Antisemitischer Kitsch und jüdische Stereotypen im Jüdischen Museum Hohenems
Was treibt jemanden, seine Finger in eine Schnupftabakdose zu tauchen, auf deren Deckel deutlich der Ritualmord an einem Kind dargestellt ist? Wieso stellt sich jemand eine Porzellanfratze auf den Schreibtisch und betrachtet sie Tag für Tag? Und wer dekoriert seine Wohnung mit dem Klischeebild eines alten Juden, der einer nackten jungen Frau hinterher ist? Tief in den Antworten darauf liegt wohl die Quelle jenes Phänomens, das man Antisemitismus nennt - jene seltsame Mischung aus Hass und Neugier, aus Angst und Hybris, aus Macht und Ohnmacht, die so viele Europäer umtrieb in ihren Gefühlen den Juden gegenüber, und die in Deutschland schließlich ihr Ventil fand.
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Solchen Nippes - Figuren, Schnitzereien, Spazierstöcke, Zeichnungen, Schießscheiben - findet man derzeit im Jüdischen Museum Hohenems: eine kleine, aber feine Ausstellung, wenn ein solches Wort in diesem Zusammenhang nicht unangebracht erschiene. Geschickt hat man die Exponate in Hohenems in der Szenerie eines Trödelladens arrangiert, was sie so verstaubt und miefig wirken lässt wie die Periode zwischen 1880 und 1920, aus der die Stücke vor allem stammen. Heinrich Manns Untertan - hier mag er sich wohlgefühlt haben, denkt man und schüttelt sich den Staub von den Kleidern.
"Antijüdischer Nippes, populäre Judenbilder und aktuelle Verschwörungstheorien" - die Ausstellung ist der direkte Gegenpart zur vorangegangenen, im Frühjahr gezeigten Ausstellung "Jüdischer Kitsch", nur gibt es diesmal nichts mehr zum Schmunzeln.
Betteljuden, Kaftanjuden, Wucherjuden, mauschelnde Juden. Man wünschte sich, dass es bei diesem museal-historischem Eindruck bliebe, hoffte, man könne gleich die Treppen der alten Villa in Hohenems hinaufsteigen ins Heute und darüber nachdenken, wie aus den eher ethnographischen Bildern langsam jene Stereotypen heranwuchsen, die dem zeitgleich aufkommenden völkischen Nationalismus seine Zukunft vorspiegelten.
Populäre jüdische Figuren wie der "Oliver Twist"-Bösewicht Fagan standen auf den Schreibtischen und in den Vitrinen, zierten Bierhumpen und Pfeifen. Auf dem Jahrmarkt dienten sie als Zielscheiben; sogar die Feuerzeuge hatten ihre boshaft karikierende jüdische Fratze.
Auch Unterformen wie der "Bäder-Antisemitismus" schlugen sich im Nippes nieder: Man befürchtete, dass sich "jüdische Typen" in den noblen Badeorten breitmachen könnten. "Gott der Gerechte! was' ä thaires Pflaster!!" klagt die Porzellankarikatur eines jüdischen Touristen. Es sind Männerobjekte, jedenfalls kamen dem belgischen Sammler Gideon Finkelstein bisher keine für Frauen produzierten Gegenstände dieser Art unter. Man überlegt, warum solche magiegeladenen Bilder des Verhassten bei Männerbündeleien so notwendig sind. Träumt man von Potenz und Unverwundbarkeit, während man den Schrumpfkopf des Feindes in Händen hält?
Man wünschte, das alles möge der Vergangenheit angehören. Aber die Zäsur gab es nur scheinbar - dieselben antisemitischen Bilder leben weiter und werden, wissentlich oder unwissentlich, überall da benutzt, wo das gegeißelt werden soll, was man nun internationale Finanzmärkte nennt oder Globalisierung: Der "Tanz ums Goldene Kalb" findet dort statt, und das Weltjudentum ist in Israel wiederauferstanden. Selbst die Protokolle der Weisen von Zion sind, obwohl tausendmal als Fälschung entlarvt, weiter im Umlauf - ob als ägyptische Fernsehserie oder am iranischen Stand der Frankfurter Buchmesse.
"Antijüdischer Nippes, populäre Judenbilder und aktuelle Verschwörungstheorien. Die Sammlung Finkelstein im Kontext", bis 26. Februar 2006, Jüdisches Museum Hohenems, Österreich. Info: 0043/5576/73989-0. Katalog 29,90 Euro.
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