Wo andere kurz vorm Rentenalter stehen, dreht Folksänger Arlo Guthrie noch einmal richtig auf. Im Interview spricht er über die Bedeutung von Folk, über "Alice's Restaurant" und über Charles Manson.
Bekannt wurde der amerikanische Folksänger Arlo Guthrie 1967 mit seinem epischen Song "Alice's Restaurant", der Vorlage für den gleichnamigen Film von 1969. Guthrie übernahm damals die Hauptrolle und trat im selben Jahr in Woodstock auf. Auf seinem neuen, mit einem Orchester eingespielten Album "In Times Like These" (Rising Son Records) taucht sein Hit "City of New Orleans" zusammen mit Songs wie "Goodnight Irene" immer noch auf. Guthrie, inzwischen sechzig, ist an 300 Tagen im Jahr auf Tour, hält das Erbe seines Vater Woody Guthrie hoch und hat vor einigen Jahren das Gebäude von "Alice's Restaurant" gekauft.
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60 Jahre und kein bisschen müde: An fast jedem Tag im Jahr ist Arlo Guthrie auf Tour. (© Foto: AP)
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SZ: In groben Zügen: Was ging dem "Summer of Love" in den USA voraus?
Arlo Guthrie: Der Folkboom der Sechziger beruhte auf der Sehnsucht nach den alten Cowboysongs, den Songs der Minenarbeiter aus den Appalachen, den Songs der Kettensträflinge aus dem Süden. Viele Musiker, die in den Sechzigern berühmt wurden, hatten die seltsame alte amerikanische Musik für sich entdeckt. Die Rolling Stones waren Blues-Experten, und Bob Dylan ist zu den Anfängen von Country und Folk gegangen, um die Struktur dieser traditionellen Lieder zu studieren. Es war in den Sechzigern auch verbreitet, wie in alter Zeit aktuelle Ereignisse in die Songtexte einfließen zu lassen. Viele Menschen fürchteten damals, es könnte zum Atomkrieg kommen. Gleichzeitig beschwichtigte uns die Regierung, dass man sich angesichts eines Atompilzes am besten unter dem Tisch ducken müsste. Wir trugen unseren Protest dagegen auf die Straße, und die Musik begleitete dieses Treiben. Wir weigerten uns so zu denken wie unsere Eltern.
SZ: Haben Sie denn gegen Ihre eigenen Eltern rebelliert?
Guthrie: Nein. Mein Vater war als Mitglied der kommunistischen Partei der USA selbst Außenseiter. Ich habe seine Arbeit mit meinen Mitteln fortgesetzt. Die Probleme vieler Gleichaltriger hatte ich nicht. Meine Eltern unterstützten mich in allem, was ich tat.
SZ: Sie haben die ehemalige Kirche von "Alice's Restaurant" inzwischen gekauft ...
Guthrie: Einmal in der Woche wird dort eine kostenlose Mahlzeit serviert. Musiker kommen von weither, um kostenlose Konzerte zu spielen. Was wir damit versuchen, ist Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zu versammeln, um mit ihnen eine globale Gemeinschaft zu bilden und dabei unsere gegenseitigen Vorurteile abzubauen.
SZ: Sagt Ihnen dieses Zitat noch etwas: "Wir werden immer hier sein, denn wir sind das Volk."
Guthrie: Das ist der Schluss von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns". Es geht darin um eine Familie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, um Leute, die alles verloren haben in den Sandstürmen Oklahomas. Sie mussten ihre Heimat verlassen und nach Westen emigrieren. Ein Desaster reiht sich ans Nächste, und trotzdem erinnert die Protagonistin Mutter Joad mit diesen Worten die Leser daran, dass die einfachen Leute immer da sind. Regierungen wechseln, Politiker kommen und gehen, aber das Volk macht die Arbeit in guten und in schlechten Zeiten und zieht Kinder groß. Mein Vater hat diese Zeilen mehrmals in seinen Texten verwendet, und ich benutzte das Steinbeck-Zitat lange Zeit auf der Bühne, weil es eine wirkmächtige und sehr poetische Idee ist, dass die einfachen Leute das Volk ausmachen.
SZ: Und was bedeutet Folk?
Guthrie: Als mein Vater in den frühen Sechzigern wegen seiner Nervenkrankheit im Krankenhaus lag, brachten wir zum Besuch unsere Instrumente mit, um ihm vorzuspielen. Ich habe ihm damals auch die Platten mit seinen Songs vorgespielt, die jede Woche per Post aus der ganzen Welt eintrafen. Durch die Coverversionen habe ich verstanden, was Folk bedeutet. Folk dreht sich um Familie, Traditionen, darum, mit einfachen Mitteln Spaß zu haben. Es geht auch darum, das Wort zu erheben. Die Songs meines Vaters beruhten auf wahren Begebenheiten. Wenn man wissen wollte, wer die einfachen Menschen waren, woher sie kamen, was sie dachten, wie ihnen geschah, so konnte man es damals nur über solche Folksongs herausfinden. Folksongs sind die wahre Volksgeschichte. Wir hatten die Songs von Pete Seeger gelernt. Der hatte sie aus der Karibik. Die hatten sie wieder von anderswo. Und wir machten diese Songs zum Teil unserer eigenen Traditionen, die wir wiederum mit Menschen in der ganzen Welt teilten.
SZ: Hatten die Morde eines Charles Manson und seiner "Family" mit den Ideen des Summer of Love zu tun?
Guthrie: Nein. Manson hatte keinerlei Verbindungen zur Bürgerrechts- oder zur Friedensbewegung. Äußerlich mag er uns Hippies geähnelt haben, aber tief im Herzen war er anders. Wir wollten uns keine Vorteile auf Kosten Schwächerer verschaffen. Manson hat das alles nur zum Anlass eines gewalttätigen Egotrips gegen Wehrlose genommen.
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(SZ vom 22.8.2007)
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