Ausstellung Das trostlose Leben der Möbel

Amie Siegel stellt in "Berlin Remake" (2005) den Ausschnitten aus alten Defa-Filmen heutige "Remakes" gegenüber.

(Foto: Siegel/Simon Preston Gallery)

Amie Siegels reflektiert in "Double Negative" in der Villa Stuck über die Mechanismen des Kunstmarkts

Von Jürgen Moises

In einem fremden Land heimisch zu werden, fällt nicht nur Menschen schwer. Das zeigt das Beispiel von "G.H. 14", "CHH-CT-3", "B/290" und all den anderen Protagonisten in Amie Siegels Videoarbeit "Provenance". Diese hat es gewissermaßen aus Paris ins indische Chandigarh verschlagen, eine Stadt, die 1966 nach Plänen Le Corbusiers errichtet wurde. Dort fristeten sie teilweise in Gängen, Nischen oder Hinterzimmern ein recht trostloses Dasein. Denn genauso wie die von ihm geplanten Gebäude wurden die ebenfalls von Le Corbusier zusammen mit Pierre Jeanneret entworfenen Möbel von der Bevölkerung nicht wirklich akzeptiert. Sie wurden dem Verfall überlassen, ausrangiert oder für die eigenen Zwecke umfunktioniert.

Genau um diese Möbel geht es in Amie Siegels Video "Provenance", das aktuell mit weiteren Arbeiten der New Yorker Video-Künstlerin in der Ausstellung "Double Negative" in der Villa Stuck zu sehen ist. "G.H. 14" ist ein Stuhl, "CHH-CT-3" ein Tisch und "B/290" ein Hocker, ihre numerischen Beschriftungen werden ganz bewusst ins Bild gerückt. Damit man sie wiedererkennt auf ihrer filmischen Reise von Indien nach Amerika oder Europa. Siegel zeigt in "Provenance" nämlich nicht nur das trostlose Leben der Möbel in Indien. Sondern auch deren Verschiffung und gloriose Wiederauferstehung im Westen, wo sie restauriert, fotografiert, zu Höchstpreisen versteigert werden und schließlich als begehrte Sammler-Stücke in Penthäusern, Villen oder auf einem Luxusschiff landen. Gefilmt hat Siegel die Möbel mit langen Kamerafahrten und fast durchgehend auf "Augenhöhe". Was tatsächlich den Effekt hat, dass man sich mit ihnen identifiziert, während man die Menschen fast nur als Statisten wahrnimmt. Der große Clou von "Provenance" ist aber der, dass Siegel die Stationen der Reise "falsch" herum montiert hat, das heißt: Sie beginnt mit dem "luxuriösen" Nachleben der Möbel und endet in Chandigarh. Und statt sich über die Wiedergeburt der Möbel im Geiste des Kapitalismus zu freuen, beginnt man über eine gescheiterte "Modernisierung" nachzudenken, von der am Ende nur westliche Möbel-Händler und Sammler profitieren.

Ein genauso elegantes wie subversives Lehrstück über den Kapitalismus und den Kunstmarkt ist Siegel mit "Provenance" gelungen, das sich in der Videoarbeit "Lot 248" fortsetzt. Diese zeigt die Versteigerung von "Provenance" bei Sotheby's und damit ihr eigenes Werk als Teil desselben Kreislaufs von Kunst und Kapital. Ist Kritik also am Ende zwecklos? Einen ganz anderen Kreislauf zeigt die Arbeit "Circuit": eine 360-Grad-Kamerafahrt, die Siegel im Naturkundemuseum von Chandigarh gedreht hat. Als eine Art Panorama ist dort auf Gemälden die Evolutionsgeschichte dargestellt. Man sieht Steinzeitmenschen, Dinosaurier, dazu ertönen Dschungelklänge, mit einer Umdrehung werden ganze Epochen zurückgelegt.

Nicht ganz so weit geht es in "Berlin Remake" zurück. Ausschnitten aus alten Defa-Filmen sind hier heutige "Remakes" gegenübergestellt. Auch hier kommt es ähnlich wie in "Provenance" zu einer Art Wiederauferstehung unter neuem Vorzeichen. Ein Remake der anderen Art ist die schwarze Villa, die in der aus zwei 16-mm-Projektionen bestehenden Arbeit "Double Negative" zu sehen ist. Sie wurde im australischen Canberra als schwarzes "Negativ" der weißen, von Le Corbusier in der Nähe von Paris erbauten Villa Savoye errichtet. Das französische Original sieht man im einen Film, die australische Kopie im anderen. Wobei das gar nicht so leicht zu sagen ist. Denn beide Filme wurden auf Negativ abgezogen. Die schwarze Villa ist weiß, die weiße ist schwarz, ein schönes Verwirrspiel, das seine symbolische Überhöhung in einer Gruppe von weißen und schwarzen vor den Villen schwimmenden Schwänen findet.

Amie Siegel: Double Negative, bis 5. Juni, Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60