Ausstellung in New York Kämpferische Kunst

Protestkunst im Whitney Museum

Ein paar Kunstwerke der Ausstellung "An Incomplete History of Protest" im New Yorker Whitney Museum. mehr...

Das New Yorker Whitney Museum zeigt Protestkunst aus knapp 80 Jahren. Die Lücken sind Programm - künstlerisch, aber auch politisch.

Von Johanna Bruckner, New York

Woran erinnert ein Schlauch ohne Wasser? Theaster Gates' Montage "Minority Majority" hängt im New Yorker Whitney Museum gleich neben dem Eingang zur Ausstellung "An Incomplete History of Protest" (eine unvollständige Geschichte des Protests). Der Objektkünstler aus Chicago hat 25 Schlauchstücke auf einer Sperrholzplatte aufgebracht. Die meisten Schläuche sind verwaschen blau, manche rot, einer ist beige. Das Ganze erinnert an eine patriotische Wandtapete, Stars and Stripes, nur ohne Sterne. Das passt, denn Gates' Amerika ist finster.

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Für ihn sind die Feuerwehrschläuche ein Symbol jener Staatsbrutalität, mit der in Amerika Demonstrationen niedergeschlagen werden. Aus einem Nutzgegenstand wird bei Gates ein ästhetisches Objekt, das mit den Ängsten einer ganzen Bevölkerungsgruppe aufgeladen ist. Der Feuerwehrschlauch als Wasserwerfer, als Waffe, allzu oft eingesetzt gegen Menschen, die wie Gates schwarz sind. Sein künstlerischer Protest ist nicht plakativ. Seine Gesellschaftskritik könnte nicht lauter sein.

Mit der Dauerausstellung "An Incomplete History of Protest" kommt das Whitney Museum seinem Anspruch, Kunst zu zeigen, die besonders aktuell, besonders drängend ist, sehr nahe. Selten war die amerikanische Gesellschaft so politisiert wie in diesen Tagen, selten war Protest jedweder Überzeugung so sichtbar. Die unzähligen Demonstrationen gegen Donald Trump, der Women's March, die Obamacare-Mahnwachen. Mit bitterer Regelmäßigkeit sind Tausende auf den Straßen, die um einen schwarzen Mitbürger trauern, der von einem Polizisten erschossen wurde.

Ebenfalls im Eingangsbereich der Ausstellung hängt eine schwarze Fahne mit weißem Aufdruck: "A Man Was Lynched By Police Yesterday". Die Arbeit von Dread Scott entstand 2015 nach den tödlichen Schüssen auf den Afroamerikaner Walter Scott in North Charleston, South Carolina. Die Idee eines solchen Schand-Banners geht zurück bis ins Amerika der Zwanziger- und Dreißigerjahre, als vor dem New Yorker Hauptquartier der National Association for the Acknowledgement of Colored People (NAACP) nahezu jeden Tag eine solche Flagge wehte in Erinnerung an einen getöteten Schwarzen. Dread Scotts Gestern ist von einer traurigen Zeitlosigkeit.

Mit der Auswahl solcher Stücke gelingt Kurator David Breslin etwas, das er wohl selbst nicht für möglich gehalten hat. Er seiner Schau von Protestkunst aus den Jahren 1940 bis 2017 schafft er mehr als eine Verbindung aus historischer Bestands- und aktueller Momentaufnahme. Eine entscheidende Einschränkung hat das Whitney Museum der Ausstellung nämlich bereits im Titel mitgegeben. Sie ist "incomplete", erhebt also keinen Ausspruch auf Vollständigkeit. Keine Ausstellung könne das Ausmaß an Aktivismus einfangen, das gerade auf den Straßen und im Internet stattfinde, schreibt Breslin.

