Ganz ohne Larmoyanz: Dem contergan-geschädigten Regisseur Niko von Glasow gelang etwas Erstaunliches: eine leichtherzige Dokumentation über Behinderte.
Der Filmemacher Niko von Glasow hat schon so einiges gemacht. Er hat sich eine Tonsur rasiert, um für Jean-Jacques Annauds "Der Name der Rose" einen Mönch zu spielen (seine Szenen wurden alle rausgeschnitten).
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Politisch unkorrekte Witze: Die beiden Darsteller Niko von Glasow (links) und Stefan Fricke. (© Foto: Palladio Film)
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Er hat sich vom kokaingepeitschten Rainer Werner Fassbinder anschreien und zum Würstchenholen abkommandieren lassen. Zuletzt hat er den Film "Nobody's perfect" gedreht, in dem er elf Contergan-Geschädigte überredet, nackt für einen Aktkalender zu posieren. Der Zwölfte ist er selbst.
Nun ist er am Telefon, in London, wo er lebt, wenn er nicht gerade in Köln wohnt: Präzise, offen und heiter erzählt er über den verregneten Londoner Sommer, über seinen zehnjährigen und bereits sehr exzentrischen Sohn namens Mandel, der gerne häkelt, sich unlängst im Pelzmantel der soeben verstorbenen Großmutter neben ihn ins Bett legte und ihn mit den Worten weckte: "Papa - erzähle mir von Hitler. . ."
Glasows Mutter entstammt der Kölner Verlegerdynastie Neven DuMont. Sein Vater, Ernst Brücher, musste als Halbjude ins KZ, gründete später den Buchverlag Neven DuMont.
Seine Tante ist die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher. Glasow nahm den Namen seiner Frau an, vielleicht, wie er heute sagt, um sich von der Überfamilie zu emanzipieren. Schon immer hatte er Regisseur werden wollen; er studierte Regie an der New York University, hospitierte bei Fassbinder und Wenders.
Ein rosafarbener, bebrillter Pinguin
Im Presseheft von "Nobody's perfect" schreibt er: "Ich sehe aus wie ein rosafarbener, bebrillter Pinguin." 1960 kam er mit kurzen Armen auf die Welt.
Seine Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft Contergan eingenommen, um den Kummer über den Tod ihrer Tochter zu lindern, die kurz vorher, mit neun Jahren an den Folgen einer Blinddarmentzündung gestorben war.
Er sei, sagt Glasow, in die Zeit der Trauer geboren worden. Und doch sehr liebevoll aufgewachsen. Er wurde immer herumgetragen, habe viel physischen Kontakt gehabt. Empfand er seine Herkunft ansonsten als Privileg? "Mein finanzieller Hintergrund hat mir künstlerisch einen Freiraum gegeben. Meine Arme, sagt meine Frau immer, haben mich vor großem seelischen Leid beschützt, den typischen Gefahren der Großbourgeoisie: den Sinn im Leben nicht finden, arrogant werden."
"Nobody's perfect" ist Glasows fünfter Film, und ihm ist damit etwas Erstaunliches gelungen: ein relevantes Stück Unterhaltung, das eine bittere Episode deutscher Geschichte mit angelsächsischer Heiterkeit verarbeitet, frei von Larmoyanz.
Die Ehre gelassen
Mit einem Kamerateam besucht Glasow elf Contergan-Geschädigte, sechs Frauen, fünf Männer. Er erzählt ihnen von sich. Macht politisch unkorrekte Witze. Und fragt so ziemlich alles, was man niemanden fragt, den man seit fünf Minuten oder auch schon seit fünf Jahren kennt: Ob er schon einmal den Wunsch verspürt hätte, sich das Leben zu nehmen. Ob er seinen Penis zu klein finde.
Jede der Biographien würde eine Dokumentation füllen. Da ist Stefan Fricke, ein Astrophysiker, der sich als Kind für einen Löwen hielt. Da ist die Bürgermeisterin Kim Morton, die einen Hungerstreik organisierte, der britischen Contergan-Opfern höhere Entschädigungen einbrachte. Oder Mat Fraser, ein sarkastischer, glänzend formulierender Schauspieler, der sein Schicksal persifliert.
Alle Akteure wirken reflektiert, selbstironisch, souverän, wenn auch Nervosität spürbar wird, als es darum geht, nackt vor die Welt zu treten. "Natürlich habe ich alles getan, um ihnen die Ehre zu lassen. Nicht gefilmt, wie sie vor die Kamera gekrochen sind.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, über was sich Glasow gerne mit dem Juniorchef der Firma Grünenthal unterhalten würde, die von 1957 bis 1961 Contergan herstellte
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