Ausstellung über Krieg und Gewalt Wir sind gut und ihr seid böse

Wie reagiert die Gesellschaft auf zunehmend anonymisiertes Töten? Eine Berliner Ausstellung fordert, dass sich die Kunst dem Thema Waffen in seiner ganzen Dimension widmet.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Plötzlich steht eine ganze Polizeimannschaft in der Tür. Große, bullige Kerle in voller Montur, mit Schlagstöcken und Waffen im Anschlag und anonymisierenden Helmen auf dem Kopf bewegen sich ganz langsam auf den Betrachter zu. Oder doch nicht? Einen Schrecken kann jedenfalls bekommen, wer den obersten Stock der Ausstellung "Fire and Forget" in Berlin betritt - und das ist auch so gewollt.

Das KW Institute for Contemporary Art in Berlin beleuchtet in der Ausstellung mit dem Titel "Fire and Forget. On Violence" das Verhältnis des Menschen zu Gewalt, Waffen - und dem Töten. Wie verändert eine vergleichsweise neue Art des Tötens, nämlich das anonymisierte Töten durch Einsatz von besonders effektiven, weil hochtechnisierten Waffen unser Verhältnis zur Gewalt? Und was machen diese neuen Möglichkeiten mit unserer Gesellschaft?

Fast 50 zeitgenössische internationale Künstler, von Marina Abramović über Pipilotti Rist bis Tal R, liefern die zu den Fragen passenden Bilder, Skulpturen und Videos. Das "Archive Of Modern Conflict" aus London steuerte Privatfotos aus den ersten beiden Weltkriegen bei. Es sind vor allem diese Schwarz-Weiß-Bilder, manche nicht viel größer als Briefmarken, die den Betrachter erschauern lassen: eine hübsche junge Frau auf dem Feld - in Heldenpose mit Pistole. So winzig das Bild, so stark zeigt es ihre Überzeugung in Körperhaltung, Ausdruck, Energie.

Wie ein sterbender Dinosaurier

Ein anderes Foto zeigt einen überrollten Panzer - und korrespondiert hervorragend mit einem Riesenpanzer, der fast eine Ausstellungsfläche ausfüllt: Neun Meter lang und sechs Meter breit, ist "Tank" komplett aus pflanzlich gegerbtem Schweinsleder gefertigt. Künstler He Xiangyu, der in Berlin und Peking lebt, arbeitete zwei Jahre lang an dem Meisterstück, das in sich zusammengesunken auf dem Boden liegt, als sei ihm die Luft entwichen. Die Besucher betrachten es fasziniert wie einen sterbenden Dinosaurier.

Denn die Menschen haben ja nicht nur Angst vor Waffen, viele sind gleichzeitig fasziniert davon. Davon zeugen auch die Installationen "Guns" von "Robbert&Frank/Frank&Robbert": Wie Trophäen hängen 146 handgezimmerte Gewehre aus Holz an einer Wand. Auch ein aus einer Getränkedose und weiterem Müll gebasteltes RAF-Gewehr von André Robillard oszilliert zwischen kritischer Geschichtsbetrachtung und Fanperspektive. Alle Arbeiten in diesem Raum, in dem es um die Auswirkungen geht, die der Einsatz moderner Waffen langfristig auf die menschliche Psyche hat, handeln von dieser Zwiespältigkeit.

Anders als Literatur und Theater behandele die bildende Kunst das Thema oft einseitig, findet Kuratorin Ellen Blumenstein: "Waffen sind schlecht und müssen weg - fertig. Natürlich negieren wir das nicht grundsätzlich, aber Waffen sind nun mal so alt wie die Menschen selbst und diese Reduktion unterschlägt vieles von der Ambivalenz, die in der Haltung des Menschen zur Waffe und zu ihrem Schrecken steckt."

Und noch eine Ambivalenz wartet hier auf: "Wir erleben Gewalt meist nur abstrakt in weiter Ferne. Dabei ist sie näher, als wir glauben", erklärt Kurator Daniel Tyradellis. Deshalb der Titel "Fire and Forget", in Anlehnung an den Militärjargon für Waffensysteme, die aus gefahrloser Distanz zum Feind ausgelöst werden, und die sich ihre Ziele selbst suchen. Der Schütze kann die Opfer seines Angriffs ausblenden - und vergessen.

Die Ausstellung will die geläufigen Vorstellungen von Krieg und Gewalt hinterfragen und damit deutlich machen: Schon die Analyse von Gewalt ist abhängig davon, ob dabei auch in Gedanken Gewalt am Werk ist, schreibt Tyradellis in einem Begleittext. Denn Gewalt hat viele Gesichter, nicht nur das der Waffe. Und die Art, wie wir etwa kriegerische Konflikte in anderen Erdteilen beurteilen, hängt auch von unserer Art zu denken ab, die wiederum stark geprägt sein kann.

Installationsansicht von TOURNIQUET (2013) von Daniil Galkin

(Foto: PinchukArtCentre/ Foto: Sergey Illin)

Bereits am Eingang begrüßt den Besucher ein leicht bedrohliches Szenario: "Tourniquet" (französisch: Drehtür) heißt die Installation von Daniil Galkin aus der Ukraine und dabei handelt es sich eigentlich nur um zwei mal zwei Drehkreuze in Schwarz. Aber wieso fühlt man sich von dieser Grenzziehung zwischen Innen und Außen schon so beeinträchtigt? Und wie reagiert man selbst, wenn man an einer Grenze steht: überwinden, einreißen, umkehren? Wovon ist das abhängig? Im Untergeschoss beschäftigen sich Künstler mit diesem für Berlin altbekannten Thema.