Ausstellung "Targets" von Herlinde Koelbl Im Fadenkreuz

Fotoausstellung "Targets": Herlinde Koelbl vor einem Bild ihrer neuen Foto-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin.

(Foto: dpa)

Sie hat schon Sitzecken und Schrankwände fotografiert, Betten und Politikergesichter. Jedes Mal ist Fotografin Herlinde Koelbl dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen gelangt. Jetzt zeigt sie in der Ausstellung "Targets" im Deutschen Historischen Museum Berlin Zielscheiben aus aller Welt. Zu sehen sind auch rassistische Exemplare - aus Deutschland.

Von Tobias Kniebe

Der erste Eindruck ist klar - hier geht es zielgerichtet zur Sache. Wie sollte es auch anders sein bei einem Projekt, das "Targets" heißt und fast ausschließlich Bilder von Zielscheiben versammelt - fotografiert auf Truppenübungsplätzen in fast dreißig Ländern der Erde. Sechs Jahre lang war die Fotografin Herlinde Koelbl unterwegs, um die Objekte ihrer Faszination ins Visier zu nehmen. Das Ergebnis zeigt sie nun in einer Schau im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Wird man mit ihrer Grundidee konfrontiert, will man natürlich mehr wissen: Worauf schießen die Menschen denn nun, die rund um den Globus zum Töten ausgebildet werden? Müssen sich hier nicht Feindbilder in erschreckender Klarheit zeigen, dazu neue (und wechselnde) geopolitische Konfliktlagen? Ballern die einen inzwischen nur noch auf vollbärtige Turbanträger, die anderen aber auf Monster mit schweinchenrosa Gesichtern?

Diese Fragen haben natürlich auch Herlinde Koelbl umgetrieben, die heute 74-jährige Grande Dame des fotografischen Langzeitprojekts in Deutschland. Unter anderem ist sie schon durch hartnäckiges Ablichten von Sitzecken und Schrankwänden ("Das deutsche Wohnzimmer", 1980), Politikergesichtern ("Spuren der Macht", 1999) und Betten ("Schlafzimmer", 2002) zu erstaunlichen Erkenntnissen vorgestoßen.

Nach Nordkorea kam sie dann doch nicht hinein

Jetzt ist die Ausbeute auch nicht schlecht. Die eindeutig rassistischsten Kugelfänger - ein grimmiger Schwarzer mit wulstigen Lippen und ein dunkelhäutiger Mann, der eine blonde Frau bedroht - stammen laut Bildlegende aus Deutschland. Die nicht ganz unwichtige Zusatzinformation, welche heimischen Truppenteile denn bitte solche Bilder durchlöchern, verschweigt die Fotografin - weshalb dem Wehrbeauftragten des Bundestags nun dringend der Besuch dieser Ausstellung und ein anschließendes Gespräch mit Frau Koelbl ans Herz gelegt werden muss.

Aus dem Nordirak bei der PKK, aus Afghanistan, aus der Ukraine und anderen umkämpften Regionen fallen dagegen keine krassen Bilddarstellungen auf - die Soldaten dort haben scheinbar andere Sorgen. Vor allem aber haben sie immer den Ernstfall vor Augen. Zum Üben reichen ihnen deshalb im Zweifelsfall ein paar handgemalte Ringe. Nach Nordkorea, wo nach Aussage der Fotografin auch mal auf Bilder von US-Soldaten geschossen wird, kam sie dann doch nicht hinein.

Je länger ihre Recherche dauerte, desto klarer wurde Koelbl allerdings, dass die Idee mit den Zielscheiben nicht mehr die ganze militärische Wirklichkeit abbildet. Teilweise fotografierte sie Video-Arenen, und beim US-Militär entdeckte sie, dass die Schüsse dort häufig virtuell, die Ziele aber echt sind - es sind andere Soldaten, die Feind spielen. So ergänzt sie ihre Schau am Ende um Porträts von lebendigen Soldaten - "Targets" sind diese ja auch.

Targets. Deutsches Historisches Museum Berlin, bis 5. Oktober. Bildband bei Prestel, 49,95 Euro.