Ausstellung zur Wanderarbeit Hoffnung ohne Heimat

Plakatmotiv der Ausstellung "Wanderarbeiter" im Museum für Arbeit in Hamburg.

Sie hüten unsere Kinder, pflegen unsere Alten, bauen unsere Häuser, kochen unser Essen: moderne Wanderarbeiter. Für die neue Arbeiterklasse der Globalwirtschaft gelten Landesgrenzen schon lange nicht mehr. Nun zeigt eine Foto-Ausstellung in Hamburg facettenreich ihr Leben.

Von Till Briegleb

Man stockt: Der Mann auf dem Plakat für die Ausstellung über Wanderarbeiter im Hamburger Museum für Arbeit sieht exakt so aus wie der Fußballstar Giovane Elber. Nur die schwarze Wollmütze, die wettergegerbte Haut und das Containerschiff im Hintergrund verraten, dass es sich hier nicht um den ehemaligen Stürmerstar des FC Bayern handelt. Als Plakatmotiv für eine Ausstellung über Wanderarbeiter wäre Elber natürlich eine abseitige Wahl, obwohl talentierte Toreschießer selbst eine Form der Wanderarbeit betreiben. Und da hat die Assoziationskette dann schon begonnen, denn die zwillingshafte Ähnlichkeit zwischen dem Deckschrubber auf See und dem brasilianischen Star zeigt ja auch die Verknüpfung der extremen Gegensätze, die mobile Arbeit in der globalisierten Ökonomie auszeichnet - hier die hoch gehandelten Talente, dort die weitgehend recht- und heimatlosen Ausgepressten.

Dass Menschen durch ihre wirtschaftliche Situation gezwungen sind, ihr Zuhause, ihre Familie und häufig auch ihr Land zu verlassen, ist als statistisches Zahlenwerk immer wieder Teil eines politisch denkenden Wirtschaftsjournalismus: 200 Millionen Wanderarbeiter bewegen sich allein durch China. In Randlagen des ehemaligen Ostblocks wie Moldawien oder in den Palästinensergebieten basieren 30 bis 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf Geldtransfers, die Arbeitsemigranten aus dem Ausland an ihre Familien überweisen. Und jedes neue Unglück im Mittelmeer macht bewusst, dass jährlich Tausende Menschen bei dem Versuch ertrinken, in Europa Arbeit zu finden, weswegen das UN-Flüchtlingswerk das europäische Strandparadies inzwischen als "tödlichsten Gewässer weltweit" bezeichnet. Welches Leben mit solchen Größen gemeint ist, verliert sich leicht im Schatten der Zahlen oder auch im Gepolter europäischer oder bayerischer Politiker. Weswegen diese Ausstellung gerade jetzt so brennend aktuell ist.

Ruschti, ein Gastarbeiter aus dem nordbulgarischen Russe - an der Grenze zu Rumänien - steigt in einen Bus, der ihn nach Frankfurt bringen wird.

(Foto: Mauricio Bustamante)

Neun Fotografen haben sich verschiedenen Aspekten dieses neuen Proletariats genähert, ohne das die Weltwirtschaft nicht funktioniert, das in der Regel aber behandelt wird wie der traditionelle Landstreicher. Chronologisch beginnt die Schau mit den schwarz-weißen Stimmungsbildern vom ersten Treck türkischer Arbeitnehmer zu den Zechen des "Bochumer Vereins", die Hans Rudolf Uthoff 1964 aufgenommen hat, und reicht bis zu den von Oliver Tjaden so getauften "Cargonauten", die den weltweiten Containerhandel als maritimes Hauspersonal begleiten. Das sind fünfzig Jahre Hoffnung auf bessere Lebensumstände fern der Heimat.

