Ausstellung Häuserkampf

Nichts wird in Städten so dringend gebraucht wie Raum zum Wohnen. Um zu zeigen, wie es gelingen könnte, den Mangel zu beheben, steigen Architekten und Stadträte beim symbolträchtigen "Fight Club" in den Ring

Von Jürgen Moises

Am Ende hat der qualitätsvolle Wohnungsbau mit 8,5 zu 2,5 Punkten dann doch überraschend klar gesiegt. Und das, obwohl er beim "Fight Club" gegen gleich elf mächtige Gegner anzutreten hatte. Dazu gehörten Kontrahenten wie der Krach, die Dunkelheit, das Feuer, die Einsamkeit, das Chaos, die Ödnis, die Hitze und die Kälte, deren Namen geradezu archaisch oder mythologisch anmuten. Und mit der Straße, der Ideologie, dem Bankrott und der Barriere kamen noch weitere schlagwortkräftige Herausforderer hinzu. Als konkrete Gegner erscheinen diese nur schwer fassbar, und das hat man beim "Titelkampf über elf Runden" am Samstag im Mucca auf dem Kreativquartier auch gespürt. Aber das gilt ja ganz ähnlich auch für den qualitätsvollen Wohnungsbau, der bei allen elf Kämpfen als Titelverteidiger antrat.

Dass er jedenfalls seit Jahren stark unter Beschuss steht, zeigt ein Blick in deutsche Großstädte, wo, so lauten oft die Vorwürfe, zu schnell oder zu langsam, zu teuer oder zu billig, auf jeden Fall nicht gut genug gebaut wird. Um zu klären, was der Grund und möglicherweise auch die Lösung dafür ist, hatte sich der Bund Deutscher Architekten (BDA) den "Fight Club" als hippe Symposiums-Variante ausgedacht. Dazu wurde im großen Saal des Mucca, der normalerweise als Probenhalle für Akrobaten oder Tänzer dient, vom SV 1880 München tatsächlich ein Boxring aufgebaut, in dem Architekten des BDA in schwarzen Boxkitteln symbolisch den Titelverteidiger mimten. Unterstützt wurden sie dabei von bis zu drei Architekten, Ingenieuren oder Stadträten als "Cornermen". Die Herausforderer wurden, in rote Umhänge gewandet, ebenfalls von Architekten oder Ingenieuren gespielt.

Nun kann man sagen: Das klingt doch alles nur nach Schaukampf. Was hat das mit der Realität draußen zu tun? Wo waren die echten Kontrahenten, die bösen Immobilienspekulanten oder Investoren? Oder auch die "DIN-Normierungsverbrecher", über die die als Ringrichterin fungierende Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk am Abend zuvor noch in der Halle 6 geschimpft hatte? Dort wurde am Freitag die BDA-Wanderausstellung "Neue Standards. Zehn Thesen zum Wohnen" eröffnet, die sich um das Neudenken von baulichen Normen dreht. Und um die Frage, ob es in Zeiten schnell wachsender Städte, Mieten und Bodenpreise nicht eines dringenden Perspektivwechsels bedarf. Dies wird anhand von Modellen, Fotos oder Videos thematisiert, die ihre Urheber als "Denkanstöße" sehen. Und darum, das Denken anzustoßen, sollte es nun eben auch beim "Fight Club" gehen.

Dieser wurde auch ohne "echte" Gegner vor allem immer dann spannend, wenn die Herausforderer ihre Rolle ernst nahmen und auch mal bereit waren, den bösen Klischee-Buhmann zu spielen. Interessanterweise konnten die Architekten Elisabeth Endres als "Straße" und Norbert Neuberger als "Einsamkeit" gerade dadurch auch am Ende punkten, das heißt: indem sie die Egoismus-Karte ausspielten. Wenn sich Menschen nicht begegnen, gibt es keine Konflikte. Für soziale Kontakte habe ich das Internet. Und wenn ich könnte, würde ich mir kinderfreie Häuser wünschen. So giftete Neuberger als "Einsamkeit". Und Endres spöttelte als "Straße": Wenn ihr mich meinen SUV nicht parken lasst, bestell ich online bei Rewe. Das klingt nach übersteigerter Realsatire. Aber irgendwie hat man das Gefühl, dass gar nicht mal wenige genau so denken.

Als qualitätsvoller Wohnungsbau muss man natürlich eher auf Vernunft setzen. Und genau das haben dessen Verkörperungen weitgehend auch getan. Dass viele Autos eher Steh- statt Fahrzeuge seien, wurde gegen die "Straße" in den Ring geworfen, oder dass, wenn wir durch dichteres Bauen Innenhöfe verlieren, die Menschen dafür die Straße als Ersatz bräuchten. Gegen das "Feuer" hieß es, dass mit den DIN-Normen oft nur Verkaufsförderung für die Brandschutzindustrie betrieben wird, und gegen den "Bankrott", dass die hohen Bodenpreise das Problem seien. Im Kampf gegen das "Chaos" wurde vorgebracht, dass wir mit mehr Mut auch heute schon viel dichter bauen könnten, weil es dafür längst ausreichende Gesetze gibt. Dass man den Bäcker gerne nebenan wolle, aber bitte nicht unter sich, wurde gegen die "Ideologie" ins Feld geführt. Und dass, wenn es zu viele Regeln gibt, man über die Dinge nicht mehr nachdenke.

Im Boxring des "Fight Club" wurde das aber getan, teilweise auf eine erfrischende, direkte Weise. Oft war es aber ein mühsames und zähes Ringen, und man hatte über die elf Runden das Gefühl, dass sich der qualitätsvolle Wohnungsbau in zu vielen Kleinkämpfen verliert. Auch waren die Fronten oft gar nicht so klar. Aber am Ende spiegelt wohl genau das auch die Realität wider. Denn wenn, wie es Peter Scheller als Moderator formulierte, der BDA als "Box-Club" nicht nur einem, sondern 20 Regelwerken unterliegt. Wenn in die Wohnungsbau-Taktik die Investoren, die Stadt, die Industrie oder das DIN-Institut hineinreden, und jeder denkt, er hätte Recht. Dann ist es vielleicht kein Wunder, wenn bei zu vielen Kompromissen anstatt der Qualität die Ödnis als Gewinner dasteht.

Was dagegen hilft, ist in der Tat wohl nur mehr Mut und Kampfgeist, und den hat der BDA Bayern zumindest symbolisch demonstriert. Und es braucht dringend neue Ideen für den Wohnungsbau, von denen die Ausstellung "Zehn Standards" in der Halle 6 in Gestalt des Erbbaurechts, Modular-, Cluster-und neu gedachten seriellen Bauens oder von "Shared Spaces" ein paar interessante vorstellt. Zudem hat der BDA Bayern mit "Standards im Wohnungsbau" 2016 eine kostenlose Broschüre vorgelegt, in der die Autoren vereinfachte, alternative Regeln für ein schnelleres, innovatives Bauen vorschlagen. Das alles lohnt es sich zu diskutieren. Nur müssten für die Umsetzung dann wohl noch ein paar mehr Leute - Architekten, Politiker oder mutige Bürger - mit in den Ring steigen. Denn ohne breite Rückendeckung, das ist klar, ist ein Triumph des qualitätsvollen Wohnungsbaus nicht zu haben.

Neue Standards. Zehn Thesen zum Wohnen, bis 16. Januar, Do. und Fr., 16 bis 20 Uhr, Sa. und So., 14 bis 18 Uhr, Halle 6, Dachauer Str. 112 d