Ausstellung Nicht Gold, aber goldwert

Der Kunstgewerbeverein vergibt seit zehn Jahren Nachwuchspreise

Von Karen Bauer

Es muss kein 875-karätiges Gold mehr sein: Auch Polyesterfäden schmücken das Dekolleté, wenn sie farblich gut kombiniert und zu einer dreidimensional ausfaltbaren Kette verknüpft sind wie bei Agnieszka Sendecka. Im Jahr 2014 zeichnete der Bayerische Kunstgewerbeverein (BKV) die Polin dafür mit einer Belobigung aus. "Es geht heute nicht mehr so stark um Wertigkeit - alles ist Material", sagt Monika Fahn, Geschäftsführerin des Kunstgewerbevereins.

Seit 2006 vergibt der BKV den Nachwuchspreis für Junges Kunsthandwerk. Jährlich reichen etwa 130 Künstler aus aller Welt ihre Objekte ein. Prämiert werden Schmuck, Gefäße und Geräte: Dinge, die eine Funktion erfüllen, und dabei von besonderer handwerklicher Qualität sind und durch ihr Design auffallen. Ziel des mit bis zu 3000 Euro dotierten Preises ist es, jungen Künstlern den Übergang von der Ausbildung in den Beruf zu erleichtern. Zum Jubiläum wird erstmals kein Preis verliehen, dafür gibt es eine Sonderausstellung. Die Galerie für angewandte Kunst in der Pacellistraße zeigt Fotografien der preisgekrönten Objekte und stellt aktuelle Werke der 27 Preisträger aus. Die Ausstellung offenbart Trends der angewandten Kunst, die sich derzeit größer, experimenteller und technikaffiner zeigen.

Experimentell sind vor allem die Materialien: Mit ihrem Collier aus getrockneten Zitronenschalen etwa gewann Katsura Sasaki 2009 den ersten Preis. Ein Anhänger aus Darm, mit Zucker und Eiweiß gefüllt und mit Silber überzogen, erreichte 2011 das Finale. Deutlich größer als eine gewöhnliche Kette ist die Arbeit von Agnes Larsson: Sie fädelt handtellergroße Aluminium-Scheiben auf einen Pferdeschweif auf. Nichts für Veganer - genau wie die Broschen von Eunmi Chun. Die Südkoreanerin formt aus Schweinehaut und Darm Löwenköpfe mit menschlichem Haar zum Anstecken. Die haben die Maße eines Smartphones und dürften damit so manchem potenziellen Käufer als Schmuck zu groß sein. Aber: "Manche hängen sich die Broschen an die Wand", sagt Fahn. So verschwimmt die Grenze von freier und angewandter Kunst bisweilen auch durch die Entscheidung des Käufers.

Dass Kunsthandwerk mehr umfasst als Schmuck, zeigt Juliane Schölß. 2006 gewann sie den ersten Preis, nun zeigt Schölß ihre dünnwandigen Silberkannen in reduzierten, fast schon futuristisch anmutenden Formen. Und auch 2015 gewannen zwei Gefäße den ersten und zweiten Preis. Mit dem klaren Design ihrer von Hand gefertigten Einmachgläser mit Holzdeckel und Gummi-Verschluss überzeugte die Tschechin Aneta Koutná die Jury. Den zweiten Preis bekam Kristina Rothe: Sie fertigt Urnen aus handgeschöpftem und geprägtem Papier - garantiert rückstandslos abbaubar.

Ein weiterer Trend: Recycling oder Upcycling. Viele Künstler reizt es, Bestehende Dinge zu verfremden oder vermeintlichem Abfall neue Funktion zu geben. Hiawatha Seifert etwa schweißt aus alten Fahrrad- und Maschinenketten Metall-schalen. Mit diesem nachhaltigen Kunsthandwerk gewann er 2008 den zweiten Preis. Wie technikaffin junge Kunsthandwerker sind, zeigt Matteo Bauer-Bornemann: Er zerschneidet Aluminium-Platten mit Wasserstrahltechnik und verkeilt die Bauteile ineinander. So entstehen Gefäße, deren Ästhetik ein wenig an ein Vogelnest erinnert. Ob Papierkorb oder Schirmständer: Welche Funktion die Gefäße übernehmen, das bleibt hier dem Käufer überlassen. "Jede technische Neuerung von 3-D-Drucker bis Lasertechnik wird auch im Kunsthandwerk aufgenommen", sagt Monika Fahn.

Doch bei aller Experimentierfreude mit neuen Industrietechniken: Grundvoraussetzung des BKV-Preises für junges Kunsthandwerk ist, dass die eingereichten Objekte Handarbeit enthalten und Einzelstücke oder höchstens kleine Serien sind: So kommt es, dass so manches Stück Kunsthandwerk in der Ausstellung so teuer ist wie Gold.

Zehn Jahre BKV-Preis, Ausstellung, bis Sa. 24. Sep., 10 bis 18 Uhr, Künstlergespräch mit Juliane Schölß, Mo., 19. Sep., 17 Uhr, Galerie für angewandte Kunst, Pacellistr. 6