Ausstellung Herrchenschule

Ian Chengs digitale Verhaltens-Simulation "Emissary Forks at Perfection" schraubt an den üblichen Machtverhältnissen mittels künstlicher Intelligenz im Espace Louis Vuitton

Von Jürgen Moises

Manchmal fühle er sich ein klein bisschen besorgt um sie, sagt Ian Cheng über seine eigenen Kreaturen. Etwa wenn in der digitalen Live-Simulation "Emissary Forks at Perfection" einer der Hunde losläuft, um noch unbekannte Territorien zu erforschen. Dann kann im Grunde alles Mögliche passieren. Denn der amerikanische Digitalkünstler hat sich die Science-Fiction-Welt in "Emissary Forks at Perfection" zwar ausgedacht, sie zusammen mit anderen Computerexperten entwickelt und über die Algorithmen, die etwa die Bewegungen der Hunde steuern, entschieden. Aber es gibt in der Simulation auch eine künstliche Intelligenz, die das Verhalten der Hunde ebenfalls steuern, sie sichtbar an die Leine nehmen kann, und die das Geschehen dadurch ebenfalls beeinflusst.

Bis hierhin alles klar? Eine gewisse Video- oder Online-Rollenspiel-Erfahrung kann auf jeden Fall nicht schaden, um sich in der Live-Simulation "Emissary Forks at Perfection" zurechtzufinden, die noch bis zum 9. September im Espace Louis Vuitton gezeigt wird. Als eine von drei Arbeiten von Ian Cheng, der beim Festival Kino der Kunst den diesjährigen, von Louis Vuitton gestifteten Preis für das filmische Gesamtwerk verliehen bekommt. Gewürdigt wird der 1984 in Los Angeles geborene Cheng laut Jury dabei als Künstler, der in seiner Arbeit "die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wissenschaft, bildender Kunst und neuesten Technologien" überschreitet. Und "Emissary Forks at Perfection" ist dafür ein überzeugendes Beispiel.

Dazu muss man noch sagen: Die Simulation ist der zweite Teil einer mit "Emissaries" betitelten Trilogie. In ihrer Gesamtheit ist sie derzeit im Museum of Modern Art in New York zu sehen, wo Cheng aktuell lebt und arbeitet. Alle wichtigen Infos dazu sind auf der Website emissaries.live zu finden sowie ein Link zur Museumsseite, auf der man die Simulationen live mitverfolgen kann. Erzählt wird, soweit man hier von erzählen reden kann, darin eine Art Evolutionsgeschichte. Der erste Teil spielt in einer Vulkanlandschaft, in der eine steinzeitliche Gemeinschaft lebt. Der zweite an einem fruchtbaren Kratersee, der von einer künstlichen Intelligenz als "darwinistisches Labor" genutzt wird. Und im dritten Teil sind Landschaft und künstliche Intelligenz zu einem empfindungsfähigen Atoll verschmolzen.

Das heißt, am Ende wird die Landschaft selbst zu einer Art Intelligenz oder Bewusstsein, was interessanterweise im Meer passiert, also dort, wo das biologische Leben laut Evolutionsforschung seinen Anfang nahm. Wie Bewusstsein entsteht und wie es sich entwickelt hat, das ist für Cheng, der in Berkeley Kognitionswissenschaft studiert und ein Jahr lang in George Lucas' Filmtrick-Kaderschmiede Industrial Light & Magic gearbeitet hat, tatsächlich eine zentrale Frage. Und ganz besonders interessiere ihn dabei, so der Amerikaner, wie Bedürfnisse oder Gefühle wie Hunger oder Wut unser Bewusstsein und Handeln beeinflussen. Oder, wie im Falle von "Emmisaries": das Verhalten seiner digitalen Kreaturen.

Dass auch wir digital beeinflussbar sind, das zeigt die Arbeit "Emmisary Forks for You", bei der man mit einem Tablet einem der virtuellen "Emissary"-Hunde durch den realen Raum folgt. Der Hund sagt "Komm her!" und "Gut gemacht!", womit sich das Herrchen-Hund-Schema umkehrt.

In Richtung Interaktion will Ian Cheng auch in Zukunft weitergehen, und damit eher weg von sich selbst genügenden Simulationen wie "Thousand Islands Thousand Laws", die ebenfalls zu sehen ist. Darin treffen auf einer Insel ein Pistolenschütze und eine Gruppe Reiher aufeinander. Es kommt zu Aktionen, Mutationen, irgendwann tauchen Büromöbel auf. Man kann wie ein Verhaltensforscher dabei zusehen, aber ohne einen Konrad Lorenz, der einem das Gesehene schön erklärt, bleibt das alles doch irgendwie ein Rätsel.

Ian Cheng: Emmisary Forks featuring Thousand Islands; bis 9. Sept., Epsace Louis Vuitton, Maximilianstr. 2a; amSonntag, 23. April, 11 Uhr, gibt es ein Künstlergespräch mit Ian Cheng, moderiert von Hans Ulrich Obrist