Ausstellung Der Unerbittliche

Alles an dieser Schau ist choreografiert, bis hin zum Begleitbuch, in dem die Objekte nicht in der Ausstellungsansicht gezeigt werden, sondern bei den Leihgebern. Hier das Gesamtkunstwerk Rudolf Bott in seinem Atelier in Kirchbuch.

(Foto: Jörg Koopmann/Lene Harbo Pedersen)

Die Villa Stuck zeigt mit "Enduro" eine umfassende Werkschau des Gold- und Silberschmieds Rudolf Bott. Der hat den historischen Räumen des Museums ein höchst eigenwilliges Gesamtkunstwerk hinzugefügt

Von Evelyn Vogel

Er sei "unerbittlich", so stellt Michael Buhrs, Museumsdirektor der Villa Stuck, den Gold- und Silberschmied Rudolf Bott vor. Und schiebt hinterher: "Aber am meisten zu sich selbst". So unerbittlich wirkt Bott gar nicht, eher schüchtern, wenn er mit einem leichten fränkischen Akzent über seine Arbeiten spricht, die Augen hinter einer dunklen, runden Brille verborgen, der Körper leicht gebeugt. Ein Satz wie "darüber muss ich noch einmal nachdenken", den er laut Buhrs häufig benutzt, klingt ja auch eher nach einem Suchenden, einem Zweifler, einem, der auf sanfte Art und Weise die Dinge in Frage stellt. Seine Radikalität jedoch wird deutlich, sobald man in der Ausstellung "Enduro" steht, die Rudolf Bott in den historischen Räumen der Villa Stuck eingerichtet hat. Da versteht man Buhrs' Einschätzung, dass Kompromisse keine Option für Bott seien. "Niemals", wie er betont.

Der 1956 geborene Bott hat seine Gefäße und Geräte nicht einfach in den prachtvollen Räumen der Villa Stuck "ausgestellt". Statt dessen hat er ein höchst eigenwilliges Gesamtkunstwerk aus Präsentationstableau, Objekten und Papierentwürfen geschaffen und dieses mit großer Radikalität in den Räumen implementiert: als Teil des Raumgefüges und sich selbst behauptender Störfaktor zugleich. Wie eine aus zu niedrig geratenen Tischelementen aufgebaute Tafel schieben sich die hellen Holzpodeste raumgreifend in die Tiefe des Speisesaals. Mit schräg angeschnittenen Beinen ragen stilisierte Stühle mal hier, mal da aus diesen Tableaus heraus, stehen an den Seiten oder lehnen sich an die Tische an. Im oberen Stockwerk hat Bott ein langes Podest in Form eines Catwalks so diagonal durch das Alte Atelier geschoben, dass es wie eine Einladung an "Die Sünde" wirkt, von ihrem Altar herunterzusteigen und zwischen den Objekten herumzuspazieren.

Hier, im Alten Atelier, verdoppelt sich die Bott'sche Formenwelt auf beinahe illusionistische Art und Weise. Denn Bott fertigt von seinen Schalen, Gefäßen, Dosen, Kannen, Leuchtern und Serviettenringen aus Silber, Bronze, Kupfer, Messing und Stahl, aus Jaspis, Hämatit und Bergkristall fast immer ein Papiermodell im Maßstab eins zu eins. So perfekt, dass - besonders da, wo das Licht im Atelier etwas schwächer ist - die glänzenden Objekte aus Silber und Stahl von ihren papierenen Pendants kaum zu unterscheiden sind.

Die Formensprache Botts ist radikal und radikal simpel. Da ist nichts ornamentales, verspieltes - und damit steht es in krassem Gegensatz zur Künstlervilla Franz von Stucks. Selbst das einzige in der Ausstellung vorhandene Schmuckstück - beachtenswert bei einem Gold- und Silberschmied - wird von dieser reduzierten Formensprache geprägt. Nur da, wo er in freier Handarbeit die Wachsform knetet, bricht Bott die Strenge auf. Ebenso bei den "Fuß-Schalen", bei denen Witz und Ironie hinter den Arbeiten aufzublitzen scheinen. Gipfelnd im Arrangement im Rauchsalon der Villa Stuck, wo Bott vor dem Gemälde "Wächter des Paradieses" - einem flammenschwerttragenden Engel mit nackten Füßen - zwei seiner "Fuß-Schalen" platziert hat. Sonst nichts.

Bott versteht sich nicht als Künstler, sondern als Handwerker. Seine Objekte sind für ihn immer mit einer besonderen Materialität verbunden, die er sichtbar machen will und die viel mehr auf "die Idee von Gebrauch und Funktionalität" abzielt, als auf den Gebrauch selbst.

Nach der Goldschmiedelehre in den Siebzigerjahren in Hanau studierte Bott in den Achtzigerjahren an der Münchner Akademie in der Klasse für Schmuck und Gerät von Hermann Jünger und Erwin Sattler. Sein Weg führte ihn unter anderem nach Neuburg an der Donau und in die "Goldstadt" Pforzheim. Seine Arbeiten sind in etlichen musealen Sammlungen vertreten, und die etwa 80 Arbeiten, die nun in der Villa Stuck zu sehen sind, stammen von privaten und öffentlichen Leihgebern aus ganz Europa. Seit 2013 lebt Bott in Kirchbuch im Landkreis Eichstätt. Ziemlich abgeschieden, in einem alten Schulgebäude. "Das schönste Haus im Dorf, mit einer hölzernen Bank davor." So hat er es dem Kollegen vom SZ-Magazin, Tobias Haberl, beschrieben, bevor der ihn für den Beitrag im Begleitbuch besuchte. Überhaupt das Begleitbuch. Weit entfernt von einem üblichen Katalog mit bunten Abbildungen ist es. "In Schwarz und Weiß gedacht" wie die gesamte Ausstellung. Mit einer Fotoreportage von Jörg Koopmann und Lene Harbo Petersen, die die Objekte bei den Leihgebern und im Atelier von Bott fotografierten. Mit Texten, die streng in Blöcken über die Seiten rhythmisiert gesetzt sind. Ja, Rudolf Bott ist unerbittlich stringent in seinen Vorstellungen. Seine Ausstellung in der Villa Stuck ist es auch.

Rudolf Bott: Enduro, bis 13. Mai, Di.-So. 10-18 Uhr, erster Freitag im Monat 18-22 Uhr, Museum Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60