Ausstellung "Kunst/Stoff" Virtuelle Wühltische

Das Augsburger Textil- und Industriemuseum lässt 17 Künstler die Dauerausstellung umgestalten. Der Schwerpunkt liegt auf der Medienkunst

Von Yvonne Poppek

Es ist ein schlichter Impuls. Die Hand streckt sich selbst danach aus, nach einem Kleidungsstück, einem Möbel, einem Teppich. Das Material will betastet werden, die Handfläche soll darüber gleiten, die Struktur soll nicht nur optisch, sondern auch haptisch erfasst werden. Die Berührung gehört zur Existenz des Stoffes. Eigentlich. Denn heutzutage folgt sie oft spät auf die erste Betrachtung. Erst kommt die Sichtung im Netz, auf den Bestellplattformen. Und irgendwann darf die Hand erforschen, wofür sich das Auge entschieden hat. Der Stoff ist zunächst auf das Optische beschränkt. Ein Phänomen der Zeit.

Konsequent also, wenn Künstler, die sich mit dem Textil befassen, bei der digitalen Projektion landen, bei ephemeren Bildern, die sich der Betastung entziehen und sie sogar noch einen Schritt weitergehen und den Produktionscode des Materials in den Vordergrund rücken. Dies fällt zumindest in der Sonderausstellung "Kunst/Stoff" im Augsburger Textil- und Industriemuseum (Tim) auf. Erstmals seit seiner Gründung vor fünf Jahren zeigt das Haus künstlerische Arbeiten, die in die Erzählstruktur der Dauerausstellung eingreifen sollen - und dies mit großformatigen Objekten unübersehbar tun. Dabei ist die Aufgabe für die Künstler keine leichte gewesen. Das Tim ist ein modernes Museum mit einem schlüssigen Design. Pfeile führen den Besucher seine Wege entlang, es gibt Kabinette, die sich Themenblöcken widmen und diese bis zur Wandtapezierung widerspiegeln, wuchtige Maschinen dominieren die Räume, ebenso große Vitrinen mit Mode aus den Jahrhunderten. Kleinformatige Gemälde hätten es schwer, sich gegen solche Konkurrenz zu behaupten.

Bei der Auswahl der 17 Künstler, die in Summe 30 Arbeiten für das Tim entwarfen, dürfte also das Format eine Bedeutung gespielt haben. Und sicher ist auch der Schwerpunkt auf Medienkunst kein reiner Zufall, sondern entspricht dem Selbstverständnis des Hauses als "Laboratorium der Moderne". Die Idee zur Ausstellung stammt von Felix Weinold, auch seine Arbeit mündet in einer Videoprojektion: Ausgehend von einem Mondrian-Gemälde hat Weinold rote, gelbe, blaue und weiße T-Shirts in einem Raster arrangiert. In seinem Video, das er in Zeitlupe auf eine Tischplatte projiziert, greifen Hände die Shirts auf, zerstören das Raster, die Harmonie. "Wühltisch" lautet der Titel der Arbeit, die auf Gegensätzlichkeit basiert, auf Wert- und Geringschätzung, Zeitlosigkeit und Flüchtigkeit, Ordnung und Unordnung. Nur wenige Schritte davon entfernt hat Nicolas Constantin seinen Monitor-Triptychon "Variations IX" platziert. Seine audio-visuelle Komposition funktioniert interaktiv: Wer die Fläche vor den Bildschirmen betritt, setzt das Abspielen der Muster in Gang, ein Positionswechsel zieht neue Projektionen nach sich - bis sich das Medium verselbstständigt. Ursache und Wirkung sind einander entkoppelt, der Mensch beherrscht die Maschine nicht.

Ebenfalls mit Projektionen arbeitet das Augsburger Künstlerkollektiv Lab Binaer, das sich mit dem Code einer analogen Lochkarte für Webmaschine und dem Musterbucharchiv des Tim auseinandergesetzt hat. Das Analoge übersetzen sie in Lichtprojektionen und Sound. Und dafür haben sie Platz, 50 Meter in der Tiefe und 16 Meter in der Breite in dem leer stehenden, abgedunkelten Nebengebäude des Tim, der sogenannten Basilika. Zum Stampfen einer Webmaschine beginnen Lichtstreifen über die Säulen und Wände zu wandern, verleihen dem Raum im Wechsel Tiefe und Flächigkeit, durchziehen ihn mit Mustern, immer synchron und rhythmisch, unterworfen dem Diktat der modernen Maschinenwelt.

Codes, Zeichen, Chiffrierung und Dechiffrierung, die Übertragung analoger Strukturen ins Mediale: Stoff ist längst nicht mehr allein ein Gebrauchsgegenstand, sondern ein stark akzentuiertes Mittel der Kommunikation, das wie alles andere sich den Strukturen und Vorgaben des Digitalen zu unterwerfen hat. Ein zeitgemäßer Zugriff also in Augsburg, aber nicht der alleinige. Im Tim drängt sich ein zweites Thema in den Vordergrund: Gewalt.

So betrachtet etwa Nausikaa Hacker die Produktionsbedingungen in Bangladesch. "Haul" heißt ihre Arbeit. Beutezug. Hacker lässt zwei Videos parallel abspielen: das Interview mit einer Textilarbeiterin, die tagelang verschüttet in den Trümmern der Fabrik in Sabhar lag und sich für die Rettung den Unterarm abtrennen musste und ein Youtube-Video, in dem eine Studentin ihre Schnäppcheneinkäufe im Textildiscounter feiert. Ein schmerzhafter dokumentarischer Gegenschnitt.

Esther Glück und Rose Stach widmen sich der Gewalt im Nationalsozialismus - und ergänzen an dieser Stelle die historische Auseinandersetzung der Dauerausstellung durch eine kluge, intensive, emotionale Ebene. Glücks "Shaping-Shirts" - Hemden, gefertigt aus den Blättern vom jüdischen Friedhof in Augsburg und aus dem Schlamm der Eger, die die Asche der Toten aus Theresienstadt mit sich führte - erinnern an die Ermordung der Familie Arnold, die jüdischen Miteigner einer Augsburger Textilfabrik. Zugleich sind die leeren Hemden ein materialisiertes Paradoxon: die künstlerische Gestaltung eines Grauens, das nicht gestaltet werden kann. Dieses Grauen findet sich bei Stach wieder: In ihren blass-blauen Handtüchern, die mit violetten Zahlen bedruckt sind, lässt sich die Tätowierung der KZ-Häftlinge erkennen. "Ich wasche meine Hände in Unschuld", nennt Stach ihr Projekt, eine stille Mahnung gegen das Vergessen.

Kunst/Stoff, bis 29. Nov., Di. bis So. 9-18 Uhr, Tim Augsburg, Provinostr. 46