Von Marc Felix Serrao

Wie um 20 Uhr Öffentlich-Rechtlich gegen Privat antritt: Judith Rakers macht zwar die bessere Figur als Peter Limbourg - aber macht sie damit schon die bessere Sendung?

Wenn Bild ein Privatleben ausbreitet, wird es schlimm. Oder eine Karriere beginnt - wie bei Judith Rakers. Die 32-jährige Journalistin ist das neue Gesicht der Tagesschau. Am Dienstag, dem Tag ihrer 20-Uhr-Premiere, durfte sie erleben, wie fünf Bild-Autoren berichteten, dass sie, "die schöne Judith Rakers" ein "trauriges Geheimnis" hat. Was natürlich ein Unding ist: im Fernsehen sein und Geheimnisse haben.

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... und der seriöse Anchorman - wer wird im kampf um die Quote gewinnen: Judith Rakers oder Peter Limbourg? Entscheiden werden die Zuschauer. (© Foto: Getty Images)

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Ein anderes Nachrichtengesicht begrüßte das Boulevardblatt fast huldvoll: "Wird er Deutschlands neuer Nachrichten-Star?" stand der Form halber als Frage über einem Portrait von Peter Limbourg ("Kompetenz", "langer Atem"). Der 47-jährige N 24-Chefredakteur moderiert seit Montag die neuen Sat 1-Nachrichten um 20 Uhr. Über das traurige Geheimnis hinter dieser Lobhudelei kann nur spekuliert werden (CDU-Nähe?). Aber muss man die Sat 1-News abschreiben, bloß weil Bild Limbourg umarmt?

Judith Rakers Tagesschau-Start war, wie gesagt, unfallfrei. Mit dunklem Blazer und dezentem Ohrschmuck wirkte sie angenehm seriös. Was störte, war ihr Blick. Den richtete sie fast nur auf den Text vor ihrer Nase, mitunter vier, fünf Sekunden lang. Vor längeren Wörtern schien sie regelrecht Angst zu haben. "Stutt-gart", "Dienst-Pflicht", "Drei-Meter-Brett", wie im Deutschunterricht.

Das Torwartproblem

Für andere Schwächen konnte Rakers nichts. Die öde Bebilderung der Beiträge etwa: Bevor Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) seinen einen Satz zum "Kopftuchurteil" des Verwaltungsgerichtshofes aufsagen durfte, musste er erstmal eine Treppe hochrennen. Vermutlich gilt so etwas in ARD-Kreisen als dynamisch. Den Anwalt der Klägerin sah man beim Blättern in einem dicken Buch - als würde dort stehen, ob sich der Gang bis nach Karlsruhe lohnt.

Und Sat 1? Peter Limbourg mag zwar, wie schon überall zu lesen war, blass und brav sein und auf seltsame Weise vor jedem Beitrag die Hände hochheben. Aber seine Nachrichten sind nicht unbedingt schlechter als die der ARD. Vergleicht man die wichtigste Story vom Dienstag - Angela Merkel im israelischen Parlament - dann liegt der Privatsender sogar vorn. "So viel kann man jetzt schon sagen", meinte ARD-Korrespondent Richard C. Schneider in der Tagesschau: "Nie waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel so freundschaftlich, so eng, so verbunden." Ja, gewiss doch.

Limbourgs Ansage war zwar ähnlich uninspiriert ("An diesem historischen Tag war wohl selbst die Kanzlerin aufgeregt"), dafür war der folgende Beitrag solider Fernsehjournalismus. Zumindest kamen, anders als in der ARD, auch israelische und palästinensische Kritiker von Merkels Rede zu Wort.

Im Tagesschau-Blog (19. März, 0.19 Uhr) berichtet ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke, dass Judith Rakers nach der Premiere spontan Beifall erhalten habe: "Klar, die Nachricht ist der Star, aber die Sprecherin ist bei uns so etwas wie der Torwart beim Fußball: Wenn der einen Fehler macht, ist der Ball halt drin." Ein schönes Bild. Allerdings können auch erfahrene Feldspieler daneben treten.

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(SZ vom 20.3.2008/rus)