ARD-Chef Boudgoust: Brandbrief Radio und Internet unerwünscht

Beim TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier am 13. September sollen Radio und Internet leer ausgehen. Der ARD-Chef protestiert gegen ZDF, RTL und Sat1.

Von Franz Baden

Der Brief ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Von einem "fatalen Signal" ist da zu lesen, von einer überraschenden Entscheidung und vom Wunsch, die "Festlegung noch einmal zu überprüfen". So wendet sich der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust an drei Chefs anderer Fernsehsender, an Anke Schäferkordt von RTL, Peter Limbourg von N 24 und Markus Schächter vom ZDF.

Media ARD-Chef Boudgoust: Brandbrief

Das TV-Duell 2005 zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder wurde live von den Sendern Das Erste, RTL, Sat.1 und ZDF übertragen.

(Foto: Foto: dpa)

Drei Wochen vor Sendetermin gibt es im Kreis der Granden ordentlich Streit um das TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) am 13. September. Dabei hatten die Fernsehchefs alles haarklein mit den Emissären der Politik besprochen. Doch nun ist im Lager der Medienhäuser unklar, ob der Dialog der Kanzleramtsanwärter wirklich nur im Fernsehen laufen soll, wie es die Mehrheit will - oder auch im Radio und im Internet, wie es Boudgoust vorschwebt.

Der ARD-Chef und SWR-Intendant beschreibt in seinem Brandbrief, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, das TV-Duell als "Angelegenheit von nationaler Bedeutung", deshalb habe man sich ja zu viert entschlossen, gemeinsam und zeitgleich zu übertragen. Warum sollte man jetzt nicht alles dafür tun, möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen, fragt Bodgoust - und zitiert die Ministerpräsidenten Kurt Beck (Rheinland-Pfalz) und Günther Oettinger (Baden-Württemberg), die ebenfalls für eine multimediale Aufbereitung plädieren.

"Eine Übertragung im Hörfunk wird den Fernsehsendern keinen einzigen Zuschauer wegnehmen", erklärt Boudgoust. Wer im heimischen Wohnzimmer die Wahl zwischen TV und Radio habe, werde sich für das optische Medium entscheiden - in anderen Nutzungssituationen aber seien Radio und Internet "die einzige Chance, das Duell zu verfolgen". Er spricht von Grundversorgung und von der weit verbreiteten Klage, dass sich junge Menschen von der Politik abwenden würden und desinteressiert seien. Bei vielen Jugendlichen aber stehe heutzutage, so der ARD-Chef, kein Fernseher mehr im Zimmer - wohl aber ein Computer. Seine Schlussfolgerung: "Wir müssen junge Leute dort abholen, wo sie sind." Zum Auftrag gehöre, "die Willensbildung in politischen Fragen zu ermöglichen" - deshalb sollte die Duell-Entscheidung contra Radio und Internet überdacht werden.

Ob das fruchtet? RTL und Sat1 sind offenbar verärgert, dass die ARD erst spät, Anfang August, den Hörfunk ins Spiel brachte. Sie wollen an der TV-Exklusivität festhalten. Sat1 weist darauf hin, dass das Duell ja von Phoenix übertragen werde - mit einer Gebärdensprachen-Dolmetscherin. Zudem könne jeder TV-Sender das komplete Duell nach dem Live-Termin wiederholen. Thomas Baumann, Fernsehchefredakteur der ARD, bestätigt, den Wunsch nach Live-Übertragung im Radio eingebracht zu haben.

Zuletzt hatte sich das Deutschlandradio, das ARD und ZDF gemeinsam betreiben, darüber beschwert, dass das TV-Duell dieses Jahr erstmals nicht im Radio übertragen werde. "Wesentliche Teile der Wählerrschaft" würden "von der Möglichkeit dieser Meinungsbildung ausgeschlossen bleiben", erklärte Programmdirektor Günter Müchler. Womöglich wird dem Deutschlandradio doch noch eine Live-Beteiligung zugestanden - wenn sich das Funkhaus in die Planungen einbringt, Technik bereit stellt und Kosten übernähme.

Ein Sprecher des ZDF aber spricht von einem "großen Fernseh-Liveereignis" - mit einer "immensen Reichweite". Diese Rechnung soll nichts stören. Auch kein Brief des ARD-Chefs.