Armin Mueller-Stahl über die Malerei "Ich bin für die Zerstörung von Schönheit"

Er behauptet von sich, Zeichnen falle ihm viel leichter als die Schauspielerei. In dem Drama "Die Farben des Herbstes", das jetzt auf DVD erscheint, kann Armin Mueller-Stahl die zwei Disziplinen miteinander verbinden. Ein Gespräch über die Schönheit der Malerei, den menschlichen Überlebenskampf und Blut im Museum.

Interview: Paul Katzenberger

Er ist 81 Jahre alt, doch Armin Mueller-Stahl ist auch im Alter ein vielgefragter Mann. Vor sechs Jahren verkündete er seinen Abschied aus dem Filmgeschäft, doch er kann die Schauspielerei einfach nicht lassen: Seit seiner vermeintlichen Demission wirkte der gebürtige Ostpreuße in immerhin knapp zehn Filmen mit. Einer davon lief nur in den USA in den Kinos und kommt an diesem Donnerstag in Deutschland auf DVD heraus. In Die Farben des Herbstes geht es um eine Herzensangelegenheit des Multitalents: die Malerei, die er selbst mit großer Hingabe betreibt.

SZ: Ihr Film Die Farben des Herbstes über das Erwachsenwerden eines jungen Malers wurde schon 2006 gedreht, war in Deutschland aber nie im Kino. Warum?

Armin Mueller-Stahl: Möglicherweise hat er keinen Verleih gefunden. Es ist häufig so, dass es Independent-Filme schwerer haben als andere. Ein bisschen lag es vielleicht auch an Regisseur George Gallo. Er ist selber Maler und ein sehr angenehmer Mensch, mit dem wir viel gelacht haben. Aber ich glaube nicht, dass er intensiv für den Film gekämpft hat. Er war da ein bisschen lax und hat das dem Schicksal überlassen.

SZ: Es geht um die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Malers, der einen Mentor gefunden zu haben glaubt. Ich gebe Ihnen recht, dass Die Farben des Herbstes somit eher ein Independent-Film ist. Erzählt wird die Geschichte aber nach Hollywood-Manier: Technisch perfekt produziert in einer Postkartenidylle und mit amerikanischem Pathos. War das für Sie ein Problem? Sie haben zuvor in sehr anspruchsvollen Produktionen mitgewirkt.

Mueller-Stahl: Das war für mich überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, ich fand diesen Film absolut glaubwürdig und richtig.

SZ: Also nicht nur gefühlsselig, wie viele amerikanische Kritiker?

Mueller-Stahl: Nicoli Seroff, der Maler, den ich darstelle, geht es um Schönheit. Er betreibt sicher immer ein bisschen Hawaii-Malerei, da werden Sonnenuntergänge dargestellt, da werden die Blumen bunter gemalt als sie sind. Es geht in diesem Film aber auch um die Schönheit der Malerei vor dem Hintergrund dieser wunderschönen Landschaften um New Orleans, die der Kameramann eingefangen hat. Und es wird über ein wichtiges Thema diskutiert - die moderne Kunst. Das ist doch in Ordnung.

SZ: Sie malen selbst. Haben Sie sich in der Figur des Nicoli Seroff wiedergefunden?

Mueller-Stahl: Nein. Ich bin eher für die Zerstörung von Schönheit. Das hat ja genauso eine Tradition. Wenn mir das Gesicht einer Frau zu schön gelingt, dann versuche ich den Charakter hineinzumalen. Ich habe da eine etwas andere Auffassung als Seroff: Landschaften und Sonnenuntergänge - das hat mit mir wenig zu tun.

SZ: Die Verbitterung des alten Seroff, der mit Schimpfwörtern um sich schmeißt, ist ihnen wahrscheinlich auch fremd.

Mueller-Stahl: In der Tat: Diese Figur ist relativ weit von mir weg. Er ist ein Suffkopp, der frisst wie ein Berserker, morgens vier oder sechs Spiegeleier, er schluckt Pillen und benutzt viele Gewaltausdrücke. Aber in der rauen Schale steckt ein sanfter Kern. Es gibt viele solche Russen in Amerika, und beim sanften Kern sind wir wieder bei der Schönheit angelangt.

SZ: Die Sie ja zerstören wollen.

Mueller-Stahl: Ganz so kann ich es nicht sagen. Es ist eher so, dass ich die Schönheit der Natur, wie Sonnenuntergänge oder wunderschöne Frühlingslandschaften weitgehend auslasse. Die Natur ist so gewaltig und so schön, und das eins zu eins wiederzugeben, dafür habe ich nicht das Talent.

SZ: Für die Darstellung von Menschen aber schon?

Mueller-Stahl: Ja, weil ich auf Grund meiner Lebenserfahrung weiß, welch fragile Konstruktion der Mensch generell ist. Was wir alles tun müssen: Wir müssen schlafen, drei Mal am Tag essen, wir dürfen uns im Winter nicht anhusten lassen, müssen uns warm anziehen und dann kommen noch die privaten Sorgen, beruflicher Art und partnermäßig. Es ist ein unglaublicher Kampf, überhaupt zu überleben, und diese Kämpfe will ich in einem Gesicht sehen, weil sie jeder Mensch führt, ob schön oder nicht schön.

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