Ausstellung Die Zukunft hat schon begonnen

Thomas Feuersteins künstlerisch-wissenschaftliches Projekt "Prometheus Delivered" in der Münchner Eres Stiftung forscht den Spuren des Lebens nach und entwirft ein Laboratorium zwischen Science und Fiction

Von Evelyn Vogel

Es wirkt zwar nicht wie in einer Hexenküche. Aber mit all den bio-chemischen Apparaturen, den Hebearmen und Podesten, den Schläuchen und Glaskolben, vor allem aber den seltsamen Gebilden in den Gefäßen und den teils raumgreifenden Zeichnungen dahinter ähnelt die Ausstellung in der Eres Stiftung derzeit mehr noch als sonst einer alchemistischen Versuchsanordnung im Kunstkontext. Einer, die je nach Blickwinkel hochmodern oder aus der Zeit gefallen wirkt.

Denn Thomas Feuerstein, 1968 in Innsbruck geboren, greift für sein künstlerisch-wissenschaftliches Projekt einerseits auf neueste Forschungen zur Züchtung künstlicher Organe zurück und schafft dabei tatsächlich neue Leberzellen, die teils wissenschaftlich, teils literarisch, an einer Stelle wie ein cineastisches Horror-Szenario anmuten. Andererseits zeichnet er mit Stiften, deren Bestandteile bei einigen der "Verstoffwechselungsprozesse" entstehen, mythologische Bildwelten, die eher mittelalterlichen Vorstellungen von Tiefseeungeheuern und kartografischen Darstellungen der Antike entsprungen scheinen. Als Gesamtprojekt wirft "Prometheus Delivered" jede Menge Fragen auf zu einem Leben zwischen Science und Fiction, in einer Zukunft, die in Teilen schon Gegenwart ist.

Schon im Titel drückt sich eine mehrfache Ambivalenz aus. Spielt doch "delivered" einerseits auf das Ausgeliefert(sein) der mythologischen Gestalt des Prometheus an, wobei sich delivered auch als Hinweis auf eine Befreiung lesen lässt. Andererseits ist das Wort Liver/Leber teil des Wortspiels. Es ist jenes Organ des von Zeus an den Felsen gebannten Prometheus, von dem sich ein Adler nährt, das ihm aber auch nächtens nachwächst, auf dass seine Qual niemals ende.

All dies im Hinterkopf geht man nun durch die Ausstellung Feuersteins. Steigt über dicke schwarze Kabel, die eine Marmorskulptur des Gottes umfangen, als ob sie sie zusätzlich fixieren wollten, und schließlich in sie hineinragen und von Bakterien erzeugtes schwefelsaures Wasser injizieren, das dort sein zerstörerisches Werk anrichten kann. Chemolithoautotrophe Bakterien sind hier am Werk. Man muss sich den Begriff regelrecht auf der bakterienumflorten Zunge zergehen lassen. Die steinfressenden Bakterien machen aus Marmor Gips. Doch damit nicht genug. In einem Bioreaktor werden aus den Bakterien menschliche Leberzellen gezüchtet, die Feuerstein auf einer aus dem 3-D-Drucker stammenden Form aufbringt. Die erinnert mehr an einen Oktopus mit Fangarmen, ein Motiv, das an verschiedenen anderen Stellen wieder auftaucht. Unter anderem in Form eines grün-leuchtenden Tiefseewesens als visuelles Begleitmoment zu dem Hörspiel die "Prometheus Protokolle" in einer dunklen Kabine. Auch die Bakterien funktionieren in der Dunkelheit. Von archaischen Bakterien, die seit Urzeiten in den Tiefen der Erdkruste existieren und Minerale und Erze in Biomasse verwandeln, erzählt dieses Hörspiel.

Wem mittlerweile vor lauter chemolithoautotrophen Bakterien, humanen Hepatozyten, biochemischen Prozessen und Bioreaktoren die Sinne schwinden, dem sei versichert: Die Ausstellung, die noch viel intensiver und vielfältiger Kunst, Wissenschaft und Mythologie verschränkt, als man es hier darstellen kann, ist durchaus auch sinnlich.

Allein wenn man vor der Replik der 1762 von Nicolas-Sébastien Adam geschaffenen Prometheus-Skulptur steht, deren Original sich im Louvre in Paris befindet, würde man die Formen und Falten am liebsten mit Händen liebkosen, würde gerne die schwärenden Wunden versorgen, die im Verlaufe des Prozesses entstehen. Übrigens: Diese Prozesse laufen so langsam ab, dass die Veränderungen nur marginal wahrnehmbar sind. Wer den steinernen Prometheus also bei der Eröffnung vor zwei Wochen gesehen hat, muss nicht fürchten, beim nächsten Besuch nur noch einen bröseligen Steinhaufen vorzufinden. Warum das so ist, wird vielleicht auch Wolfgang Schmahl am kommenden Dienstag in seinem Vortrag erläutern.

Sinnlich sind auch die Zeichnungen, die teils in gerahmten Kleinformaten an den Wänden hängen, teils als Wandtableaus die Besucher in die mythologischen Zusammenhänge einführen. Herausragend die topografische Darstellung des Kaukasus, mit der Feuerstein einen Bezug zum Prometheus-Mythos herstellt. War das Hochgebirge in Eurasien doch der Ort, an dem der Titan seine von Zeus verhängte Strafe verbüßte. In jedem Fall ist die Ausstellung des österreichischen Künstlers für Kunst- wie für Wissenschaftsfreunde gleichermaßen faszinierend.

Thomas Feuerstein: Prometheus Delivered, Eres Stiftung, Römerstr. 15, bis 24. März, Di, Mi, Sa 11-17 Uhr und nach Vereinbarung 388 790 79. Vortrag: Dienstag, 30. Januar, 19 Uhr: "Was Leben und Tod verbindet" von Wolfgang W. Schmahl, Professor für anorganische und biogene Geomaterialien an der LMU und Direktor der Mineralogischen Staatssammlung. Anmeldung: info@eres-stiftung.de