Ausstellung Inspiration Indien

Navin Thomas lässt in "Flight of the Fabricator" Arbeiterhemden im künstlichen Wind flattern und spielt damit auf Themen wie Migration an.

(Foto: Bhavani GS)

Bangalores Kunstszene stellt sich in München mit "Double Road" vor

Von Jürgen Moises

Für viele Künstler ist Indien ein Sehnsuchtsort. Zumindest war es das in der Zeit der Deutschen Romantik und in den 1960er- und 1970er-Jahren. Was sie dort gesucht haben? Den Ursprung der deutschen Kultur, das persönliche Glück oder gar den Schlüssel für den Weltfrieden. Bei einigen Münchner Künstlern, die in den letzten Jahren in der 8,4-Millionen-Stadt Bangalore im indischen Bundesstaat Karnataka waren, hatte die Indienreise einen etwas profaneren, sprich: ökonomischen Hintergrund. Denn zwischen Bayern und Karnataka, das als ein Zentrum der Luft- und Raumfahrt- sowie der IT-Industrie in Indien gilt, besteht seit zehn Jahren eine wirtschaftliche Partnerschaft. Und auf dieser aufbauend hat sich mithilfe des Goethe-Instituts über die Jahre auch ein künstlerischer Austausch entwickelt.

Dieser sah bis jetzt so aus, dass sich immer mal wieder Künstler aus München für ein paar Wochen in die BangaloResidency des Goethe-Instituts in Bangalore aufmachten. Zum zehnten Geburtstag des wirtschaftlichen Bündnisses haben die Künstler Christian Engelmann, Beate Engl, Maximilian Erbacher, Fabian Hesse, Hermann Hiller und Ralf Homann das Spiel nun umgedreht und Bhavani GS, Navin Thomas, Shridar Gangolli, Sureh Jayram, Suresh Kumar und Yashas Shetty als "Artists in Residence" nach München eingeladen und für diese eine dreiteilige Ausstellung organisiert. "Double Road" heißt sie und ist aktuell in der WhiteBox, im MaximiliansForum und im Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten zu sehen.

Die indischen Künstler präsentieren dort aber nicht nur eigene Arbeiten, sondern sie haben auch Werke von Kollegen mitgebracht. Was bedeutet, dass man mit dem Besuch von "Double Road" einen recht guten Einblick in die aktuelle Kunstszene in Bangalore erhält. Einer Szene, so könnte man sagen, welche die um 1900 von Rabindranath Tagore aufgestoßenen Türen in die Moderne nicht nur durchschritten, sondern weitläufig erweitert hat. Mit indischer Wand- oder Miniaturmalerei etwa, wie man sie aus ethnologischen Museen kennt, hat das Gezeigte jedenfalls nichts zu tun. Was man hier sieht, ist die Kunst einer modernen Metropole, wie sie einer Hightech-Stadt mit einer hochqualifizierten Mittelschicht auch entspricht.

Die bevorzugten Mittel heißen dementsprechend Performance, Installation und Videokunst, und die verhandelten Themen reichen von der Reflexion von Politik und großstädtischem Alltag bis hin zu Gender- oder Religions-Fragen. So ist etwa Indu Antony auf den Fotos ihrer Dia-Show "ManiFest" in Männerrollen wie Pilot, Pirat, Cowboy oder Superman zu sehen. Ihr Ziel: Junge Mädchen zum Verfolgen ihrer nonkonformen Träume zu ermuntern. Bharatesh GD steht dagegen in seinem eindrücklichen Video "eXtraLarge" in einer Art Zwiegespräch mit Gott, in dem es um die Lust am und auf das eigene Fleisch geht. Laut Monolog isst der Künstler an einem Tisch sein eigenes Fleisch auf. Eine Arbeit, die möglicherweise auf den religiös motivierten Vegetarismus in Indien anspielt.

Andere Künstler nehmen dagegen auf München oder internationale Themen Bezug. Bhavani GS etwa bringt in einem Video die Isar und den Fluss ihrer Heimatstadt zusammen, Navin Thomas lässt Arbeiterhemden symbolisch im Wind flattern und Yashas Shetty geht in seiner Installation "The Rakshasa Archiv" den Spuren deutscher Emigranten wie den Mitgliedern der Münchner Kommune 3 in Südindien nach. Dabei schwingen verschiedene künstlerische oder wissenschaftliche, utopische Visionen mit. Im Falle der Kommunen-Mitglieder führten diese zur Herausbildung des Ensembles Rakshasa, das östliche Musik mit westlicher Elektronik und einer Art Weltraum-Romantik verband. In der Musikgeschichte blieb das ohne Widerhall. Es könnte aber ein interessanter Ausgangspunkt für die Diskussion "glocal!#*inter_local" am Mittwoch um 19 Uhr im MaximiliansForum sein, bei der Künstler und Kuratoren aus München, Berlin und Bangalore über die Möglichkeiten einer transnationalen künstlerischen Zusammenarbeit sprechen.

Double Road, bis 30. Juli in der WhiteBox (Atelierstr. 18) und im Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten, bis 3. Sept. im MaximiliansForum (Maximilianstr./Altstadtring), doubleroad.org