Damit hat er sicher recht. Aber passte mancher Protest vielleicht einfach nicht ins eigene politische Konzept? Das Museum dokumentiert akribisch eigene Versäumnisse der Vergangenheit: Es gibt eine ganze Wand, die den Briefwechseln zwischen Museumsverantwortlichen und Künstlerverbänden gewidmet ist, die sich über die mangelnde Repräsentanz von Schwarzen und Frauen beschweren. Aber wo sind in der Ausstellung jene Menschen, die derzeit auch auf Amerikas Straßen sind, die viel zitierten "Abgehängten", die Donald Trump im vergangenen November zum Wahlsieg verhalfen? Mag sein, dass sich unter ihnen keine Künstler gefunden haben, deren Arbeiten es verdient hätten, im Whitney ausgestellt zu werden. Aber wäre das nicht zumindest eine Erwähnung wert gewesen?

Gleichberechtigung, Aids, Krieg, Polizeigewalt - die thematischen Übergänge sind stufenlos

"An Incomplete History of Protest" klingt nach souveränem Mut zur Lücke. Doch tatsächlich wirkt es so, als seien einige Lücken einer Unsicherheit im Umgang mit unbequemen Themen geschuldet. Auf der anderen Seite wirkt die Schau streckenweise beliebig. Die Ausstellung zeigt Arbeiten, die den Kampf gegen Rassismus und das Ringen um Frauenrechte dokumentieren. Die Friedensbewegung bekommt genauso Platz wie Künstler, die die Aids-Krise der Achtzigerjahre aufgriffen. Der Besucher fällt von einer Welt in die nächste, ist nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch ästhetisch ständig neu gefordert. Der fast nahtlose Übergang legt zwar eine Gleichrangigkeit der künstlerischen und gesellschaftskritischen Anliegen nahe. Doch der Kampf um Gleichberechtigung von Mann und Frau betrifft eben über 50 Prozent der Bevölkerung, der Kampf gegen Aids weniger als ein Prozent. Hinter einem Nein zum Vietnamkrieg stecken andere Motive als hinter dem Protest gegen Polizeigewalt.

Diese Themen nur wenige Schritte voneinander entfernt stattfinden zu lassen, wird weder den Themen, noch den Künstlern gerecht, und verlangt den Besuchern ein hohes emotionales Investment ab. Denn am Ende geht es bei Protestkunst ja auch darum: den Betrachter packen, aktivieren.

Edward Kienholz' "Non War Memorial" aus dem Jahr 1970 schafft das auf den ersten Blick: Mit Sand gefüllte Militäruniformen, die vom Künstler so auf dem Boden drapiert wurden, dass der Eindruck entsteht, hier lägen gefallene Soldaten. Das mag den einen bedrücken, den anderen befremden. Aber es berührt unmittelbar. Am Plakat des kanadischen Künstlerkollektivs General Idea wirkt dagegen schon die Ermüdung - nicht schon wieder ein Pop-Art-Schriftzug. Nur dass dort in fröhlichen Farben eben nicht "Love" steht (wie bei Robert Indiana), sondern "Aids". Um zu erfahren, wie geschickt Künstler Strategien unter anderem aus der Werbung einsetzten, um das Tabu Aids zu einem Thema und Anliegen der Popkultur zu machen, darf man das Kleingedruckte neben dem Bild nicht überlesen. Nachdem man bereits einen Parforceritt durch andere gesellschaftliche Problemfelder hinter sich hat.

Im besten Fall verlässt der Besucher das Whitney Museum am Ende mit mehr als nur einem Denkanstoß. Hat sich mit Problemen beschäftigt, die vielleicht nicht zu seinem Leben gehören, aber zu unserer komplexen Welt. Im schlechtesten Fall geht er mit einem Gefühl der Überforderung und dem Wunsch, zu Hause ganz unpolitisch auf ein paar Blumenbilder aus dem Möbelhaus zu gucken. Das Whitney will keine einfachen Wahrheiten liefern. Aber es könnte den Wunsch danach verstärken.

An Incomplete History of Protest. Ohne begrenzte Laufzeit im Whitney Museum of Art, New York. Info: whitney.org. Kein Katalog.

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