Ausstellungen Blut, Schweiß und Gerede

Die gesammelten Körperflüssigkeiten des Wiener Aktionismus und ein heute autoritär geltender Künstlergestus stehen mal wieder auf der Internationalen Ausstellungsagenda. Was können uns seine Mysterien jetzt noch sagen?

Von Catrin Lorch

Am Eingang zu den Ausstellungssälen der Münchner Villa Stuck warnt derzeit ein Schild: Achtung, die hier gezeigte Kunst lotet körperliche Grenzen aus und überschreitet Tabus. Drinnen sieht man dann, wie eine Dunkelhaarige an ein Holzkreuz gebunden wird, bekleidet mit nichts als weißer Unterwäsche und Strümpfen. Bald machen sich viele Hände an ihr zu schaffen, stopfen Gekröse und blutiges Fleisch in den Slip, bis es die Baumwolle fast zerreißt. Sieben Minuten und 33 Sekunden dauert das Video von der "32. Aktion", die der Künstler Hermann Nitsch im Jahr 1970 in München aufführte. Es ist flott geschnitten, man kommt schnell zu anderen Sachen. Ein Priestergewand taucht auf, Tierkadaver, Penetration, noch mehr Eingeweide. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, schmälert im Übrigen nicht seine Wirkung.

Dieser Film ist Teil der Ausstellung "ExistenzFest. Hermann Nitsch und das Theater". Doch es gibt noch weitere Ausstellungen des Wiener Aktionismus auf der internationalen Agenda. In Wien hat das Museum Moderner Kunst in der vergangenen Woche "Körper, Psyche und Tabu" eröffnet. Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird von Freitag an eine umfassende Ausstellung zum Werk von Günter Brus gezeigt. Es könnte also sein, dass in diesem Frühjahr noch weitere Warntafeln angebracht werden. Denn die Wiener Aktionisten stehen wie kaum eine andere Kunstrichtung für die Verletzung von Körpern und Gefühlen gleichermaßen.

Es bedurfte wohl eines besonderen Umfeldes, damit das, was von Yves Klein beispielsweise als Nouveau Réalisme betrieben wurde, in Wien blutiger, fieser, provokativer ausfiel. Nachdem sich die Szene von den 1960 von Hermann Nitsch begonnen "Malaktionen" zügig in Richtung "Materialaktion" und schließlich - mit einer 1962 von Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch uraufgeführten, mehrtägigen "Blutorgel" von Günter Brus - zur Aktion vorgearbeitet hatte, gehörten Kadaver, Kreuze, Nackte und viel Blut zu den Motiven und Materialien, mit denen man nun umging. In Österreich, einem Land, das man rückblickend als extrem religiös und politisch haltlos beschreiben muss: Das Trauma eines verlorenen Krieges und ein überstürztes Wirtschaftswunder teilte man mit Deutschland - allerdings war Österreich nicht entnazifiziert worden. Die meisten der Künstler waren vaterlos aufgewachsen. Otto Muehl war als Jugendlicher an die Front geschickt worden, während den befreundeten Studenten Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler von ihren gefallenen Vätern nichts geblieben war als ein Sezierbesteck - Schwarzkoglers Vater war Arzt gewesen - und eine blutverschmierte Brieftasche.

Dass sie ihre Aktionen als kathartische Rituale anlegten, übersah eine Öffentlichkeit, die sich schon über den "Wiener Spaziergang", bei dem Günter Brus 1965 weiß bemalt und durch einen schwarzen Strich in zwei Hälften geteilt auftrat, so erregte, dass er festgenommen und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Wie so viele heimische Avantgardisten wurden sie bestenfalls von der Öffentlichkeit ignoriert, die ansonsten mit Urteilen wie "Skandal" oder "Ferkelei" dabei war, die Künstler vor Gericht zerrte, sogar inhaftierte.

