie das computergenerierte, bedrohlich anschwellende Glockenspiel, das eingangs die akustischen Minimalstbausteine von Owen Beltons Auftragskompostion dominiert. Und, feiner Einfall: Auch Sancho Panza trägt klingelnd sich bauschende Glöckchenhosen.

Diese hochexpressiven Bilder, sie erinnern an die eines anderen Spaniers, der allerdings erst gut 200 Jahre später als Cervantes geboren wurde - an Goyas Caprichos, "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" betitelt und hier beleuchtet im schummrigen Schwarzgelb alter Meister. Goyas albgeträumte Schimären erfahren durch Montero auch eine vieldeutige zeitliche Transformation: strumpfsockige Menschenmassen in vergilbter historischer Unterwäsche drängeln sich in einem Niemandsland, das ein Armenquartier im 16. Jahrhundert, eine psychiatrische Anstalt, aber auch ein Flüchtlingsasyl von heute vorstellen könnte. Vom Tableau vivant zur Tanztheaterszenerie und wieder zurück ist es für den Choreografen Goyo Montero dabei nur ein winziger Schritt.

In jenem Asyl erwählt Sancho Panza seinen Don Quijote. Von dort ziehen sie aus mit langer Lanze, Herr und Meister, wobei nie klar ist, wer was ist. Denn alle spielen hier sichtbar eine Rolle, die ihnen zugewiesen wird und die zwischendurch auch mal wechseln kann. Und dann sind ja beide in der Premierenbesetzung Frauen, was man erst einmal nicht recht erkennt wegen ihrer hellen Masken vor den Augen, die sie offenbar blind machen für das, was wirklich um sie herum geschieht.

Don Quijotes Dulcinea, ein Fräulein in ausladendem Renaissance-Gewand, ist auch gar kein Fräulein, sondern ein Mann. Als Rosinante dient ihm ein fahrbarer Scheinwerfergalgen. So reist dieser absurd-komische Tross von Station zu Station in 13 Bildern samt Prolog und Epilog. Landet bald an einem Meeresgestade, stochert auf einem untauglichen Bötchen in der See. Menschen werden wie totes Strandgut angeschwemmt. In einer späteren Szene thront Sancho Panza als gekröntes Haupt über seinen Geknechteten in einem grässlichen Verlies, wo dieser geblendet von seiner Macht, stromfoltern lässt.

Nein, Montero begnügt sich nicht mit der Poesie pittoresker Bilder und auch nicht mit dem Herzensausdruck der Musik. Stets schwingt Bedrohlichkeit mit. Am Ende, zum Adagio aus Chopins zweitem Klavierkonzert, klärt sich keinesfalls der Blick. Denn statt eines Feuerwerks zum Happy End schwirren Nebelwerfer. Koffer zu. Bilder aus.