Interview: H. Leyendecker

Ex-ARD-Topmanager Martin Buchhorn spricht über den Korruptionsskandal um Jürgen Emig und das System der Schleichwerbung.

Martin Buchhorn, 64, Regisseur, Filmemacher, Sachbuchautor, Lyriker, war von 1970 bis 2004 beim Saarländischen Rundfunk (SR). Von 1984 bis zu seinem Ausscheiden war er Fernsehspielchef des ARD-Senders.

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Martin Buchhorn wird im Korruptionsprozess um Sportjournalist Jürgen Emig aussagen. (© Foto: dpa)

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Er erfand die Figur von Tatort-Kommissar Palu und verfilmte 1997 Die Rättin von Günter Grass. Buchhorn gewann etliche nationale und internationale Preise. Wegen seiner frühen Enthüllungen über Schleichwerbung in der ARD wurde er von Hierarchen heftig öffentlich attackiert. Er wehrte sich gegen die Angriffe erfolgreich vor Gericht mit einstweiligen Verfügungen.

SZ: Herr Buchhorn, Sie haben sich im Prozess gegen den früheren HR-Sportchef Jürgen Emig als Zeuge angeboten. Warum haben Sie sich bei dem Vorsitzenden Richter gemeldet? Was wollen Sie dem Gericht mitteilen?

Martin Buchhorn: Die pharisäerhafte Haltung der ARD-Führungsgremien in Sachen sogenannter Schleichwerbung regt mich auf. Es geht in dem Prozess auch um die Frage, ob es neben einem angeblichen System Emig auch ein System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gab, in dem öffentlich Schleichwerbung und Produktplatzierungen verurteilt, aber intern toleriert oder sogar verlangt wurden. Meine jahrzehntelange Erfahrung: Es gab dieses System und es wurde und wird kräftig geheuchelt.

SZ: Seit wann kennen Sie dieses System und warum wurde es eingeführt?

Buchhorn: Bei steigenden Preisen und schwindenden Etats und angesichts der privaten Konkurrenz mussten seit Mitte der achtziger Jahre Wege gefunden werden, Finanzlücken bei Produktionskosten vor allem im Bereich der fiktionalen Unterhaltung zu schließen. Wir haben im Lauf der Jahre Wege entwickelt und perfektioniert, Dinge des täglichen Lebens, die sowieso in den Filmen auftauchen würden, dramaturgisch so zu platzieren, dass Industrie, Wirtschaft und andere Hersteller aus ihrer Konkurrenzsituation heraus über Agenturen dafür Geld bezahlt haben. Der Geldfluss durfte bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht nachweisbar sein, sondern lief über privatwirtschaftlich organisierte Tochterunternehmen wie Telefilm Saar oder die Bavaria und andere, beziehungsweise Agenturen. Dies war auch immer wieder Thema in den zuständigen Redaktionen und Programmbeiräten.

SZ: Haben wirklich alle das System gekannt?

Buchhorn: Davon bin ich immer ausgegangen. Bei diesem Thema muss auch die mangelnde Kontrolle in den Gremien kritisiert werden. Ich habe mich häufig darüber gewundert, wie viele Vertreter der sogenannten gesellschaftlich relevanten Gruppen und der Parteien aufs heftigste über Fernseh- und Hörfunkbeiträge diskutierten, gleichzeitig aber entschuldigend betonten, die Sendung leider nicht gesehen oder gehört zu haben. Aufgrund von Hinweisen Dritter habe man sich eine Meinung gebildet. Wie sollen solche Leute bei Themen wie Schleichwerbung mitreden können?

SZ: Finden Sie Schleichwerbung und Produktplatzierungen im Fernsehen in Ordnung?

Buchhorn: Ja. Allerdings mit der klaren Maßgabe, dass die akquirierten Gelder einzig und allein dem Film zugute kommen. Insofern begrüße ich den EU-Kompromiss von Anfang 2007, der Schleichwerbung legalisiert, wenn bestimmte Vorgaben eingehalten werden. Dieser Schritt war überfällig, um die Betroffenen von der Last der Illegalität zu befreien.

SZ: Sie vertreten in der ARD - öffentlich zumindest - eine Außenseitermeinung. Gehen Sie tatsächlich davon aus, dass künftig Schleichwerbung erlaubt sein wird?

Buchhorn: Ich bin kein Außenseiter, sondern Realist. Bei der Finanzsituation der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bleibt gar nichts anderes übrig.

SZ: Der jetzt in Frankfurt angeklagte Jürgen Emig hat Motorsportveranstalter oder Tanzsportveranstalter dazu gebracht, die Beiträge zu finanzieren, mit denen sie ins Fernsehen kamen. War dieses Vorgehen mit journalistischer Unabhängigkeit zu vereinbaren?

Buchhorn: Gegen Berichte von Tanz- und Motorsportveranstaltungen, die so zustande kommen, ist nichts einzuwenden. Allerdings muss das Geld ausschließlich für diese Sendungen verwendet werden. Geld in private Kassen umzuleiten, ist kriminell. Die journalistische Unabhängigkeit sähe ich gefährdet, wenn etwa die CIA eine Reportage über Guantanamo in der ARD finanzieren würde.

SZ: Warum haben Sie sich jetzt bei dem Gericht gemeldet?

Buchhorn: Die Hintergründe können dem Gericht hoffentlich bei der Wahrheitsfindung dienlich sein; dazu beizutragen, ist Bürgerpflicht. Gerechtigkeit ist für mich keine Floskel, und es muss auch für Emig Gerechtigkeit geben.

SZ: Aber Emig hat eingeräumt, dass Gelder von Sponsoren auch in seine Kasse geflossen sind.

Buchhorn: Wenn die Vorwürfe stimmen sollten, wäre das zu verurteilen. Ich habe Emig während unserer gemeinsamen Zeit beim SR als aufrechten und kritischen Kollegen geschätzt. Die in seinem Fall umlaufende Vorverurteilung ist auch dann eine Hetzjagd, wenn sich daran Hierarchen der ARD beteiligen.

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(SZ vom 14.08.2008/sst)