Aufmacher (XV) Freiheit, das Riesenkind

Große Journalisten (XV): Der Republikaner Georg Forster

Von WOLF LEPENIES

Nur drei Monate lang, von Januar bis März 1793, erschien Die neue Mainzer Zeitung oder Der Volksfreund. Die Zeitung war so kurzlebig wie der frühe Traum von einer Deutschen Republik. Herausgeber und Redakteure, die ihre Landsleute auf dem linken Rheinufer für die Vereinigung mit der "Frankenrepublik" zu begeistern suchten, blieben anonym. Sie versicherten aber, "im erforderlichen Fall hervorzutreten, für ihre Arbeit zu haften und jede Belehrung mit Dank anzunehmen". Einem Redakteur konnten aufmerksame Leser durch eine namentlich gezeichnete Notiz in der Ausgabe vom 11. Januar auf die Spur kommen: "Ich schreibe nichts, wozu ich nicht bereit wäre, mich zu nennen. Forster."

(Foto: SZ v. 17.03.2003)

Es handelte sich um Georg Forster. Erst 1778 war er nach Deutschland gekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Vierundzwanzigjährige bereits mit seinem Vater Russland bereist und anschließend unter dem Kommando des Kapitäns Cook die Welt umsegelt, war in Paris mit dem großen Naturforscher Buffon zusammengetroffen und hatte mit Benjamin Franklin gespeist. Verglichen mit dem jungen Georg Forster, der bereits so viel erlebt hatte, wirkten die meisten deutschen Intellektuellen seiner Zeit ausgesprochen erfahrungsarm.

Der Kosmopolit Forster wurde Professor für Naturgeschichte in der Provinz, erst am Carolinum in Kassel und dann an der Universität von Wilna, im "wilden, unholden Litauen". 1788 wurde Forster Bibliothekar an der Kurfürstlichen Universität in Mainz. Zwei Jahre später unternahm er mit Alexander von Humboldt eine Reise an den Niederrhein, die ihn bis England und Frankreich führte. In Paris wollte er mit eigenen Augen die Fortschritte der Revolution sehen, die von der Koalition der europäischen Fürsten bedroht wurde.

Am 21. Oktober 1792 wurde Mainz von französischen Truppen besetzt. Einige Tage lang wartete Forster ab. Er wollte sich einen ruhigen Winkel suchen und von dort aus dem "wahnsinnigen Treiben" zusehen. Doch neutral konnte er nicht bleiben. Anfang November wurde er Mitglied des Mainzer Jakobiner-Clubs und bald darauf Vizepräsident der "provisorischen Administration". In Mainz herrschte nicht überall revolutionäre Begeisterung. Viele Bürger mussten über die Ziele der Revolution erst noch belehrt werden. Dieses Ziel setzte sich die Neue Mainzer Zeitung.

"Die Pressefreiheit herrscht endlich innerhalb dieser Mauern, wo die Buchdruckerpresse erfunden ward." Mit diesem Satz begann Georg Forster seine journalistische Tätigkeit in der Stadt Gutenbergs. Mit vier Seiten Umfang erschien die Neue Mainzer Zeitung drei Mal in der Woche. Beim Bürger Heideloff, Auf dem Höfchen 110, konnte man sie abonnieren oder das Einzelexemplar morgens um neun Uhr abholen. Um seiner Frau Therese, die er immer noch liebte, obwohl sie ihn seit langem verlassen hatte, zu imponieren, schrieb ihr Forster, er teile sich die Arbeit mit zwölf Redakteuren.

In Wahrheit schrieb er die Zeitung fast allein, und die Grundsätze journalistischer Ethik, die er in der ersten Nummer entwickelte, waren eine Selbstverpflichtung: Echter Republikanersinn konnte nur nach Wahrheit streben, Schmähungen des politischen Gegners würden unterbleiben, auch in den heftigsten Auseinandersetzungen werde ein gesitteter Ton herrschen.

In der Regel stand am Anfang der Neuen Mainzer Zeitung ein längerer, sich oft über zwei Seiten hinziehender Text. Es waren Berichte über die Kämpfe und Fortschritte der Revolution und Leitartikel zugleich. Darauf folgen Berichte aus den linksrheinischen Kampfgebieten und aus den Ländern Europas. Durch ihre Lektüre erfährt man, was die Revolution fast vier Jahre nach der Erstürmung der Bastille immer noch war: Morden zu Hause und eine endlose Reihe Kriege an den Grenzen der Republik. Forster bleibt gesittet - aber verzichtet nicht auf Spott. Er verlacht die französischen Emigranten und nennt die deutschen Fürsten "Männerchen", die gegen das "Riesenkind der Freiheit" keine Chance haben.

Als Abgesandter von Mainz ging Forster schließlich nach Paris. Am 30. März 1793 sprach er vor der Nationalversammlung und beantragte die Eingliederung von Mainz in die Französische Republik. Während er sprach, wurde Mainz von den gegenrevolutionären Kräften unter Führung des Königs von Preußen zurückerobert. Die Mainzer Republik war am Ende, die Neue Mainzer Zeitung stellte ihr Erscheinen ein. Paris wurde für Forster zum Exil. Im Juli wurde Jean-Paul Marat ermordet, an dessen Revolutionsblatt L\'Ami du Peuple der Volksfreund erinnert hatte. Die Epoche der terreur brach an. Auf schmerzliche Weise wurde Forster, der sich nie zu den Radikalen gerechnet hatte, von seinem revolutionären Enthusiasmus geheilt. Er war, wie er schrieb, in Paris im "Hafen der Resignation" angelangt. Georg Forster, einer der ersten deutschen Republikaner, starb einsam, noch keine vierzig Jahre alt, am 10. Januar 1794 in Paris.

Die zweite Nummer der Neuen Mainzer Zeitung enthielt ein Druckfehlerverzeichnis. In der ersten Nummer war davon die Rede gewesen, die Zeitung setze sich die "Bekehrung eines guten Volkes" zum Ziel. Statt "Bekehrung" aber hatte es "Belehrung" heißen sollen. In diesem Fehler spiegelt sich die Tragik des Journalisten Georg Forster. Zur Belehrung des "guten Volkes", das der Revolution eher skeptisch gegenüberstand, blieb ihm nicht genügend Zeit. An seiner überstürzten Bekehrung scheiterte er.