Brigitte Kronauer erhielt den Georg-Büchner-Preis.
In Brigitte Kronauers Prosaminiatur aus den siebziger Jahren "Ein Tag im Leben Ben Witters" begegnet die Ich-Erzählerin einem legendären deutschen Journalisten: Der im Jahr 1993 verstorbene Interviewer und Zeit-Autor Ben Witter war ganz Auge, Ohr und Spürnase, wenn er seine prominenten Gesprächspartnern besuchte.
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Aus solchen Begegnungen entstanden meisterhafte Porträts, gezeichnet aus der minutiösen Beobachtung unscheinbarster Äußerungen und nebensächlicher Details. Wie ein Mosaik ergaben sie jedoch ein kohärentes Bild, aus dem auch die Interviewpartner mehr über sich erfahren konnten, als sie selbst wussten oder preisgeben wollten.
Unter der Hand der poetischen Zauberkünstlerin Brigitte Kronauer wird diese mediale Strategie unterlaufen. Während der Beobachter beharrlich schweigt und sein Gegenüber und dessen Umgebung wie mit unbestechlichen Kameraaugen abtastet, ist es zunächst, als redete sich die Ich-Erzählerin um Kopf und Kragen: Sie redet und redet und spricht eigentlich nur deshalb so viel, um den davon unberührten Beobachter seinerseits zu einer Äußerung zu bewegen. Vergeblich. Aber am Ende ist es der Beobachteten gelungen, den Beobachter zu neutralisieren und seine Anwesenheit in einen Vorzug zu verwandeln: "Man könnte seine Anwesenheit vergessen, übersehen, so zurückhaltend benimmt er sich schon seit Stunden. Ja, er ist unentbehrlich. Hinter seiner ruhigen Stirn braut er die Einzelheiten zusammen. Man fühlt sich heil und beschützt und gereimt in seiner heftigen Aufmerksamkeit."
An diesem Wochenende wurde Brigitte Kronauer der wichtigste deutsche Literaturpreis, der Georg-Büchner-Preis, überreicht. Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung ehrte damit eine Erzählerin, die - wie es in der Urkunde heißt - "ihren Sinn für das scheinbar Banale, für Komik, Erotik und Sarkasmus hellhörig und präzise auf alles Doppelbödige in Gesten" richte. Aus Kronauers kleiner Erzählung hätte die Akademie eine Art Parabel auch auf das Thema ihrer diesjährigen Herbsttagung ziehen und das dort debattierte Verhältnis zwischen der Politik und den Medien anders besprechen können als durch Medienschelte, wie sie derzeit wieder Hochkonjunktur hat. Nein, besonders klug war die Fragestellung "Talk statt Politik. Verschwindet die politische Rede?" nicht formuliert. Ihrem Untertitel nach wurde sie nicht einmal durchgehalten. Vielmehr leistete der Übertitel geradezu einen Vorschub darauf, dass sich die politische Frage im Verlauf der Tagung ins schwammige Gerede verflüchtigte.
Die Politik als Opfer
Dabei hatte man noch frei von allem kumpelhaftem Talk, wie er in der Runde des zweiten Tags vom ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann und dem vormaligen Verleger und politischen Redenschreiber Arnulf Conradi verbreitet wurde, zunächst mit gemessenen und besonnenen Reden am Stehpult begonnen: Der Germanist und Rhetoriker Uwe Pörksen beklagte den Bedeutungsschwund der politischen Rede und versuchte lehrhaft deutlich zu machen, was eine gute Rede ausmacht und was sie vermag, wenn es ihr um der Sache willen ernst ist. Der Historiker und Publizist Gustav Seibt kam Kronauers Parabel am nächsten und beschrieb das Verhältnis zwischen politischen Akteuren und den sie mit journalistischen oder auch nur mit "dilettantisch"-räsonierenden Mitteln Beobachtenden als ein Doppelbödiges. Dann aber holte der gewesene Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zu einer langen Rede aus, die das Thema auf fatale Weise verschob: Hier waren erlittene Wunden im Spiel, die den Redner daran hinderten, etwas Abstand von seiner durch aufdringliche Kamerapulks verletzten Seele zu gewinnen. Thierse wollte es so scheinen, als habe sich am ernsten Geschäft der Politik nichts geändert, allein die Medien hätten sich gewandelt: Die Politik sei ihnen zum Opfer gefallen, und die politischen Akteure zu mehr oder minder passiv von den Medien Getriebenen und Gehetzten geworden.
Die Tagung verabschiedete sich damit von allen Nachfragen nach dem Kern des Politischen, und man parlierte nur noch über die "Medien", die man obendrein ausschließlich mit allgegenwärtigen Fernsehkameras identifizierte. Dasselbe Fernsehen wurde im nächsten Zug mit der "Öffentlichkeit" schlechthin gleichgesetzt: Als gäbe es keine anderen Medien mehr, als habe es in den vergangenen Jahrzehnten nie eine Diskussion über Transformationsprozesse der Demokratie, über die Erosion politischer Öffentlichkeit und über jene "Tyrannei der Intimität" gegeben, die auch Politikern längst zur zweiten Natur geworden ist.
Was hingegen eine Rede ist, was sie vermag, dass zu ihr auch Pathos und Passion - nicht als inszenierte Leidenschaften, sondern auch als Bewusstsein um menschliches Leiden - gehören, bewies auf bewegende Weise der heute 95jährige deutsch-jüdische Emigrant, Arzt und Schriftsteller, Psychiater und Psychoanalytiker Hans Keilson, der für sein Werk mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay geehrt wurde. Im Vergleich zu anderem, was in Darmstadt geredet, geplappert und geraunt wurde, fiel sogar die keineswegs uneitle, sogar etwas unverschämte Dankesrede des Philosophen Peter Sloterdijk bei der Entgegennahme des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa erfrischend aus. Sie war frei von Schaum, Blasen und eurotaoistischen Salonweisheiten.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
(SZ vom 7.11.2005)