Von bgr

Bislang endeten die Passionsspiele in Oberammergau immer pünktlich zur Sportschau. Jetzt werden sie in die Dämmerung verschoben, weil das fromme Spektakel nachts noch viel besser kommt.

Der Gemeinderat des oberbayerischen Herrgottschnitzerdorfes Oberammergau hat nach ausführlicher Diskussion mit 14:5 Stimmen beschlossen, dass man dortselbst den Herrn erst in der Abenddämmerung ans Kreuz nageln wird. Aus dramaturgischen Gründen, wie es heißt.

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"Es wird ja noch viel emotionaler in der Nacht". Mag sein. Man sieht nur weniger. Aber vielleicht erklärt dieses ja jenes. (© )

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Ausgegangen war die Kreuzigungsgruppenterminverschiebung vom Spielleiter des im Jahr 2010 wieder stattfindenden Passionsspiels, Christian Stückl, der den von Laien gegegebenen Kreuzweg künftig als Nachtspiel zu gestalten wünschte - zumindest aber den zweiten Teil mit der dramaturgisch gewisslich nicht unerheblichen Kreuzigung.

Stückl, der Intendant des Münchner Volkstheaters, hatte also dem Oberammergauer Gemeinderat vorgeschlagen, die Aufführungszeiten künftig auf 14.30 bis 17.00 Uhr und 20.00 bis 22.30 Uhr zu legen. Bisher begannen die Aufführungen vormittags und endeten um 17.30 Uhr.

Und siehe: der Gemeinderat entsprach dem Begehr.

"Es wird ja noch viel emotionaler in der Nacht", begründete alsdann Stückl seinen Plan, von dessen nun beschlossener Umsetzung er sich eine weitere Steigerung der künstlerischen Qualität des Passionsspiels erhofft.

Indes wird man doch wohl auch in Oberammergau einzuschätzen wissen, dass die künstlerische Qualität nicht abhängig von der Tageszeit ist - wenn man denn einmal die Pässlichkeiten des Schauspielpersonals nicht berücksichtigen möchte, das ja etwa in aller Herrgottsfrüh entweder noch längst nicht oder aber immer noch auf den Beinen zu sein pflegt - was ja ihrer dann zu erbringenden künstlerischen Qualität - so oder so - abträglich sein kann.

Gesetzt den Fall also, dass man die künstlerische Qualität der Laiendarbietung auf einem tagesunabhängigen, gleichbleibend hohen Niveau ansetzt, wird man festzuhalten nicht umhin können, dass die pure Verlegung des stets von hoher künstlerischer Qualität befeuerten Darbietung des Leidenswegens unseres HERRN auf die frühen Abend- und Nachstunden allenfalls um den dramaturgisch gewisslich gut zu begründenden Effekt der Kreuzigung in Düsternis bereichert. Wenngleich dies ja nun ganz und gar nicht den überlieferten Berichten des historischen Karfreitags entspricht und das Publikum nun außerdem zu spät zur Sportschau nach Hause kommt.

Wie dem auch sei: Dass also das Stückl-Werk von der Umnachtung im Werdenfelser Land in irgendeiner Weise, wenn auch nicht künstlerisch, profitieren wird, bezweifelten die Gemeinderäte dann nicht.

Die Gegner der zeitlichen Verschiebung befürchten jedoch organisatorische Probleme und beantragten daher eine Vertagung der Abstimmung - allerdings erfolglos.

In der Diskussion gaben sie unter anderem zu bedenken, es entstünden höhere Kosten, da für mehr Beleuchtung und bessere Heizung im Orchestergraben gesorgt werden müsse. Außerdem wandten die Gegner ein, dass womöglich Nachtzuschläge an die Mitwirkenden gezahlt werden müssen und es rechtliche Probleme mit den Gästearrangements geben könnte. Von den Kosten für Fackeln, Taschenlampen und leuchtende Heiligenscheine sprach da allerdings noch niemand.

Obschon, summa summarum, kann die Dunkelheit ja dann auch wieder ein Freund sein, weil sie doch eine schwächelnde künstlerische Leistung in die Nacht des Vergessens oder wenigstens des Nicht-Sichtbaren zu rücken vermag.

Ohne dass das Votum für den Gemeinderat bindend gewesen wäre, hatten sich vor einer Woche bei einem Info-Abend auch schon zwei Drittel der Besucher hinter die Pläne Stückls gestellt. Mann will es so. So sei es also.

Die Oberammergauer Passion, übrigens, geht auf ein Pestgelübde im Jahr 1633 zurück und wird seitdem alle zehn Jahre gespielt. Zu den Aufführungen kommen mehr als eine halbe Million Zuschauer aus aller Welt. Nun auch mit Leuchtmitteln.

Fast das ganze Dorf mit seinen 5000 Einwohnern und Herrgottsschnitzern ist auf oder hinter der Bühne beteiligt. Der Gesamtumsatz der Millenniumsspiele 2000 lag bei umgerechnet 85 Millionen Euro.

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(sueddeutsche.de / dpa)