Ausstellung Wurst und Wahnsinn

Auch auf Groschenromanen macht sich Schloss Neuschwanstein gut. Repro: SZ

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Eine Ausstellung zeigt, wie man mit Neuschwanstein Geld macht

Von Rudolf Neumaier, Regensburg

Im Online-Antiquariat ist "Wo der Wahnsinn regiert" aus der Reihe Maddrax des Hefterl-Verlags Bastei für 85 Cent zu haben, zuzüglich 1,10 Euro Versandkosten. Eine 64 Seiten lange Science-Fiction-Geschichte um einen Zauberer, der Strahlen heilt. Wo der Wahnsinn regiert, was für ein Titel! Und dazu auf dem Cover: Neuschwanstein. Keine Frage, das Schloss ist ein Wahnsinnsbauwerk, 1,6 Millionen Besucher 2014. 1600 000! Der Wahnsinn ist aber auch: Das Schloss muss sogar für Wurst herhalten, für Fleischextrakte, Seife, Margarine und Feigen-Kaffee. Mit Neuschwanstein lässt sich Geschäft machen.

Die kleine Ausstellung "Die Bauten Ludwigs II. als Tourismus- und Werbeobjekte" in der Staatlichen Bibliothek Regensburg ist durch und durch erstaunlich. Sie speist sich aus der Privatsammlung von Marcus Spangenberg, der in Regensburg "in der unternehmerischen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig" ist, wie ihn das mit einem halben Dutzend lesenswerten Aufsätzen und 250 Seiten mehr als stattliche Begleitbuch zur Ausstellung ausweist. In Wirklichkeit ist Spangenberg, Jahrgang 1968, einer der führenden Ludwigologen unserer Zeit: Er beschäftigt sich seit seinem 10. Lebensjahr mit Ludwig II. Und er sammelt seither.

Die Exponate in der Bibliothek an der Regensburger Gesandtenstraße reichen von Postkarten über Plakate und Bücher bis hin zu Salamiverpackungen, Bierkrügen und Pfeifenköpfen. Und sie sind international. Spangenberg wartet mit einem "Tosca"-Plakat der Oper von Singapur ebenso auf wie mit amerikanischen Touristenbildern. Auf den meisten Illustrationen prangt Neuschwanstein. Dabei hat das Gebäude mit Tosca genauso wenig zu tun wie mit Hartwurst. Aber im Vergleich zu Linderhof und Herrenchiemsee ist es nun mal Ludwigs originellstes Bauwerk. Das bescheinigten schon die Kunsthistoriker im 19. Jahrhundert: "Hier ist im Geiste des hohen Mittelalters eine Schöpfung entstanden, in welcher mit künstlerischer Genialität alle Motive der voll erblühten romanischen Kunst zu einer neuen glanzvollen Blüthe entwickelt sind", schrieb Wilhelm Lübke im Jahr 1886.

Originell sind auch die Vergleiche, die Spangenberg in 40 Jahren in die Hände gefallen sind: Den Münchner Boutiquenbetreiber Rudolph Moshammer bezeichnete der Schauspieler Ottfried Fischer als "eine Art lebendes Neuschwanstein", und das im Nachruf. Wenn Moshammer den Zauber des märchenhaften Neuschwanstein verkörpert haben soll, dann ist Fischer selbst mindestens eine Inkarnation von Herrenchiemsee.

Traumschlösser? Die Bauten Ludwigs II. als Tourismus- und Werbeobjekte. Staatl. Bibliothek Regensburg, bis 31. Aug. Katalog im Morsbach-Verlag