Was dann aber auch zu sehen ist: Der Preis dieser Hoffnung ist häufig ähnlich hoch wie zu Zeiten des Manchester-Kapitalismus. Andrea Diefenbach hat zum Beispiel über Jahre hinweg die zurückgelassenen Kinder in Moldawien beobachtet, die ihre Eltern nur noch vom Telefon kennen. Ingmar Knaus porträtiert die früh gealterten Gesichter von polnischen und rumänischen Spargelstechern. Und Wolfgang Müller zeigt in seinen Reportagen die Prostitution junger Mädchen in Dongguan bei Guangzhou und alte zahnlose Männer, die unter chinesischen Hochbrücken in Pappkonstruktionen leben.

Gerahmte Einsamkeit

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Der Untertitel der Schau, "Die neue Arbeiterklasse", macht dabei bewusst, dass der in Europa so altmodisch klingende marxistische Begriff tatsächlich nichts von seiner Brisanz verloren hat. Im Unterschied zu den sozialistischen Kampfzeiten mangelt es dieser global umherschweifenden neuen Arbeiterklasse aber an Organisationsformen, die das Gemeinsame zu einer politischen Macht formen könnte. Dieser Grad der Vereinzelung, der den Wanderarbeiter sein Leben als persönliches Schicksal erfahren lässt und das Ausbeutungssystem vor Widerstand schützt, spiegelt sich deutlich in der Atmosphäre der Vereinsamung, die viele der Porträtserien zeigen. Lauter Einzelkämpfer sitzen hier in öden Bordkombüsen oder bei der Sortierarbeit vor Bergen von Plastikflaschen, oder sie verschwinden in der Uniformität großer Sweatshops, in denen das digitale Technikspielzeug produziert wird, ohne das wir nicht mehr leben können.

Individualität definiert sich auch hier durch Chiffren der Markenwelt, wie bei den Vermummungen, die sich illegale Arbeiter auf thailändischen Baustellen aus T-Shirts schneidern, und die Ralf Tooten zu einer absurden Serie geordnet hat. "Fly Emirates" steht dann zum Beispiel über dem unkenntlichen Gesicht eines Malochers in Bangkok, der vermutlich niemals ein Flugzeug von innen sehen wird, obwohl er am größten Urlaubsdrehkreuz der Welt arbeitet.

Teil einer pulsierenden Stadt

Die privilegierten Wanderarbeiter der Weltwirtschaftsnetzwerke, die Expats und Creatives, blendet die Ausstellung komplett aus. Und doch zeigen ein paar der Bilder auch hier das Glück und den Überschwang, die in der Hoffnung liegen. Das Reportage-Projekt, das Wolfgang Müller mit der chinesischen Landflüchtigen Xu Fang unternommen hat, erzählt eben auch von der Euphorie, nachts durch Diskotheken und Karaoke-Bars zu ziehen und Teil einer pulsierenden Stadt zu sein. Diese ständigen Angebote und Verheißungen , die durch die überharte Arbeit ja zumindest erreichbar scheinen.

In den meisten Teilen der Welt ist diese neue Arbeiterklasse allgegenwärtig. Nur im bundesdeutschen Alltag scheint sie kaum eine Rolle zu spielen. Dabei ist der Wanderarbeiter natürlich auch hier längst ein fester Bestandteil der Gesellschaft und der Wirtschaft. Seine Hände stellen nicht nur unsere die Waren im fernen Asien her, transportieren sie über Container in den Westen, sie verpacken sie auch unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Amazon und anderen Versandhändlern und schleppen sie anschließend unsere Treppen hoch. Die Wanderarbeiter hüten unsere Kinder, pflegen unsere Alten, bauen unsere Häuser, kochen unser Essen. Und wenn ein Teil von ihnen nun ganz legal ins Land kommen darf, dann wagt Europa nicht einen neuen Schritt gen Osten, sondern in eine längst existierende Realität.

"Wanderarbeiter. Fotografien einer neuen Arbeiterklasse". Museum der Arbeit, Hamburg; bis 2. März 2014. Info: www.museum-der-arbeit.de.