Ausstellung über Homosexualität Kann man nicht "normale Schwule" zeigen?

150 Jahre Geschichte, Politik und Kultur homosexueller Frauen und Männer in Deutschland zeigt die Ausstellung "Homosexualität_en" im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

(Foto: dpa)

Knutschen, Kuscheln, Demonstrieren: Bis 1992 bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität als Krankheit. Eine großartige Doppelausstellung in Berlin zeichnet den Wandel im Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe nach.

Von Jens Bisky

Sie hätten es sich leicht machen und einfach die Geschichte einer Emanzipation erzählen können: vom Kampf gegen den Paragrafen 175 bis hin zum Streit um die Ehe für alle. Dann würden sie jetzt auf einer Wolke aus Wohlwollen schweben. Dass Schwule, Lesben, Transsexuelle und Intergeschlechtlichkeit in einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum einen großen Auftritt haben, ist ja bereits ein Symbol des Wandels. Eben noch, 1990, reichte der harmlose Kuss zweier Männer in einer Folge der "Lindenstraße" aus, die Republik in Aufregung zu versetzen und den Bayerischen Rundfunk verlegen zu machen. Bis 1992 verzeichnete ein Katalog der Weltgesundheitsorganisation Homosexualität als Krankheit.

Zum Glück hat das Team um die Kuratorin Birgit Bosold es sich weder leicht noch einfach gemacht. Selbstverständlich erzählen sie auch von Verfolgung und Protest, von Niederlagen und Siegen. Aber sie wollen mehr, als eine Unterdrückungsgeschichte illustrieren und Triumphe der Liberalisierung feiern. Ihnen geht es um die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten, um eine anhaltende Verwirrung von Blicken, Normen, kulturellen Mustern. Und das ist auf gleichermaßen kluge wie vergnügliche Weise gelungen.

Rote Lippen und Phallometer

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Der Besucher soll weder belehrt, noch überredet werden

Es war also ein guter Einfall der Geldgeber, der Bundeskulturstiftung und der Kulturstiftung der Länder, das Schwule Museum - klein, meist klamm, quicklebendig - und das behäbige, seit Jahren verlässlich langweilige Deutsche Historische Museum (DHM) für dieses Unternehmen zusammenzuspannen. Das Schwule Museum ist eine Gründung der Achtziger Jahre. Im guten, alten West-Berlin hatten drei Studenten das Berlin Museum zu einer Ausstellung über homosexuelle Männer und Frauen gedrängt: Sie hieß "Eldorado", zählte 40 000 Besucher, provozierte und hinterließ den Wunsch nach einem eigenen Haus mit Archiv und Bibliothek. Ende 1985 gründete sich der Verein der Freunde des Schwulen Museums, drei Jahre später fand man ein Domizil in Kreuzberg. Die Sammlung wuchs, mehr als 130 Ausstellungen wurden gezeigt. Seit 2013 residiert das Museum in der Lützowstraße. Das Archiv birgt oft unerschlossene Schätze, Kunst, Pornografie, Zeitschriften, berührende Freundschaftsbilder aus Foto-Studios der Kaiserzeit, Flugblätter, Kostüme und Fummel.

Seit Freitag ist der zweite Teil der Ausstellung "Homosexualität_en" im Haus in der Lützowstraße zu sehen: Kunstwerke für Fortgeschrittene im Spiel mit Erwartungen, Erfahrungen und Rollenbildern. Von Andy Warhols einfach schönem Film "Blow Job" aus dem Jahr 1964 über "Top and bottom", den Klassiker mit Wasserhähnen und Schlauch von Elmgreen & Dragset, bis hin zum Interviewprojekt "What's next", in dem Berliner Menschen von heute über ihr Leben plaudern.

Es gibt mehr, als in der Fixierung auf zwei Geschlechter erkennbar wird

In Mitte werden zwei Etagen im Ausstellungsbau des DHM bespielt. Es beginnt mit privaten Erinnerungen an das Coming-Out - und bald steht man inmitten einer Galerie von Frauenporträts und Paarbildern: Lotte Laserstein und Sabine Lepsius malen sich selbst, Königin Christina von Schweden und Claire Waldoff lassen sich porträtieren. In diese Reihe gehört auch das zugleich anziehende wie zurückstoßende Bild des kanadischen Performancekünstlers Heather Cassils. Es ist als Motiv auf dem Ausstellungsplakat überall in der Stadt zu sehen und hat für Empörung gesorgt: Kann man nicht "normale Schwule" zeigen? Reduziert das nicht aufs Körperliche, bedient Mehrheitsklischees?

Ein Modelgesicht, leuchtend rot geschminkte Lippen, ein sehr muskulöser Oberkörper - Heather Cassils hat dafür über Wochen mit seinem Körper experimentiert - und dann gepiercte Brüstchen, eine Narbe: Es verwirren sich Perfektion und Verletzung, Männliches und Weibliches, es bleibt ein nicht recht einzuordnendes Ich mit kirschrot leuchtenden Lippen. Verwirrung mag auch die Schreibweise des Ausstellungstitels, der immer wieder anzutreffende Unterstrich ("gender gap") hervorrufen. Es gibt mehr, als in der Fixierung auf zwei Geschlechter erkennbar wird. "Gender-Wahn" werden da viele rufen, denen tradierte Rollenbilder am Herzen liegen und die vergessen wollen, dass die angeblich natürlichen Familienverhältnisse immer außergewöhnlich instabil gewesen sind.

Sollen sie rufen, die Ausstellung will nicht belehren oder überreden. Sie zeigt, was man so noch nicht gesehen hat, weil es selten systematisch gesammelt wurde, nachdem die Nationalsozialisten das "Institut für Sexualwissenschaft" von Magnus Hirschfeld zerstörten. Ein wichtiger Teil der Wirklichkeit blieb so unsichtbar oder in der Kuriositätenecke.