SZ: Mit Saladin Schmitt als erstem Intendanten. Er war ein Ästhet, ein Vetter von Stefan George und Dandy, eine Figur, die so gar nicht hier reinpasste.

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Rohde: Und deswegen vielleicht dann doch wieder. Man ist ja immer bemüht, Eindeutigkeiten zu schaffen, weil die Vielfältigkeit so kompliziert ist, und wie nennt man das Ganze dann? Wie muss das bedient werden, wie machen wir diese Komplexität fruchtbar und für die Zukunft produktiv, das ist ja die Herausforderung.

SZ: Was wollten die Ruhrpöttler vom Theater im Ruhrgebiet? Worin lag nach dem Krieg die Faszination, in Bochum Shakespeare anzuschauen?

Rohde: Da wär ich gern dabei gewesen. Es gibt Fotos von Gesichtern von damals, so schaut heute kein Theaterzuschauer mehr. Diese Gesichter sieht man heute vielleicht in Indien, wo Kinogruppen über die Dörfer ziehen; abends, wenn es dunkel ist, ziehen sie die Leinwand auf, und mit einem knatternden Projektor wird dann im Dorf ein Film gezeigt. Diese Gesichter kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Es ist die Sehnsucht in ihnen nach einer Welt, die vielschichtigere und beglückendere Gefühle kennt als nur knappes Überleben - es ist ja in der anderen Richtung auch ein intensives Gefühl zu wissen, es sind Dinge wichtig, die mit meinem unmittelbaren Alltag nicht so viel zu tun haben.

SZ: Oder eine Welt, in der es eine andere Form von Leiden gibt, wie bei Sophokles?

Rohde: Ja, im Sinne von Katharsis. Ich habe lange gedacht, ich hätte einen nutzlosen Beruf und bin bloß Egoist genug, ihn trotzdem nicht aufzugeben. Bis ich einen Dankesbrief am Brett im Schauspielhaus Bochum gefunden habe. Wir hatten "Timon aus Athen" gespielt, und ein Ehepaar, das ein schwer krankes Kind hatte, schrieb uns, dass wir sie an dem Abend nicht nur getröstet, sondern ihnen Kraft gegeben hätten, die Arbeit mit ihrem Kind weiter zu tun. Wie das genau funktioniert, muss ich nicht wissen, aber da wurde mir klar, dass es nicht so sinnlos ist, wenn man seine Arbeit als Schauspieler tut. Die menschliche Gemeinschaft braucht es, gespiegelt zu werden und ihre eigene Geschichte erzählt zu bekommen.

SZ: Und deshalb ist die Tragödie für das Ruhrgebiet die passende Form?

Rohde: Ich bin ein großer Freund der Tragikomödie, ich bin Tragikomiker durch und durch, das wird für meinen Geschmack noch zu wenig eingesetzt.

SZ: Der Ruhrpott-Dialekt wird oft parodiert, was er ja eigentlich nicht verdient hat.

Rohde: Nein, er wird auch meistens schlecht parodiert. Das Ruhrgebietsdeutsch weist alle Merkmale einer eigenen Sprache aus, in den Verkürzungen, Worterfindungen, in der grammatikalischen Struktur. Es gibt ja Worte, die man nur verstehen kann, wenn man in bestimmten Zusammenhängen gearbeitet hat. Warum ein Hammer Mottek heißt...

SZ: Weil es das polnische Wort für Hammer ist.

Rohde: Das muss man erst mal wissen. Warum die Decke unter Tage nicht Decke heißt, sondern Hangende, und die Lampe ist ein Geleucht und das Werkzeug ein Gezähe.

SZ: Und Frühstück heißt Buttern. Trotzdem hat man das Gefühl, es ist zur Kabarettsprache verkommen.

Rohde: Am Anfang hab ich Atze Schröder und das Personal seiner Serie unterschätzt. Aber er benutzt diese Art von Pfiffigkeit und Großschnäuzigkeit auf erhellende Weise. Er ist einer derjenigen, die das nicht diffamieren. Leute, die besonders empfindlich sind, gebärden sich besonders robust, ich merk das gelegentlich, dass man mich für ein Wildschwein hält und nicht bemerkt, welch zarte Elfe sich hinter dem im Wildschweinkostüm verbirgt. Da bin ich typisch. Wenn etwas typisch ist fürs Ruhrgebiet, dann der Umstand, hemmungslos für robust gehalten zu werden.

SZ: Aber Sie haben ja eine zweite Chance. Sind Sie nicht gläubiger Buddhist?

Rohde: Stimmt, mein tibetischer Name ist Karma Geleg Palsang. Wenn ich mal wiedergeboren werde, komme ich als Wal, da bin ich die meiste Zeit nicht zu sehen, und es ist egal, wem ich wie vorkomme.

Armin Rohde, 54, ist einer der erfolgreichsten deutschen Filmschauspieler. Seine Karriere begann er am Theater, große Bühnenerfolge feierte er vor allem in Bochum, wo er unter anderem den Mackie Messer spielte. Im Kino wurde er als Ruhrpott-Proll Bierchen und als schwuler Metzger in Sönke Wortmanns Filmen "Kleine Haie" und "Der bewegte Mann" einem breitereren Publikum bekannt. Helmut Dietl besetzte ihn für "Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" als Promichirurg Sigi Gelber. Seitdem gehört Rohde zur ersten Garde deutscher Schauspieler, vor kurzem hat er seine Autobiographie "Größenwahn und Lampenfieber - die Wahrheit über Schauspieler" veröffentlicht. Demnächst wird er in einem Film als Heinrich George zu sehen sein. Armin Rohde ist verheiratet und lebt in Bochum.

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  1. Wenn ich wiedergeboren werde, dann als Wal
  2. Sohn eines Bergmanns
  3. Sie lesen jetzt Im Sinne von Katharsis
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(SZ vom 16.01.2010/iko)