ARD-Wettbewerb Nur Momentaufnahmen

Violine: die zweite Runde und das Semifinale

Von Harald Eggebrecht

Es ist immer bitter, die plötzliche Enttäuschung in den Gesichtern junger Musiker zu sehen, wenn ihnen das Aus in einem Wettbewerb verkündet wird. Es gibt wohl keine Jury, die diesen Moment nicht hasst. Schließlich haben alle Kandidaten sich monatelang vorbereitet, sind in den Wettbewerbstunnel eingestiegen, um die Fokussierung auf die Anforderungen zu erfüllen und dabei noch nach bestem Wissen und Gewissen Musik zu machen. Doch dann, noch den Beifall eines wohlwollenden Wettbewerbspublikums im Ohr, die kalte Dusche: nicht mehr dabei im Semifinale und für Halbfinalisten noch schlimmer, nicht dabei im Finale. Die gesamte auf die Bestleistung konzentrierte Anspannung fällt ruckartig zusammen. Doch diesen abrupten Stopp muss der Betroffene aus sich selbst überwinden, Trost kann da kaum einer spenden. Daher wirken die Einladungen der Jury zu klärenden Gesprächen und Hinweisen immer etwas hilflos, weil die Enttäuschung nicht aus den Gesichtern gewischt werden kann.

Derzeit Konzertmeisterin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen: Sarah Christian aus Augsburg.

(Foto: Daniel Delang)

So geschehen beim ARD-Wettbewerbs-Semifinale im Fach Violine, als die drei Finalisten bestimmt wurden. Die Jury unter Vorsitz von Mauricio Fuks entschied sich für die Deutsche Sarah Christian, Jahrgang 1990, die Lettin Kristine Balanas, ebenfalls 1990 geboren, und für den Italiener Andrea Obiso, der 1994 auf die Welt kam.

Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob da die Richtigen gewählt wurden. Bei der Augsburgerin Sarah Christian dürften sich alle einig sein, dass sie ins Finale gehört. Sie hat, schon bei etlichen Wettbewerben Preisträgerin, eine CD eingespielt und ist derzeit Konzertmeisterin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Sie spielte im zweiten Durchgang wie im Halbfinale mit rhythmischem Feuer, sinnlichem Ton, Phrasierungsintelligenz, großem Klangfarbensinn und strukturierender Flexibilität. Ob Wolfgang Amadé Mozarts B-Dur Sonate oder Robert Schumanns aufwühlende d-Moll-Sonate, beides realisierte sie mit ihrer Klavierpartnerin Lilit Grigoryan ansteckend lebendig. Mozarts A-Dur-Konzert mit dem im Wettbewerb wohlvertrauten Münchner Kammerorchester leuchtete auf in Feinheit, Wärme und federnder Beredsamkeit. Außerdem zeigte sie ihr Verständnis für neue Musik, als sie Jörg Widmanns 2. Soloetüde expressiv darstellte und das Auftragswerk für diesen Wettbewerb, ein fünfsätziges Solostück des Israelis Avner Dorman, rhythmisch und klangschön aufführte. Sarah Christian erntete jedes Mal Ovationen.

Fast gewalttätig und laut zeigte sich der Italiener Andrea Obiso.

(Foto: Daniel Delang)

Dagegen wirkte der auch publikumswirksame Andrea Obiso ziemlich grobstofflich. Er stemmte Cesar Francks berühmte A-Dur-Sonate im zweiten Durchgang fast gewalttätig in den Musikhochschulsaal, absolvierte Luciano Berios großartiges Solowerk Sequenza VIII mehr al fresco, denn genau und nuancenreich. Mozarts G-Dur-Konzert bot er einseitig energisch und extrovertiert. Doch für die Pianoschönheit des Kantabile im Adagio oder den Pointenreichtum des Rondos fand Obiso eher laute Mittel anstatt geschmeidige Violinkunst. Auch beim Auftragswerk hielt er sich mehr ans Pauschale denn ans Detaillierte.

Ihr Auftritt war bemüht, blieb aber blass: die Lettin Kristine Balanas.

(Foto: Daniel Delang)

Kristina Balanas war für viele überraschend im Semifinale. Denn sie hatte in Runde zwei mit ihrem selbst gewählten Pianisten eher einen Klavierzertrümmerer mitgebracht. Selten wurde Ludwig van Beethovens a-Moll-Sonate Op. 23 dermaßen brutal zur Strecke und Sergei Prokofjews 1. Violinsonate an den Rand einer Lärmorgie gebracht. Vielleicht hatte die Jury Mitleid und wollte die Lettin ohne den Klaviergefährder erleben. Sie spielte Mozarts D-Dur-Konzert bemüht, manchmal herzhaft. Aber an die Delikatesse, Leichtigkeit, Geisteshelligkeit dieser Musik fühlte man sich kaum erinnert. Dormans Stück blieb bei ihr blass und etüdenhaft.

Wer Klangfarbenreichtum, musikalischen Witz, Bühnensouveränität und das geistreiche Spiel mit verschiedenen geigerischen Facetten liebt, wäre gewiss glücklicher mit Fedor Rudin im Finale. Der schon renommierte junge Virtuose glänzte in Runde zwei mit Pierre Boulez' Anthèmes I für Sologeige. Das klang wie Claude Debussy hundert Jahre später: elegant, farbdifferenziert und strukturbedacht. Maurice Ravels Sonate mit ihrem Blues verstand Rudin mit Boris Kusnezow zurecht als intellektuelles Kunststück. Dass er das selten gespielte, weil in seiner Echtheit umstrittene Mozart-Konzert KV 271a fantasievoll und vergnüglich und Dormans Werk nuanciert und ziemlich genau bot, half ihm bei der Jury nicht.

Traurig auch, dass der 20-jährige, ungemein klar intonierende, brillante Lorenz Chen nicht ins Finale durfte. Sein Mozart-Konzert in B-Dur bestach durch Reinheit in Ton, Phrasierung und Empfindung ebenso wie sein furios ausgeführter Dorman. Er stammt wie der erst 19-jährige Leonard Fu aus Deutschland. Fu spielte in der zweiten Runde als Solostück Berios Sequenza VIII auswendig und mit überlegenem Bewusstsein für Form, Aufbau und Klanglichkeit dieses Meisterwerks. Die Auftritte von Chen und Fu gehören jedenfalls zum musikalisch und geigerisch Besten nicht nur dieses Wettbewerbs, auch wenn sie hier nicht im Finale stehen.