Es sind nicht mehr dieselben Augen, die heute auf die Mysterien und Blutorgien schauen

Was historisch so bedeutend und folgenreich war, sieht heute ganz anders aus. Es ist ein Allgemeinplatz, festzustellen, dass sich die Welt im letzten halben Jahrhundert insbesondere in Bezug auf die Medien, die Ökonomien der Aufmerksamkeit verändert hat. Es sind nicht mehr die gleichen Augen, die auf die Blutorgien und Mysterienspiele schauen. Heute stehen die Bilder in Konkurrenz zu anderen, die nicht nur der Fantasie des Zuschauers Gewalt antun: 2016 wird vor Videokameras viel Blut vergossen. Der Besucher, der auf die Video-Monitore in Museen schaut, hat womöglich gerade im Speicher des gebraucht gekauften Smartphones die Bilder einer Enthauptung entdeckt, gefilmt in Echtzeit. Hinzu kommen Pornos. Und Musikvideos, die ebenfalls an Rituale erinnern.

Am wenigsten stört noch der Sex. Auch kaum die toten Tiere, die während der Kunst-Aktionen von der Decke baumeln oder an die Wand gespannt werden. Oder die Fotos von nackten, blutverschmierten Körpern. Es ist die Autorität, die abstößt - die diese Werke ausschwitzen aus allen Aufnahmen, aus den sauber auf den künstlichen Altären und Opfertischen ausgelegten Papiertaschentüchern und Mullbinden, aus den langen, blutbemalten Leinwänden. Eine breiig auftrumpfende Arroganz, an die der Auftritt von Hermann Nitsch beim Pressegespräch in der Villa Stuck bruchlos anknüpft. Da deutet er hohepriesterlich auf die neben der Terrasse bereitliegende "Stiertrage". Ja, die neueste, die "147. Aktion", ist für Mai geplant, doch gibt es nicht mehr zu sagen dazu als Verweise auf Wittgenstein, Heidegger und Nietzsche sowie die Vorsokratiker.

An solchen Auftritten hat die aktuelle Szene wenig Interesse. Eva Badura-Triska, der am Museum Moderner Kunst in Wien unzählige Werke aus dem Erbe der Aktionisten unterstehen, fühlt sich damit zuweilen wie eine Hausiererin - niemand will ihre Ausstellungen übernehmen, nicht das MoMA, nicht die Londoner Tate. "Die sind wie vernagelt", sagt auch ihre Direktorin, Karola Kraus, die im vergangenen Jahr dennoch einen grundlegenden Katalog "Wiener Aktionismus" an ihrem Haus hat erarbeiten lassen und ihrer Mitarbeiterin bei der Aufbereitung der Sammlung freie Hand lässt.

Die konfrontiert dieses Erbe jetzt mit der Kunstgeschichte - und findet erstaunliche Verwandtschaften: Zwischen Egon Schieles Anfang des 20. Jahrhunderts aquarellierten "Selbstakten" und Aufnahmen von den Aktionen Rudolf Schwarzkoglers. Oder zwischen der Drastik, mit der Max Oppenheim im Jahr 1912 eine "Operation" als Riesenschinken zelebriert, in dessen Zentrum ein fleischrotes Gekröse ringelt, und den vielen operativ anmutenden Inszenierungen der Aktionisten. Badura-Triska hat Szenenbilder und einen "Theaterzettel" gefunden, die belegen, dass der Maler Oskar Kokoschka schon im Jahr 1909 zu einem "Kokoschka-Abend" einlud, mit Drama und Komödie. "Und den man nur in Ermangelung eines besseren Ausdrucks noch als Theateraufführung firmieren ließ", wie sie sagt, eigentlich sei das eine sehr frühe Aktion gewesen.

