Autobiografie von Rose McGowan Prophetin der "Me Too"-Bewegung

Die Schauspielerin Rose McGowan im Januar 2018, im neuen Look. Die langen Haare, Symbol ihrer früheren Verkäuflichkeit und Benutzbarkeit, sind ab.

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In ihrer Autobiografie erzählt die Schauspielerin Rose McGowan, wie sie den Fall Harvey Weinstein ins Rollen brachte. Ihr Feldzug gegen die männliche Machtelite ist aber noch viel grundsätzlicher.

Von Tobias Kniebe

Die Frau hat einen Traum, und sie hat einen Plan. Dafür muss sie die Geschichte ihrer Eltern und ihrer Kindheit erzählen, die Geschichte all der schrecklichen Dinge, die Männer ihr angetan haben, als sie nach Hollywood kam - und auch schon davor. Und ja, dabei geht es auch noch einmal um die Details jener Vergewaltigung im Januar 1997, die sie dem Studioboss Harvey Weinstein vorwirft - deren Publikation die Lawine der "Me Too"-Missbrauchsanklagen letztes Jahr mit ins Rollen brachte. Aber das ist nicht alles.

Rose McGowan, 44 Jahre alt, will nicht nur ihr Leid und ihre Wut formulieren und damit Hollywood und die Medienindustrie verändern - das schon auch. Aber sie weiß, dass das Problem viel tiefer geht. Deshalb hat sie beschlossen, direkt zu uns zu sprechen, in beinah vertraulichem Ton - zu den Lesern ihres gerade in den USA erschienenen Buchs "Brave" (deutsch ab 3. April), zu den Zuschauern ihrer Fernsehserie "Citizen Rose", zum Publikum ihrer Rede-Auftritte. Denn sie will uns retten.

Die Welt brauche eine Deprogrammierung

"Du denkst vielleicht, dass all die Dinge, die in Hollywood passieren, dich nicht wirklich betreffen", schreibt sie schon in der Einleitung. "Aber da irrst du dich. Freunde, was glaubt ihr denn, wer eure Realität kuratiert? Wer euch überhaupt erst sagt, wer oder was ihr sein wollt?"

Die große amerikanische Fiktionsmaschine, die noch den letzten Winkel der Welt beliefert, die uns von Kindheit an jene weiblichen und männlichen Rollenbilder aufprägt, die uns später zu Opfern oder eben auch Tätern machen, nennt sie ein "tödlich ernstes Geschäft". Und alle hängen mit drin, gefangen in gefährlichen bis unmöglichen Konstruktionen von Weiblichkeit wie Männlichkeit, im Tiefschlaf der Eingelullten und Gehirngewaschenen, indoktriniert wie die Jünger einer weltumspannenden Sekte.

"Ich will das Wort Geschlecht nie wieder hören"

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Wie Rose McGowan einst selbst. "Die wahre Rose schlief, während die falsche Rose ein bizarres alternatives Leben lebte und die Rolle einer Frau spielte, die Rollen spielt." Dann aber ist sie, in einem schmerzhaften Prozess, der sie fast den Verstand und die Seele gekostet hätte, erwacht - und hat sich als erstes ihre langen Haare abgeschoren, Symbol ihrer früheren Verkäuflichkeit und Benutzbarkeit.

Von dieser Erweckung muss sie jetzt berichten. Damit wir ihr folgen. Um etwa Teil von "RoseArmy" zu werden, jener Emanzipationsbewegung für alle, die sie gegründet hat. Oder einfach nur frei.

So ist er wirklich, der Ton dieses Buchs, und vor einem halben Jahr hätte das alles vielleicht noch nach totaler Hybris geklungen. Aber jetzt? Von der systemischen Brutalität nicht nur der Hollywood-Maschinerie kommt täglich mehr ans Licht, und die Erschütterungen in den Selbst- und Fremdbildern von Frauen und Männern, von den dicksten Schlagzeilen bis in die privatesten Gespräche hinein, sind spürbar und real. Die Idee, dass wir gerade ein kollektives Erwachen erleben - sie lässt sich nicht länger einfach von der Hand weisen.