Bald im TV: "Erwachsen auf Probe" Baby to go

Stillen statt studieren: RTL leiht Kindern Kinder und begibt sich damit auf sehr dünnes Eis. Psychologen warnen vor den Folgen für die Säuglinge.

Von Werner Bartens

"Ein Baby ist kein Kuschelersatz, keine Zukunftsprothese", sagt Katja Kessler in einem Interview mit RTL. Die Zahnärztin, Gattin von Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann und Mutter hat früher die Busenbilder auf Seite 1 der Bild mit frivolen Texten versehen und Bücher mit Dieter Bohlen herausgebracht. Damit erfüllt sie gleich mehrere Kriterien, um RTL-Expertin zu werden. In dieser Funktion soll sie die Sendung "Erwachsen auf Probe" begleiten, die bereits fertig abgedreht ist und ab 3. Juni ausgestrahlt wird.

In der siebenteiligen Serie werden jugendlichen Paaren fremde Babys, Kinder und "Halbstarke" (so der RTL-Jargon) ausgeliehen, um die sie sich je vier Tage lang rund um die Uhr kümmern sollen.

Der 18-jährige Mario, laut RTL "bereits mehrfach wegen Raub, Diebstahl und Körperverletzung angezeigt" und "zum Aggressionsabbau" in der Boxhalle aktiv, bekommt mit seiner 17-jährigen Freundin Anji die neun Monate alte Theresa anvertraut. Die 19-jährige Lila und der 16-jährige Sebastian betreuen vier Tage lang Zwillinge. Der Sender hat ein kleines Haus für die Hobby-Eltern gemietet, die sieben Monate alten Chiara und Alicia ziehen mit ein. RTL zufolge erleben die Probe-Erwachsenen, was "Windeln wechseln, schlaflose Nächte und ganz viel Verantwortung" bedeuten. Die vier Paare sollen erkunden, ob sie "wirklich reif sind für den härtesten Job der Welt - eigene Kinder". RTL hat offenbar nur die erwartbar überforderten Teenager im Blick - Ärzte und Psychologen warnen hingegen vor den Folgen für die Babys und deren seelische Gesundheit.

"Ich überlege, Anzeige gegen RTL und die Eltern zu erstatten wegen Kindesmisshandlung", sagt Karl Heinz Brisch, Psychosomatiker am Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Vorsätzlich werden Babys gefährdet und von ihren Eltern getrennt. Die Babys werden weinen, rufen, jammern und enormem Stress ausgesetzt sein." Bei vier Tagen Trennung drohe eine posttraumatische Belastungsstörung.

"Ein entsetzliches Experiment", sagt Michael Scheele, Chefarzt für Geburtshilfe und Neonatologie in Hamburg. "Die Kinder werden Stress ausgesetzt, Puls und Blutdruck steigen, Alarmhormone werden ausgeschüttet." Bindungsforscher kennen die Panikreaktion von Kindern, denen die Bezugsperson genommen wird. "Indem RTL die Kinder existentiellen Ängsten aussetzt, nimmt der Sender Bindungsstörungen in Kauf", sagt Paula Honkanen-Schoberth vom Deutschen Kinderschutzbund. "Sollen wehrlose Babys den Preis dafür zahlen, dass RTL eine große Zuschauerzahl und hohe Werbeeinnahmen erzielen will?"

Frank Rendez von RTL sagt, die Mütter hätten "aus Überzeugung mitgemacht". Manche hätten hinter der Kamera gestanden oder die Kinder nachts bei sich schlafen lassen. Zudem habe die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft "eine pädagogische Absicht" der Sendung erkannt. "Die Kinder waren zu keiner Zeit gefährdet", so Rendez.

Karl Heinz Brisch, der das Trainingsprogramm Safe zur Förderung einer sicheren Eltern-Kind-Bindung begründet hat, fragt sich, welche Eltern bereit sind, ihre Kinder zu verleihen. "Wenn die Kinder nicht weinen, sondern den Jugendlichen um den Hals fallen, ist das erst recht ein Alarmsignal für eine gestörte Bindung zu den Eltern." Brisch hat Sorge, dass der Versuchsaufbau von RTL Schule macht und "Eltern es normal finden, ihre Kinder ohne Not bei Fremden zu parken". In Neuseeland gebe es bereits Baby-Hotels, "wo Säuglinge wie im Tierheim eine Woche abgegeben werden, wenn die Eltern Urlaub machen".

Versuchsobjekt Kind

RTL betont, dass die leiblichen Eltern ihre Babys 24 Stunden am Tag aus dem Haus gegenüber beobachten und das Experiment jederzeit abbrechen konnten. Auch sorgten eine Ärztin und eine Kinderpsychologin "für die absolute Sicherheit der Kinder". Wenn ein Jugendlicher ausrastet, könne nicht verhindert werden, dass er ein Kind schüttelt, fürchtet Brisch. Von den Teenagern werde ja erwartet, dass sie gestresst reagieren.

Leonhard Thun-Hohenstein, Kinderpsychiater an der Universität Salzburg, hat einen Protestbrief an RTL geschrieben: "Für die Jugendlichen ist es ein Spiel ohne die wesentlichste Grundlage: die Beziehung zu diesem Kind! Das Kind wird als Versuchsobjekt verborgt und für das Lernen am Objekt missbraucht. Jugendliche in eine missbrauchende Situation zu bringen, halte ich für genau so wenig angemessen wie ihnen die Babys für mehrere Tage zu überlassen. Wie sollen sie da das lernen, was das wichtigste ist: Beziehungsfähigkeit und Fürsorge!"

RTL-Expertin Kessler will den Heranwachsenden Tipps wie diesen geben: "Hey guck mal, das ist ein lebendiges Wesen und mit ,Patschi-Patschi'-Streicheln über den Kopf ist es nicht getan". Laut Kessler wäre jeder Teenager "ein Riesen-Sieg", der nach der Sendung "mit der Erkenntnis ins Bett geht: Ich lass das noch mal mit der Fortpflanzung, ich fasse erst mal Fuß in meinem eigenen Leben, bevor ich neues produziere". Manche Siege gibt es nur auf Kosten anderer.

Mein Privates ist mir peinlich

mehr...