Ausstellung Subtile Dialoge mit China

Die Galerie der Künstler in der Maximilianstraße zeigt Arbeiten aus München und Wuhan

Von Jürgen Moises

Laut Kurator Li Jianchun hat die Ausstellung "Rhythm and Method: Abstract Art in China and Germany", die im August 2013 im Hubei Museum of Art in der chinesischen Stadt Wuhan stattfand, einen enormen Einfluss auf die dortigen Künstler ausgeübt. Was sich etwa daran zeige, dass sich in der zugehörigen Provinz erkennbar mehr Künstler als vorher der abstrakten Malerei widmen. Beteiligt waren an der in Kooperation entstandenen Ausstellung mehrere chinesische Künstler sowie die Mitglieder der Münchner Künstlergruppe "Rhythm Section". Einer Gruppe, die 2010 von Oleksiy Koval, Kuros Nekouian und Stefan Schessl gegründet wurde und der als weitere Künstler Michael Hofstetter und Veronika Wenger aus München und Henriette van't Hoog aus Amsterdam angehören. Was sie als Künstler zusammengeführt hat, ist laut Selbstaussage ihr Verständnis des Kunstwerks als ein "Medium geistiger Kommunikation".

Einen kulturellen Dialog zwischen chinesischen und deutschen Künstlern zu führen und diesen Stück für Stück zu intensivieren, das war und ist das erklärte Ziel des Projekts "Rhythm and Method", welches von Anfang an nicht als singuläres Ereignis gedacht war, sondern als kontinuierliche Ausstellungsserie. Weswegen nach dem offenbar recht nachhaltigen Besuch der Münchner Künstler in Wuhan nun aktuell der Gegenbesuch der chinesischen Kollegen in München stattfindet. Und zwar stellvertretend durch ihre Arbeiten, die seit dem vergangenen Mittwoch in der Galerie der Künstler zusammen mit den Werken der Künstlergruppe "Rhythm Section" zu sehen sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der abstrakten Malerei, das gemeinsame Thema ist der "Rhythmus als ein zentrales Element der Kunst". Das heißt, mit den Worten Kandinskys: der Versuch, durch eine abstrakte Konstruktion ähnlich der Musik eine innere Welt zum Ausdruck zu bringen.

Die Art, wie die insgesamt zwölf Künstler das Thema angehen, ist recht unterschiedlich. In Technik, Material oder Motivik finden sich dennoch auffällige Parallelen. Wenn etwa Henriette van't Hoog mit ihren geometrischen, mit monochromen Farbflächen überzogenen Wandobjekten visuelle "Kippmomente" zwischen Zweidimensionalität und Dreidimensionalität erzeugt, dann zeigt das durchaus eine Nähe zu den dreidimensionalen Wandobjekten von Xiao Tang. Der junge, in China bereits sehr einflussreiche Künstler spielt in seiner Kunst ebenfalls mit der Wahrnehmung. Seine Arbeiten wirken teilweise wie überdimensionierte Rahmen, je nach Blickwinkel und Lichtverhältnissen schwankt auch hier die optische Erscheinung zwischen Bild und Objekt, mit dem Schatten als zusätzlichem Bildelement.

Kuros Nekouians am i-Pad entworfene, großformatige Wandteppiche mit ihren biomorphen Formen lassen sich wiederum mit den Arbeiten von Xiaoshen Yu in Beziehung setzen, und zwar in puncto Material, Entstehungsprozess und Oberflächenbeschaffenheit. Xiaoshen Yu produziert ihre Werke mit Nadel und Faden, indem sie Kreise, Spiralen oder verschiedene Strichmuster auf Leinwände näht. Auch Oleksiy Koval erzeugt mit auf Spanplatten geklebten Farbflächen oder Buchstaben ganz ähnliche rhythmische Strukturen.

Weitere subtile Dialoge entspinnen sich in der sehr sehenswerten Ausstellung etwa zwischen den mit feinen Farbschlieren überzogenen Folien von Stefan Schessl und den Tusche, Malerei und verschiedene Drucktechniken kombinierenden Werken von Gang Li. Durch Schichtung oder spezielle Druck- und Mischtechniken entsteht hier eine abstrakte Malerei, die wie zufällig durch Gebrauchsspuren oder "anonyme" Druckmuster entstanden, auf jeden Fall nicht durch einen persönlichen Duktus geprägt wirkt. Das Ergebnis erscheint trotzdem sehr individuell und poetisch.

Bei Huangsheng Wang und Veronika Wenger könnte man das verbindende Element in der grafischen Grundstruktur sehen. Wengers Schrift, Figur und Linie kombinierende "drawing 02" basiert auf einer Auseinandersetzung mit Hedda Gabler und dem choreografischen Werk von William Forsythe. Huangsheng Wangs vierteiliges Gemälde "Moving Visions Series" hat seinen Ursprung in der traditionellen chinesischen Tuschemalerei, trägt in seinem freien Gestus aber auch Züge des abstrakten Expressionismus. Eine Arbeit, die schon durch ihren Einbezug von Ton und Video aus dem kulturellen Dialog etwas herausfällt, ist die "Toxische Skulptur: West-Östlicher Diwan" von Michael Hofstetter. Sie besteht aus einer Bank, die der Künstler aus einem gefundenen Neonschriftzug des Designermöbelherstellers "Ligne Roset" gebastelt hat, sowie aus auf die Wand projizierten Fernsehaufnahmen. Diese zeigen IS-Terroristen, die die Museen im irakischen Mosul verwüsten.

Als diese Bilder vor Monaten um die Welt gingen, sorgten sie für große moralische Empörung. Wie die Ligne-Roset-Bank dazu passt? Für Hofstetter steht sie ebenfalls stellvertretend für eine aktuelle Form des Bildersturms, nämlich: für die Gleichsetzung von Kunst und Lifestyle, die am Ende auch die Kunst zerstört. Verstanden als selbstkritische Auseinandersetzung mit der westlichen Kunstwelt, könnte man von Hofstetters "toxischer Skulptur" dann doch wieder eine Parallele zu den chinesischen Bildwerken ziehen. Denn steckt in der Hinwendung zur westlichen Abstraktion nicht auch eine subtile Form des Bildersturms, eine Unterwanderung der staatlichen Bilderpolitik? Vielleicht, aber dazu müsste man die Künstler über den malerischen Dialog hinaus wohl noch konkreter im persönlichen Gespräch befragen.

Rhythm and Method, Galerie der Künstler, Maximilianstr. 42, bis 28. Juni