Von Jürgen Schmieder

Zum ersten Mal moderiert Caren Miosga die "Tagesthemen": Wenn es ihr gelingt, das Augenzwinkern auf ihre Stimme und den Inhalt ihrer Texte zu übertragen, wird Kollege Tom Buhrow bald noch blasser aussehen.

Es gibt verschiedene Arten von Fernsehzuschauern. Die einen kleben am Bildschirm und saugen jede Bewegung und jedes Geräusch in sich auf, andere hören nur zu und lesen nebenher ein Buch. Wer zur zweiten Kategorie gehört, hat am Montagabend wenig erlebt. Caren Miosga verkündete die "Tagesthemen", als würde sie eine langweilige Geschichte vorlesen.

Caren Miosga

Caren Miosga erklärt die Entwicklungen bei Airbus. (© Foto: Screenshot)

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Wer jedoch das Fernsehbild genau betrachtete, konnte mehr erkennen. Da saß Caren Miosga in einem Nadelstreifenanzug - sie hatte vor der Sendung mehrere ausprobiert, weil Nadelstreifen gewöhnlich flimmern -, und ihre Haare waren weniger wuschelig, als man es von ihr gewohnt ist. Dann die Begrüßung: "Guten Abend - Herzlich Willkommen!" Unspektakulär, fast schon langweilig. Wer sich aber die Mühe machte, die Augenpartie von Caren Miosga zu betrachten, der sah, dass sich das rechte Auge während der Begrüßung schloss, als wollte sie dem Zuschauer zuzwinkern: "Ich bin die Neue." Dazu schob sich der rechte Mundwinkel nach oben.

Caren Miosga moderierte zum ersten Mal die "Tagesthemen" und trat damit die Nachfolge von Anne Will an. "Sie müssen sich um uns keine Sorgen machen", sagte sie in einem Interview vor wenigen Wochen auf die Frage, ob sie und Kollege Tom Buhrow nicht zu unerfahren seien, um die "Tagesthemen" zu moderieren. Miosga hat zuvor das Kulturmagazin "titel, thesen, temperamente" sowie die Mediensendung "Zapp" moderiert.

Kein journalistisches Leichtgewicht

Die Novizin begann mit einer doppelten Vorstellung - in eigener und fremder Sache. Sie sei die Neue bei den "Tagesthemen" und Thomas Enders werde zum Jahresende Chef bei Airbus. "Aber nur über Letzteren wollen wir heute Abend reden", sagt Miosga.

Nach der Reportage führt die Debütantin ein Interview mit Enders. "Wieviel haben Sie noch zu sagen?", fragt Miosga. Als Enders ausweicht und vom grandiosen Airbus-Tag schwärmt, hakt sie nach: "Nochmal: Wie sind die Machtverhältnisse?" Als Enders sich abermals vor einer klaren Antwort drückt, fragt Miosga ein drittes Mal, ein wenig später provoziert sie Enders gar: "Würde Airbus ohne den politischen Einfluss besser dastehen?" Mit dieser Frage kitzelt sie aus Enders das Geständnis heraus, dass Fehler im Management gemacht wurden. Aber das hat der Manager wiederholt schon gesagt.

Wenn Enders geglaubt hatte, die Fragen von einem journalistischen Leichtgewicht (Miosga: "Ich moderiere nun auch nicht erst seit gestern") gestellt zu bekommen, hatte er sich getäuscht. Das merkte er spätestens bei der letzten Frage. Caren Miosga schob wieder den Mundwinkel nach oben, wieder zwinkerte sie: "Sie sind der fünfte Chef in zwei Jahren. Wie lange werden Sie es aushalten?" Enders war baff und schaffte es gerade noch, erneut die positivste aller möglichen Antworten zu geben.

Der Rest der Sendung ist schnell erzählt. Souverän gibt Miosga an ihren Nachrichtensprecher Marc Bator ab, der die Nachrichten des Tages präsentiert. Sie selbst kann kurz durchschnaufen. Vor wenigen Tagen sagte sie: "Natürlich habe ich Respekt. Aber ich arbeite jetzt seit 15 Jahren als Journalistin. Und selbst wenn ich Ihnen die EU-Verfassung nicht auswendig referieren kann, ich weiß, wie man sie dem Zuschauer vermittelt und einordnet." Das hat sie im ersten Teil geschafft.

Im zweiten Teil der Sendung, als das eher softe Thema "Urlaub auf dem Bauernhof" präsentiert wird, bleibt Miosgas Stimme nachrichtlich. Sie erklärt die Sehnsucht von Großstädtern, das Leben auf dem Land kennenzulernen, so leidenschaftlich, als würde sie die Börsenzahlen vorlesen. Keine Ironie, kein Sarkasmus. Aber gut, einen Spruch Wickertscher Güte kann man in der ersten Sendung wahrlich nicht erwarten. Und für die ärgerliche, gar nicht mehr schleichende ARD-Werbung in eigener Sache ("Die Tagesschau aufs Handy") kann sie nun wirklich nichts.

Man freut sich lieber, dass sich die seriös angezogene, etwas brav gekämmte Frau am Ende der Sendung einen kleinen Versprecher leistet. Sonst wäre es wirklich allzu perfekt gewesen.

Wenn es Caren Miosga gelingt, das Augenzwinkern ihrer Mimik auf ihre Stimme und den Inhalt ihrer Texte zu übertragen, wird Tom Buhrow bald noch blasser aussehen. Caren Miosga kann der Farbtupfer der "Tagesthemen" werden.

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(sueddeutsche.de)