Autorin Heike Geißler Endstation Amazon

Im Akkord wird die Warenflut in das Computersystem aufgenommen - "receiven" nenne man das, erklärt Heike Geißler.

(Foto: Peter Endig/dpa)

Erst Bestsellerautorin, dann Aushilfskraft bei Amazon: Heike Geißler hat einen wenig geradlinigen Weg hinter sich. In ihrem Buch "Saisonarbeit" berichtet sie nun von der Unfreiheit heutiger Arbeit. Ein Treffen mit der Autorin in einem Leipziger Gewerbegebiet.

Von Florian Kessler

Dies ist die Geschichte der Schriftstellerin Heike Geißler, die 2002 als 25-Jährige einen gefeierten Debütroman veröffentlichte. Dies ist aber auch die Geschichte der Schriftstellerin Heike Geißler, die acht Jahre später als Aushilfe bei Amazon Bücher sortierte. Was ihr passiert war? Nichts Ungewöhnliches. Das eine ist nämlich zuallerletzt fast wie das andere, aber dazu später mehr.

Denn erst mal steht Heike Geißler im goldenen Mittagslicht auf dem Leipziger Bahnhofsvorplatz und wartet auf die Straßenbahn. Die Nummer 3 soll sie noch einmal hinaus in die Peripherie bringen, zu ihrer ehemaligen Arbeitsstelle, Anschrift: 04347 Leipzig, Amazonstraße 1. Heike Geißler ist 37, sie hält ihre Sonnenbrille in der Hand und wird vermutlich ihr ganzes Leben wie eine sehr junge Frau aussehen: Irgendwie dünnhäutig und genau das Gegenteil von abgebrüht mit ihrem offenen Gesicht, das die ganze Zeit in Bewegung ist, als würde sie am liebsten auf alles um sie herum sofort reagieren. Jetzt gerade zum Beispiel antwortet sie auf eine Frage, indem sie gleichzeitig laut loslacht und heftig den Kopf schüttelt. Vielleicht hat man aber auch einfach keine so tolle Frage gestellt. Ging ja auch bloß um den Buchmarkt, dabei will sie über viel Grundsätzlicheres sprechen.

Verschwör' dich gegen dich selbst

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"Nein", ruft sie jedenfalls, mit Günter Wallraff und ähnlichen Undercover-Autoren habe ihr Schreiben rein gar nichts zu tun: "Ich habe kein Enthüllungsbuch geschrieben!" Selbst wenn Heike Geißlers "Saisonarbeit", erschienen in der Edition Volte (Spector Books, Leipzig 2014. 270 Seiten, 14 Euro) auf den ersten Blick von wenig anderem handelt als von sechs Wochen als Weihnachts-Aushilfe bei Amazon: Darauf soll man ihr Buch bitte nicht reduzieren - "denn dann wäre es ja auch nur wieder ein Produkt, genau wie von Amazon."

Das will sie nicht, dass sie selbst und ihr Schreiben in irgendeine Produktpalette gepresst werden. Dabei geschieht genau das vielen jungen Autorinnen und Autoren. "Rosa", Heike Geißlers vielbesprochener erster Roman, erschien genau in der Endphase des von der Literaturkritik ausgerufenen "Fräuleinwunders". Heute scheint die Denkschablone zumindest ein Stück weit aufgebrochen, aber damals wurden ernsthaft junge Frauen dafür gefeiert, dass sie über vermeintliche Junge-Frauen-Themen schrieben. Heike Geißlers Roman passte da durchaus gut hinein, wenn er sich an eine Zwanzigjährige heftete, die erst Mutter wird und dann panisch vor ihrem Kind und zugleich vor der Erwachsenenwelt flieht.

Eine junge Frau, die über Junge-Frauen-Themen schreibt, wollte sie nicht sein

Heute ist Heike Geißler selbst Mutter. Zwei Kinder, eine der letzten unsanierten Wohnungen in einer Leipziger Straße. Und Heike Geißler ist nach wie vor der Meinung, dass man sich bestimmten Auswüchsen des Erwachsenenlebens verweigern - zumindest tendenziell von ihnen frei bleiben kann. Den Buchmarkt etwa und seine Erwartungen an Jungautoren hin oder her: "Es muss doch gehen, einen Text in genau der Form zu veröffentlichen, die mir wichtig ist!" Auf dem Bahnhofsvorplatz, kurz vor Einfahrt der Straßenbahn, erklärt sie, dass sie diesmal, anders als vor zwölf Jahren, etwas geschrieben habe, das nicht so einfach einzuordnen sei. Der Verwertungslogik ist sie zumindest ein Stück weit ausgewichen, indem sie irgendwo zwischen Reportage und Essay, Bericht und Suada eine wilde Zickzackreflexion darüber geschrieben hat, was das eigentlich für sie bedeutet: Arbeiten, oder eben auch: Als Arbeiterin funktionieren.

Wobei Arbeit hier eben sowohl die Schreibtischarbeit als Autorin als auch die Handarbeit im Amazon-Lager meint, und überhaupt noch viel mehr Formen von Arbeit. Heike Geißler hat nämlich immer schon gejobbt, um ihr Schreiben und damit "die mir liebste Arbeit überhaupt" finanzieren zu können, vom Callcenter bis zum Quelle-Versand. Sie kommt aus einem Elternhaus, in dem stets unter vollem Körpereinsatz geschuftet wurde.

Einmal im Essay betrachtet sie nach langen Arbeitswochen ihre Hände, die vom stundenlangen Warensortieren in der eiskalten Amazon-Halle wund und schmutzig sind. Und erinnert sich dann plötzlich an die stets aufgerissenen, kaputten Arbeiterhände ihres Vaters in ihrer Kindheit in der DDR: "Ich hatte immer angenommen, er habe einfach solche Hände gehabt, ich war nie auf die Idee gekommen, dass diese Hände durch seine Arbeit entstanden sein könnten." Und das ist die Idee ihres Essays: dass wir allesamt von unserer Arbeit gezeichnet sind, dass wir bloß genauer hingucken müssen, um das jeweils auf eigene Art Kaputte, Fremdbestimmte, Uneigentliche selbst scheinbar selbstbestimmter Arbeit wahrzunehmen.