Ausstellung Batman fährt Fahrrad

Eine Ausstellung in Leipzig beleuchtet Zukunftsvisionen der Mobilität im urbanen Raum. Vor allem die Niederländer und die Dänen basteln an wilden Fahrradträumen.

Von Cornelius Pollmer

Ein Teil des Grassimuseums in Leipzig hat sich dem Namen nach der Angewandten Kunst verpflichtet, so direkt und schön nachvollziehbar aber wie in diesen Tagen war dieser Titel selten. Soeben nämlich wurde die Sonderausstellung "Bikes! Das Fahrrad neu erfinden" eröffnet, ein guter Grund, das Museum mit einem dieser blauen Leipziger Miet-Stadträder anzusteuern. Hat man dieses davor abgestellt, direkt am Johannisplatz, und löst ein Billett für die Ausstellung, dann sieht man gleich an deren Beginn: ein genau solches blaues Leipziger Miet-Stadtrad.

Der gesamte Rest der Ausstellung besteht fast ausschließlich aus teils auch noch handelsüblichen Fahrrädern. Da ließe sich leicht und schnell schlussfolgern, dass es jetzt nicht die größte Kuratorenleistung sei, als Ausstellung zu bezeichnen, was andere einen Fahrradschuppen nennen. Dies aber würde dem Geist und der Ordnung des Arrangements in Leipzig nicht gerecht, in dem man als normalinteressierter Urbanmensch durchaus erhellende Momente haben kann. Was übrigens den Geist angeht, korrigieren der Direktor des Museums, Olaf Thormann, und Kuratorin Sabine Epple im Begleitmaterial gleich mal den titelgebenden Zirkelschluss von der Neuerfindung des Fahrrades. Diese müsse man vielmehr als "Neubewertung des Fahrrades" begreifen, welche gegenwärtig gerade in solchen urbanen Räumen zu beobachten sei, in denen sich vom Verkehr bis zum Warenumschlag ja alles mögliche verdichtet.

Geholfen hat bei der Neubewertung des Fahrrads aber nicht nur die Not, auch das Verbauen dienstbarer Elektronik an Fahrrädern hat deren Einsatzmöglichkeiten auch bei abwechslungsreicherer Stadttopografie deutlich erweitert. Zudem soll es in fernen Ländern dieser Erde Kommunalpolitiker geben, die als Protegés der Pedalkultur sich und damit ihre Städte neu erfunden haben. Dies freilich scheint einem ein exotischer Gedanke, wenn man die meiste Zeit seines Lebens in einer Stadt wie, zum Beispiel, Dresden verbringt, wo es ehemalige Straßen wie jene mit dem Namen Königsbrücker gibt, auf denen man als Fahrradfahrer besser Panzerketten und also ganz andere Saiten aufziehen sollte. Genau darum aber geht es ja der Ausstellung "Bikes!" auch: Sie will den geknechteten und gefühlt entrechteten Großstadtradler zweifeln lassen am Primat und der Allmacht des Autos.

Die Renaissance des Rades hat viele Gesichter, einige der schönsten versammelt das Grassimuseum in seiner Sammlung. Besonders lohnen hier die Ausstellungsstücke in der Sektion Zukunft, in der offenbar selbst Batman mit einer Art Fahrrad zu gesellschaftlichen Unfallbrennpunkten rauschen wird. Einen anderen Schluss jedenfalls lässt die Designstudie "Visionsbike" kaum zu, die der Mechatronikspezialist Brose entwickelt hat. Beim Abstellen der Konstruktion versenkt sich der Sattel elektrisch und diebstahlschützend im hinteren Teil des Rahmens, ein Spindelantrieb führt derweil vorne die Lenkerelemente in den Holmen der Fahrradgabel. Zum Transformer in eigener Sache wiederum ist der Niederländer Bruin Bergmeester geworden, mit seiner nun wirklich Neuerfindung zumindest des Laufrades. Bergmeester, angeödet vom Laufbandtraining daheim, konstruierte mit dem "Lopifit" ein Rad, das über den auf gummierter Ebene rennenden Menschen seinen Antrieb erfährt.

Überhaupt: die Niederländer. Und: die Dänen. Auf vielen der kleinen Schriftfelder im Grassimuseum steht geklammert hinter den Erfindungen DK oder NL und speziell die viel zitierte Innovationsführerschaft Kopenhagens scheint keine, die schon morgen oder übermorgen gefährdet wäre. Während Kurzzeit-Mieträder wie jene in Leipzig ja häufig dann doch irgendwie knarzen und während in China aus krypto-kapitalistischen Gründen ganze Fuhrparks an Mieträdern ungenutzt vor sich hinrosten sollen, stellt in einem Einspielfilmchen im Grassimuseum ein interessant dicklicher Däne vor, welche Fortschrittsraketen in seiner Stadt mal wieder gezündet werden. Die aktuelle Generation Stadträder ist standardmäßig mit Motor und Tablet ausgestattet, letzteres zum Zwecke nicht nur der Navigation. In Deutschland, wo besoffene Stadtjugendliche auch an den 364 Tagen im Jahr, an denen nicht Silvester ist, gerne mal Haltestellendisplays der Verkehrsbetriebe zertrümmern: relativ unvorstellbar.

Ein neues Lastenrad soll bei der Auslieferung von großen Online-Bestellungen helfen

Als ausgefuchster könnte sich da noch eine Apparatur der Firma Schindelhauer erweisen, die es dem fahrradfahrenden Menschen erlaubt, die umgewandelte Energie zum Laden seines Telefons zu nutzen. Schöne Vorstellung, wie sich bei Stromausfall und Regen ein Süchtiger vor die Tür begibt, um mit dem Fahrrad ein paar Minuten Akkuleistung zusammenzufahren für die nächste Partie Candy Crush. Relevanter als solche Studien und Szenarien ist freilich, welche Alltagsveränderungen alle möglichen Weiterentwicklungen des Fahrrades schon jetzt in den Alltag tragen. So gibt es in Leipzig einen eigenen kleinen Abschnitt zum Typus des Lastenrades und seiner wachsenden Bedeutung im städtischen Raum. Wer weiß wie viele Millionen Kilometer mithilfe solcher Räder täglich Kita- und Schulkindern durch die Gegend gebracht werden. Gut sichtbar ist der Typus in der Mikrowirtschaft angekommen, als mobile Kaffeebar zum Beispiel. Und die Deutsche Post präsentiert im Grassimuseum ein elektronisch gestütztes Lastenrad, das man vor allem als Entlastungsrad für die gerade in der Stadt umfassend geforderten Zusteller begreifen darf.

"Bikes!" ist eine kleine, eine übersichtliche Ausstellung, die aber eine große Breite abbildet und der in ihrer Niedrigschwelligkeit etwas gelingt, das dem möglichen Maximum nahekommt: Sie macht Lust aufs Fahrradfahren. Für wen das noch gilt: Vielleicht steht rechts vor dem Museum noch ein blaues Nextbike, Zahlencode 4209!