Ausstellungen Die Kulturvermittler

Spaß am Miteinander hat offensichtlich der Geflüchtete, der mit Workshop-Leiterin Klaudia Schmidt in der Pinakothek der Moderne Rücken an Rücken steht.

(Foto: Robert Haas)

Workshops und Sonderführungen - auf die Flüchtlingskrise reagieren fast alle Münchner Museen mit diversen Projekten zwischen Kunstpädagogik und Sozialarbeit

Von Jennifer Gaschler

Das Sinnbild funktioniert - 15 Geflüchtete stehen im Kreis um die Beuys'schen Basaltstelen in der Pinakothek der Moderne, uralte Vulkansteine, aus denen der Künstler Kegel herausfräsen ließ - wohl als Metapher des Dialogs zwischen Altem und Neuem. Die Workshop-Leiterin lässt ihre Teilnehmer um die Installation gehen, Assoziationen äußern. Ein paar wollen die Steine anfassen, die meisten stehen nachdenklich und etwas verloren im gleißend weißen Raum in dem - ja, auf den ersten Blick eine Ruine ausgestellt wird. Einer macht Selfies.

Zurück im Kunstvermittlungsraum lässt die Regisseurin und Theaterpädagogin die Geflüchteten sich wie die Steine aneinander lehnen oder schlafen. Sie lässt sie aber auch in Gruppen kleine szenische Auftritte erarbeiten, kreiert mit einer Zuschauerreihe aus Sitzboxen eine Bühnensituation. "Seid alle herzlich willkommen" - mit solch kleinen positiven Botschaften sollen sich die Teilnehmer gegenseitig versichern, in München, aber auch konkret in den Museumsräumen erwünscht zu sein. Ein Potpourri aus pädagogischen Übungen, die zwar nicht in die Tiefe gehen, aber wirksam an der Oberfläche kratzen.

Das Engagement ist einerseits gut gemeinter Aktionismus, aber auch ein Votum für Pro Asyl

Der Abend ist einer der drei "Open Thursdays" im Wechsel. Mit ihnen wird der Erfolgs-Auftakt vom Juni, die "togetthere factory", in kleinerem Rahmen fortgeführt. Mehr als 30 Teilnehmer, darunter ein Drittel Deutsche, entwickelten mit Fachleuten aus Theater, Musik, Mode und Gegenwartskunst eine Performance - das erste spartenübergreifende Museumsprojekt dieser Art in Bayern. Hinter all dem steckt ein klares Statement: "Yes we're open!". Workshop-Formate und Spezial-Führungen bieten die Museen inzwischen stadtweit an, kaum ein Ausstellungshaus findet sich, das nicht wenigstens mit dem Führungsprogramm anderer Organisatoren kooperierte. Das ist einerseits gut gemeinter Aktionismus, aber auch ein Votum für Pro Asyl und gleichzeitig ein Beitrag, damit das Mammutprojekt einer multikulturellen und dabei toleranten Stadt gelingen kann.

Vor allem bei den Staatsgemäldesammlungen sind die Initiativen Teil eines groß angelegten museumspädagogischen Konzepts: "Es geht uns darum zu zeigen, dass auch Menschen, die ohne Vorwissen kommen, am Museum teilhaben können. Denn Kunst lässt doch alle von uns Fragen stellen und ermöglicht jedem ein Erlebnis", betont Jochen Meister, der Referent für Kunstvermittlung. Dabei wollen sich die Pinakotheken auch als ein Ort verstehen, "an dem entscheidende gesellschaftliche Fragen gestellt werden können, an dem aber auch aktiv an einem Miteinander gebaut werden kann".

Christine Kron, die Direktorin des Museums Fünf Kontinente, bezieht ebenso deutlich Stellung zur politischen Lage: "Wir müssen akzeptieren, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und Strukturen schaffen, um das aufzufangen - Museen dürfen da keine Elfenbeintürme sein." Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit sei groß gewesen, als ethnologisches Museum mit einer zeitweise auch kolonialen Vergangenheit entsprechend auf die Geflüchteten zu reagieren. Was entstand, ist das Projekt "#Ankommen", bestehend aus einem integrativen Chor, Street-Dance-Workshops und Führungen in einfachem Deutsch. Jeden Mittwoch probt nun der hauseigene Chor im Vortragssaal des Museums. "Man muss sich von Probe zu Probe neu auf die jeweilige Situation einlassen", sagt Chorleiter Yosemeh Adjei, "und seine Erwartungshaltung zurückschrauben. Wenn die Teilnehmer aber selbst etwas erarbeiten, dann bleibt ihnen das auch in Erinnerung".

Neben den kulturübergreifenden, kreativen - ja, auch sozialen Projekten finden die Münchner Museumspädagogen aber auch zur traditionelleren Form der Spezial-Führung. Museen als Lernorte - für die Kultur der neuen Heimat, die Werte der Zivilgesellschaft, aber auch den Blick über den Tellerrand. "Wissen ohne Grenzen" im Deutschen Museum etwa führt in einfachem Deutsch durch verschiedene Themenkomplexe - kostenlos und vom Freundeskreis unterstützt, allerdings nur für vorangemeldete Gruppen; ähnlich funktioniert die "#Ankommen"-Führung.

Ein wichtiges Standbein für die Kunst- und Kulturvermittlung an Geflüchtete ist auch das Museumspädagogische Zentrum (MPZ). Seit Anfang 2015 werden von der von Stadt und Freistaat finanzierten Organisation bereits spezielle Führungen in den Münchner Museen angeboten. Der Aufbau von Vertrauen und die Geflüchteten aus den Unterkünften herauszuholen sei dabei mindestens so wichtig, wie die Wissensvermittlung, so die zuständigen Mitarbeiter. Sie hätten nachgefragt, was die Neu-Münchner interessiert, und überlegt, welche Museen die Themen vermitteln könnten. Sich im U-Bahnnetz zurechtzufinden war eine der Antworten, erklärt wird das nun nebst der Historie der Fahrzeuge im Verkehrszentrum des Deutschen Museums.

Aufgeschlossenheit für andere Kulturen ist indes keine Einbahnstraße. Nicht nur dezidiert als Begegnung angelegt sind die meisten Workshops, das MPZ bietet eigens Führungen für einheimische Schulklassen "gegen die Fremdenfeindlichkeit" an. Gezeigt werden soll, dass der kulturelle Austausch bereichernd sein kann - vermittelt etwa in der Neuen Pinakothek anhand der Italienreise, die so viele Künstler inspirierte.

Bleibt, wie so häufig beim Umgang mit "Leidensgemeinschaften", die Frage der Repräsentation und Selbstpräsentation. Ein ambitioniertes Projekt ist die Forschungsgruppe "Migration bewegt die Stadt" des Stadtmuseums und Stadtarchivs, das die Sammlungen um Objekte zu Flucht und Asyl erweitert und eine neue Dauerausstellung konzipiert. Die soll die aktuelle Situation aufarbeiten und Migration als eine fortwährende Schubkraft für die Stadtentwicklung präsentieren. Mitglieder der Gruppe sammelten aber auch Gegenstände der Willkommenskultur am Hauptbahnhof, Plakate der Münchner oder vergessene Rucksäcke. Einzelne Geflüchtete werden seit ihrer Ankunft für einen Dokumentarfilm begleitet, und Handyfotos, die aus einer Ausstellung des Feierwerks übernommen wurden, zeigen nicht nur das Leiden, sondern auch die schönen Momente der Neuankömmlinge aus eigener Perspektive.