Aust und die RAF in den "Tagesthemen" Der Aust-ARD-Komplex

Stimmen aus dem Grab: Wie es "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust mit dem Thema RAF zum Journalisten der "Tagesthemen" schaffte.

Von Willi Winkler und Claudia Tieschky

Die Terror-Gruppe Rote Armee Fraktion kam als unscharfes Bild in die Welt, Gesichter auf einem Steckbrief, ein grobes Signet, ein fünfzackiger Stern mit Maschinenpistole, dazu kartoffelgedruckt und um so bedrohlicher die drei Buchstaben: RAF. Diese RAF war von Anfang an ein Medienphänomen, wurde gejagt nicht nur übers Fahndungsbuch, sondern im Fernsehen, und im Fernsehen wurden die Terroristen dann auch vorgeführt: endlich zur Strecke gebracht, damit der Spuk ein Ende habe.

Die Jahre im Gefängnis hätten sie unsichtbar machen sollen, aber die Anwälte sorgten dafür, dass niemand die Eingeschlossenen vergaß, dass jeder Hungerstreik zur Anklage gegen den Staat werden konnte, der sie angeblich so gnadenlos verfolgte. Der Prozess, den dieser Staat in Stuttgart-Stammheim "gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe, wegen Mordes u.a." führte, gab den Angeklagten eine weitere Gelegenheit zum Auftritt, wenn auch vor verlesenem Publikum.

In Reinhard Hauffs Film "Stammheim" (1986), der wie beinah das gesamte Wissen über die Gründer der RAF, über Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, auf das Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" von Stefan Aust zurückgeht, ist der zweijährige Prozess gegen die Gründer der RAF, der am 28. April 1977 mit dem Urteil "lebenslänglich" für die drei Hauptangeklagten endete, als brutale Konfrontation zwischen dem Gericht und den Angeklagten dargestellt. Unterstützt von ihren Verteidigern beklagen sie die Isolationshaft, erklären sich für haftunfähig und provozieren durch Schmähungen des Vorsitzenden Richters Theodor Prinzing den Ausschluss von der Verhandlung. Nach Ulrike Meinhofs Selbstmord im Mai 1976 stürzt sich der Angeklagte Klaus Jünschke auf Prinzing und wirft ihn zu Boden.

Kurz im Netz, dann wieder weg

Das wird schon so gewesen sein, und doch entsteht durch die Tondokumente, die sich "auf Grund von Recherchen des Kulturradios SWR2" im Staatsarchiv Ludwigsburg fanden, ein ganz anderes Bild. Die Bänder sollten ursprünglich nur als Gedächtnisstütze für die Geschichtsschreiber dienen und anschließend vernichtet werden. Einige wenige haben sich dennoch erhalten. Sie zeigen die Angeklagten überraschenderweise völlig unhysterisch. Jan-Carl Raspe trägt Ende 1975 sachlich seine Kritik an den Haftbedingungen vor. Ulrike Meinhof, offenbar bereits schwer geschädigt durch die Haft, spricht wirr und so gedrängt, dass sie kaum zu verstehen ist.

Der Text, den sie stammelnd vom Blatt liest, scheint nicht einmal ihrer zu sein. Gudrun Ensslin erklärt sich in feinstem Honoratiorenschwäbisch, aber sonst sachlich wie ein Klassensprecherin, die nichts Schlimmeres als den Wunsch der Mitschüler nach einer Raucherecke auf dem Schulhof vorträgt, und fordert "das Bewusstsein der Pflicht zum Widerstand in der Bundesrepublik".

Die größte Überraschung bietet Andreas Baader. Der vielfach zum "Dummkopf", "Brutalo" und "Macho" Kolportierte nennt den Prozess in leitartikelnder Prosa eine "leere Fassade" und trommelt dann ganz auf der Höhe des zeitgenössischen Antiimperialismus-Geschwafels von der "Verfügbarkeit des Staates nach Innen und Außen für die Weltinnenpolitik des Hegemonialen, des US-Kapitals". Er lehnt das Gericht ab, da "juristische Kategorisierungen nur modifizierter Ausdruck realer Machtverhältnisse" seien. So fremdwortbewehrt und ungeheuer selbstgewiss trumpften 1976 viele auf, die sich heute dafür schämen. Zwischendurch schnieft Baader ein bisschen, bleibt aber sogar dann sachlich, als er eine Drohung gegen den Vorsitzenden Richter hervorstößt: "Wir sind sicher, Prinzing, dass Sie hier auch an Ihrem eigenen Urteil arbeiten."

