Einige von uns leben auf Morphium, so stark sind die Folgeschmerzen. Aber in meinem Film konzentriere ich mich auf den inneren Schmerz." Warum Akfotografien? Um die Leute dazu zu bringen, genau hinzusehen. Statt wegzuschauen oder belustigt, verwirrt oder mitleidig zu starren.
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Mit "die Leute" meint er auch sich selbst. Sein Leben lang hat er seine Behinderung verdrängt, indem er seine kurzen Arme bedeckte, am Strand nie das T-Shirt auszog, geschweige denn baden ging: "Ich habe die Straßenseite gewechselt, wenn ich einen Conterganer sah, nur um nicht in einen lebendigen Spiegel schauen zu müssen.
In meiner Eigenwahrnehmung bin ich nicht behindert, höchstens fünf Minuten am Tag." Ihm sei gleich klar gewesen, dass er dieses, sein Thema nur mit Humor aufarbeiten könne: "Das ist der normale Weg, wenn man als Behinderter beim Metzger reinkommt; man macht erst mal einen Witz. Um den Menschen die Chance zu geben, den Mund wieder zuzumachen."
Einmal fährt Glasow in Michael-Moore-Manier mit seinem Filmteam und seinem eigenen Aktporträt vor die Tore der Firma Grünenthal in Aachen. Dort wurde von 1957 bis 1961 Contergan produziert, auch als schon Warnungen über die Gefahren des Mittels vorlagen. Zwei Jahre hatte Glasow um einen Termin gebeten mit dem Juniorchef Sebastian Wirtz - vergeblich.
Angst vor der Angst
Die Wirtz sind eine der wohlhabendsten Familien Deutschlands. Etwa 100 Millionen Mark zahlten sie bisher in eine Stiftung; auf die Opfer gerechnet viel zu wenig, so Glasow.
Eine offizielle Entschuldigung steht bis heute aus. Warum? Es ist, denkt Glasow, die Angst vor der Angst. "Ein paar tausend tote, ein paar tausend verkrüppelte Kinder, das Leid der Eltern: An so viel Schuld leidet man. Die Familie müsste sich ihrem Leid stellen. Aber hat wohl Angst, dass dann alles implodiert."
Worüber würde er mit Sebastian Wirtz reden? "Über die Schuldfrage. Er ist Mitte dreißig, in diese Geschichte hineingeboren, und so in gewisser Weise selbst Contergan-Geschädigter.
Ich würde auch gern mit ihm über das Dritte Reich reden und die Rollen unserer Familien darin. Der Chefchemiker von Grünenthal hat in Krakau an Häftlingen medizinische Experimente gemacht. Und mein Großvater hat zwar Juden versteckt, aber gab auch eine der größten Zeitungen der Nazizeit heraus."
Zu einer Entschuldigung brachte er die Familie Wirtz nicht. Aber er errang doch einen Sieg: "Ich war schwimmen. In einem See. Mit meinem Sohn." Das war Niko von Glasow vorher nie gelungen.
"Nobody's perfect" läuft am 11. September im Kino an. Parallel dazu werden die Aktfotografien ausgestellt, am 31.8. in Köln am Alten Markt, am 4.9. in München am Stachus. Am 7.9. in Berlin am Potsdamer Platz. Das gleichnamige Buch erscheint im Sandmann Verlag.
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(SZ vom 30.08.2008/pak)