Ausstellung Auf dem Zauberberg

Reinhard G. Wittmann verabschiedet sich als Münchner Literaturhaus- Chef mit einer opulenten Thomas-Mann-Ausstellung.

Von Christopher Schmidt

München feuchtet: Die Witterung spielt wie bestellt mit beim hochalpinen Illusionstheater im Münchner Literaturhaus. Draußen herrscht dichtes Schneetreiben, und drinnen rieselt leise der Schnee (von gestern) - als Video-Projektion im Ausstellungssaal. Denn es geht um Thomas Manns großen, 1924 erschienenen Zeitroman "Der Zauberberg". "Tod und Amüsement" heißt die letzte werkbiografische Ausstellung zu Thomas Mann unter der Ägide von Reinhard G. Wittmann, bevor sich der Leiter des Literaturhauses im Sommer von seinem Gipfelsitz verabschiedet.

Und zum Abschluss hat er noch mal richtig in die Vollen und tief in die Requisitenkammer gegriffen, indem er sich von Costanza Puglisi und Florian Wenz ein nachempfundenes Nobelsanatorium der Jahrhundertwende bauen ließ. Die Zimmerflucht ineinander übergehender und mit weißen Schleiflack-Doppeltüren verbundener Kabinette beherbergt, farblich abgesetzt, verschiedene Themenkreise. Zu Beginn bekommt man gleich gute Lust, sich im warmen Pelzsack in einen der Bambus-Liegestühle zu bequemen und, wie weiland die Luftkur-Patienten, mit den bevorzugten Wickeltechniken vertraut zu machen. In der Hand hielten sie den "Blauen Heinrich", einen gebräuchlichen Taschen-Spucknapf "to go", im Rachen steckte die "Stumme Schwester". Das war ein Fieberthermometer ohne Skala, weil die Lungenkranken gerne mal ihre Temperatur nach oben oder unten manipulierten.

Ebenfalls nicht zu verachten: die Zerstreuungen im roten Salon nebenan. Das elektrische Grammofon samt Schellack-Platten ("Traviata", "La Bohème", "Tannhäuser") spendet die Fülle des Wohllauts. Am beliebten "Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen" versuchte sich auch Thomas Mann bei späterer Gelegenheit. Im Roman kommt dem hierzu entliehenen Bleistiftstummel als phallischem Accessoire erotischer Anbahnung ebenso große Bedeutung zu wie in den Erinnerungen des Autors. Alles ganz allerliebst, warteten in der angrenzenden schwarzen Schreckenskammer nicht die Folterinstrumente der damaligen Medizintechnik mit Pneumathorax-Gerät, Röntgen-Apparat sowie einem schaurig-schönen Sortiment an Rippenzangen. Sie dienten dazu, Rippen durchzuzwicken und zu entfernen - eine chirurgische Methode, die sicherer zum Tode führte als die Tbc, und, so Thomas Mann, pure Geldschneiderei war.

Der letzte Raum ist für das berühmte "Schnee"-Kapitel im Roman reserviert. Ein Grabkreuz vom Friedhof des Waldsanatoriums in Davos, eines der historischen Vorbilder für den fiktiven "Berghof", beschwört die Nahtodeserfahrung des Protagonisten Hans Castorp. Aber es weht hier auch die dünne Luft der ideengeschichtlichen Einflüsse, die Thomas Mann vor allem in den Disputen des Zivilisationsliteraten Settembrini mit seinem diabolischen Gegenspieler Naphta verarbeitete.

Anders als Hans Castorp, aus dessen auf drei Wochen geplantem Abstecher sieben Jahre werden, reiste Thomas Mann gegen ärztlichen Rat rasch wieder ab, als er 1912 Davos besuchte. Die Inkubationszeit der Eindrücke währte jedoch lange. Was als kleines "humoristisches Gegenstück" zum "Tod in Venedig" angelegt war, proliferierte zum Tausend-Seiten-Roman. Vielen Motiven spüren die Kuratorinnen Karin Becker und Karolina Kühn nach - bis zum tuberkulösen Tonband-Husten ins multimediale Detail verliebt. Insgesamt wirkt diese Rundumbewirtung der Sinne zwar ein wenig überinszeniert, aber, um es mit Thomas Mann zu sagen: Das putzt ganz ungemein.

Tod und Amüsement. Thomas Mann: Der Zauberberg. Bis 29. Juni im Literaturhaus München. Info unter: Tel. 089 - 29 19 34 - 0 oder www.literaturhaus-muenchen.de.