Auch Britta Schmitz, Kuratorin am Hamburger Bahnhof in Berlin, zuständig für die aktuelle Brus-Schau, wird im Martin-Gropius-Bau ungewöhnliche Wege gehen. Sie will erstmals das Künstlerbuch "Irrwisch" fleddern und die Blätter als langes Bild an die Wand hängen. Außerdem, so argumentiert sie, haben die Aktionisten eine Rehabilitierung verdient, gerade in Berlin, wo Oswald Wiener, Brus und Nitsch - aus Österreich vertrieben - in den Siebzigerjahren lebten und arbeiteten. Das ist lokale Berliner Kunstgeschichte, für die sich aber die internationale, coole und erfolgreiche Künstlerszene, die sich von den Neunzigerjahren an in der Stadt niederließ, nicht begeistern konnte.

Unsere Gegenwart, geschickt darin, ihre Inszenierungen zu promoten, sollte genau hinsehen

"Es ist aber an der Zeit, dass gerade auch Berlin versteht, dass Kunst wirklich nicht immer schön sein muss", sagt Schmitz. Denn es ist sicher kein Zufall, dass man sich in den Berliner Kunstwerken in den Neunzigern - als Performance gerade zum angesagtesten Medium der Szene wurde - Marina Abramović als "Großmutter von Performance" erfand. Eine honorige Künstlerin, die besser zu den Konzepten der Gegenwart passte als die schmuddeligen Urväter aus Wien. Dass sie Ende der Neunziger bereit war, nackt auf einem Fahrradsattel über der Wiedereröffnung der Berliner Kunstwerke zu schweben, passte besser in die Zeit.

Der Vergleich zwischen der Wiener Ausstellung und der unbekümmert in die Gegenwart verlängerten Präsenz von Hermann Nitsch ist erhellend: Es sind die Kuratoren, auf die es jetzt ankommt. Denn tatsächlich ist die aggressiv auftrumpfende, radikale Aktionskunst ja viel fragiler, wo sie ausgestellt wird, als beispielsweise ein Gemälde. Britta Schmitz musste sich, um Günter Brus überhaupt angemessen zeigen zu können, erst einmal Quellen, Filmarchive, Foto-Sammlungen erschließen. Aber wo feinfühlig gearbeitet wird, kann man sich auf Ausstellungen freuen, bei denen, wie in Wien, die direkte Nachbarschaft zwischen Fotografien Rudolf Schwarzkoglers und Blättern von Egon Schiele zu erleben ist. Denn - fast unerwartet - wird der Aktionismus hier nicht einfach in die Kunstgeschichte eingebettet, als würde man eine Decke drüber breiten. Im Gegenteil: Unübersehbar zeichnet sich das Bedürfnis des Aktionskünstlers ab, eine bestimmte Pose einzunehmen, die ihm aus der Malerei Schieles zutiefst vertraut ist: Schwarzkoglers Nacktheit spiegelt in der Körperhaltung auf weißem Laken präzise dessen gemalten Akt. Nicht aus Eitelkeit, sondern womöglich in der Hoffnung, dass die Pose, die dem Maler sichtbarer Ausdruck eines seelischen Zustands war, vielleicht Auswirkungen hat. In seinen Körper einfährt, ihn formt und verändert. Die selbstsüchtige Gegenwart, geschickt darin, ihre Auftritte, Avatare, virtuelle, gespielte und reale Inszenierungen und Gewalttaten vor der Kamera zu promoten, die sollte da genau hinsehen.

"Hermann Nitsch. ExistenzFest" bis zum 8. Mai in der Villa Stuck in München. Der Katalog kostet 35 Euro. Am 7. Mai soll dort die "147. Aktion" des "Orgien Mysterien Theaters" aufgeführt werden. "Körper, Psyche und Tabu. Wiener Aktionismus und frühe Wiener Moderne" wird im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien vom 4. März bis zum 16. Mai gezeigt. Der Katalog kostet 29,80 Euro. "Günter Brus. Störungszonen" im Berliner Martin-Gropius-Bau vom 12. März bis zum 6. Juni.