Ausstellungen Spurensuche

Ausstellung im Stadtmuseum und Festival im Maximiliansforum: Die Fotodoks "Past is Now" widmet sich den Ländern des ehemaligen Jugoslawien

Von Evelyn Vogel

Slobodan Milošević, Franjo Tuđman und Alija Izetbegović. Drei Namen, die vielen Jüngeren hierzulande kaum noch etwas sagen. Allenfalls an Milošević erinnert man sich vielleicht noch, war er doch 1999 das erste Staatsoberhaupt, das im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg und dann auch mit den Jugoslawien-Kriegen noch während seiner Amtsausübung von dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Völkermordes angeklagt worden war.

Jugoslawien? Das war jener sogenannte "Vielvölkerstaat" auf dem Balkan, der jahrzehntelang von dem autokratischen Staatschef Josip Broz Tito regiert wurde, später in Hass und Blut versank und aus dem schließlich Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien, Slowenien und das Kosovo hervorgingen. Das Friedensabkommen von Dayton, das die Präsidenten von Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina, Milošević, Tuđman und Izetbegović, vor 20 Jahren unterzeichneten, hatte den Grundstein dafür gelegt. Dieses Ereignis zusammen mit 25 Jahren deutsche Wiedervereinigung gaben nun den thematischen Schwerpunkt vor für die diesjährige Fotodoks "Past is Now".

Das einwöchige Festival, dessen Herz im Maximiliansforum schlägt, wartet mit einem umfangreichen Programm wie Vorträgen, Diskussionen, Lesungen, Führungen, Filmen und allerlei Gesprächen auf. Von den dazugehörigen Ausstellungen steht besonders die große Schau im Stadtmuseum im Mittelpunkt. Hier werden 17 Positionen gezeigt, etwa die Hälfte der ausstellenden Fotografen kommt aus dem deutschsprachigen Raum, die andere Hälfte aus vier Ländern Ex-Jugoslawiens: aus Bosnien, Kroatien, Serbien und Slowenien. Einen kleinen Gag hat man sich erlaubt: Gezeigt wird auch ein Selbstporträt Titos, das er im Spiegel aufgenommen hat - ein frühes Selfie, wenn man so will. Dazu wurde die Raumsituation samt Spiegel nachgebaut, so dass man dort sein persönliches Selfie nachstellen kann.

Viel wichtiger aber sind die anderen 17 Positionen, die, abgesehen von der Gemeinschaftsarbeit des Collaboration-Projects (recht witzig gemacht: die Memory-Karten) und dem Duo Stuke-Sieber (die sehr kleinteilige Arbeit "You and Me"), von einzelnen Fotografen stammen. Die Ausstellungsmacher reflektieren das Thema "Past is Now" in sehr unterschiedlichen Positionen. Das reicht von kühl-sachlichen über eher heiter-leichte bis hin zu extrem assoziativen oder emotionalen Herangehensweisen. Fotoreportagen finden sich neben künstlerisch-minimalistischen Aufnahmen, Videos und sogar Malerei.

Da ist die Langzeitbelichtung des Berliner Humboldt-Forums des deutschen Fotografen Michael Wesely, daneben erforscht Anne Morgenstern mit ihrer Fotoreportage aus Hoyerswerda das Heute auf den Spuren des Gestern. Extrem assoziativ arbeitet Hrvoje Slovenc, der sich mit seiner "Croatian Rhapsody" von New York aus seiner früheren Heimat versichert. Sozialistische Architektur-Tristesse rückt Roman Bezjak sachlich und großformatig in den Mittelpunkt, während Jaka Babnik mit ihrer "Jebodrom"-Reihe Orte dokumentiert, die etwas anderem als der Landschaftsbetrachtung dienen sollen. Jörg Gläscher folgt in seiner Foto-Serie "Echoland" dem "Ringen um Europa", Saša Kralj in seinem Video den Spuren eines jungen Soldaten. Dragan Petrović' 70er-Jahre-Technicolor-Fotos zeigen eine heitere, längst versunkene Welt. Wie Propaganda auch aussehen kann, zeigt augenzwinkernd Borut Krajnc, der den heutigen slowenischen Präsidenten in zwölf Berufsbildern für einen Kalender fotografierte. Thematisch etwas heraus fällt die Fotoserie von Tanja Kernweiss, technisch ungewöhnlich in einer Fotoschau: die gezeichneten Zeitungsseiten von SZ und FAZ von Vladimir Miladinović.

Nüchtern, aber umso berührender ist die Arbeit von Ziyah Gafić, der persönliche Gegenstände von exhumierten Unbekannten als Stillleben fotografiert hat. Ganz nah am aktuellen Thema dran ist Merlin Nadj-Toma, die jahrelang die Flüchtlinge an der serbisch-ungarischen Grenze beobachtet und beeindruckend fotografiert hat. Stark auch die sehr persönliche Fotoreportage von Tom Licht, der gemeinsam mit seinem Vater durch Ost-Europa und Russland fuhr auf den Spuren des Großvaters, der als 35-Jähriger 1941 bei einem Angriff auf ein russisches Dorf fiel. Und schließlich die kühl-künstlerisch-konzeptionelle Arbeit: "Study for an Applause" von Ibro Hasanović, der die applaudierenden Hände der Teilnehmer des Dayton-Abkommens isoliert nachstellte und fotografierte. Ein Friedensballett ganz eigener Art, das das Thema der diesjährigen Fotodoks abstrahiert.

Die findet nach einigen jährlichen Veranstaltungen nun immer alle zwei Jahre statt. Die aktuelle Ausstellung wird im kommenden Jahr mit dem Goethe-Institut durch die Staaten des ehemaligen Jugoslawien reisen.

Fotodoks 2015: Past is Now, Ausstellung im Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, bis 10. Januar, Di-So 10-18 Uhr; Festivalzentrum im Maximiliansforum, Unterführung Maximilianstr./Altstadtring, bis 17. Oktober, Mi-Sa 15-23 Uhr; Marienhof: 1%: Privilege in a Time of Global Inequality, bis 1. November; Ifog-Akademie: Paul Lowe: The Siege of Sarajevo, bis 18. Oktober; Infos unter www.fotodoks.de