Die jetzt aufgetauchten Dokumente sind in Aussage und Wortlaut keineswegs unbekannt, neu ist nur, dass man die Angeklagten, die sich vor dreißig Jahren umbrachten, wie aus dem Grabe heraus selber reden hört. So steht die Erklärung, mit der Gudrun Ensslin am 4. Mai 1976 namens der RAF die Verantwortung für die Bombenanschläge 1972 in Frankfurt übernimmt und den Anschlag auf das Springer-Verlagshaus in Hamburg in der Ausführung missbilligt, wenn auch stark und missverständlich verkürzt, in Stefan Austs Standardwerk von 1985.

Der SWR veröffentlichte die fünf zwischen anderthalb und vier Minuten langen Hörproben am Montag im Internet, um "gerade jungen Menschen, die das Internet überdurchschnittlich häufig nutzen", wie SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann versprach, "ein solches Angebot zusätzlich zum Radio auch dort zur Verfügung zu stellen". Als dann Spiegel Online Montag gegen 18 Uhr seinerseits die Entdeckung der Bänder meldete, die diesmal den "Spiegel"-Redakteuren Stefan Aust und Helmar Büchel zugeschrieben wurde, die "in Nebenräumen des Oberlandesgerichtes Stuttgart" fündig geworden seien, versiegte auf der Website des SWR geisterhaft die Möglichkeit, sich die Stimmen der "Top-Terroristen" anzuhören. Auch der NDR, für den Aust und Büchel an dem dokumentarischen TV-Zweiteiler "Die RAF" arbeiten, reklamierte inzwischen den Recherche-Erfolg für sich.

Aber wer hat's denn nun entdeckt? Dem NDR zufolge brachten die TV-Rechercheure das Oberlandesgericht auf die Spur der Bänder, als sie Hinweisen von RAF-Historiker Aust nachspürten. Beim OLG ist von einer Anfrage durch Spiegel TV die Rede. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber betreut das Aust-NDR-Projekt als ehemaliger NDR-Kulturchef. Schreiber sagt, Ende 2005 seien die Tonbänder am OLG gefunden worden und von dort auf einem Umweg über den Generalbundesanwalt ins Staatsarchiv gelangt - als gesperrtes Material.

Die Filmautoren hätten dann das Einverständnis zur Veröffentlichung von sämtlichen Beteiligten erhalten, die Rechte am Material besitzen. Der SWR will vom Staatsarchiv Ludwigsburg die Rechte am ausgestrahlten Material gekauft haben - "nicht wissend, dass es eine Vorgeschichte in der ARD hatte", sagt Arthur Landwehr, Hörfunk-Chefredakteur des SWR.

Weil es aber natürlich nicht sein kann, dass sich die ARD vor lauter Wettbewerb selber überholt, zog der SWR nach einigen Telefonaten zwischen Hamburg und Baden-Baden am Montagnachmittag die O-Töne "selbstverständlich" (Landwehr) zurück. Solange, bis ein in aller Eile erstellter NDR-Beitrag zum Thema in den "Tagesthemen" gesendet war.

ARD-Chefredakteure bald im "Spiegel"?

Kein Problem sah man offenbar darin, dass ausgerechnet der "Spiegel"-Chefredakteur Aust den Beitrag in den "Tagesthemen" sprach. Der Mann von der Brandstwiete sendet mit Spiegel TV gewöhnlich bei der Konkurrenz von RTL, Sat 1 und Vox. Aust sei eben der Auftragsproduzent des RAF-Zweiteilers, heißt es beim NDR. Vielleicht dürfen ja bald ARD-Chefredakteure im "Spiegel" ihre Kommentare abdrucken - als Kollegen des ARD-Auftragsproduzenten.

Jedenfalls mussten sich junge, aber auch ältere Menschen beim SWR bis nach den "Tagesthemen" gedulden, in denen die Geisterstimmen ebenfalls präsentiert wurden, vermehrt allerdings um die berühmte Erklärung Ulrike Meinhofs, die vor Gericht das Problem des Verrats erwog. Nach dem Hinweis, dass mehr davon Anfang September in einer ARD-Dokumentation zu erfahren sei, durfte der SWR um 22.45 Uhr sein Material wieder im Internet freigeben - das dann freilich kollegial um den Hinweis auf den NDR ergänzt worden war.

Vorübergehend verschwunden war dafür dienstags im ARD-Internet der "Tagesthemen"-Beitrag über die RAF-Bänder. Grund: Die Online-Rechte schienen zunächst ungeklärt. Die RAF ist noch immer vor allem ein Medien-Phänomen.