Architekturbiennale in Venedig Ein lupenreiner Demokrat

Interessant ist dabei dreierlei: Erstens, wie sich Bungalow und Pavillon immer wieder passgenau überschneiden, wo doch ihre jeweilige politische Bedeutung so diametral auseinanderweisen soll. Wer das große weiße Faltblatt, das in der Ausstellung die einzige Information liefert, gegen das Licht hält, sieht die Grundrisse beider Bauten übereinandergeblendet. Nicht nur einige Wände verlaufen da synchron, sondern plötzlich steht auch der offene Patio, den Sep Ruf ganz bewusst aus der Zentralachse geschoben hat, um das bei den Nationalsozialisten so beliebte Repräsentationsmittel der Symmetrie zu vermeiden, wieder mittig im Raum.

Zweitens ist bemerkenswert, wie gut die reine Architektur des einen Baus durch den Kontext des anderen lesbar wird. Besonders drastisch ist das im Zentralraum des Pavillons zu sehen. Die schwarze Bungalowdecke, die hier so kläglich niedrig in den gewaltigen Innenraum ragt, macht auf zwei weitere Decken aufmerksam. Die ganz oben mit den offenen Stahlbetonunterzügen, die dem Raum den Charme einer Industriehalle verleiht; und die mehrere Meter weiter unten, wo Haiger 1938 die Tuchdecke eingezogen hatte, deren Verlauf heute noch erkennbar ist.

Die monumentale Höhe des Pavillons, die gerne dem Monumentalismus der Nazis zugeschrieben wird, war tatsächlich seinem letzten Umbau 1964 geschuldet. Erst im selben Jahr, als man in Bonn den Bungalow baute, legte man in Venedig die Decke frei. Bis dahin waren auch die vielen Fenster für den Besucher im Innenraum nicht zu sehen. Bei Haiger dienten sie nur der Beleuchtung der transluzenten Decke.

Das Erstaunlichste an dieser Montage aber ist, wie sie die rhetorischen Tricks gerade beim Kanzlerbungalow deutlich macht. Lehnerer und Ciriacidis nennen es "die Entmythologisierung des Glases als Glücksversprechen". Da der Bungalow aus Glas und Stahl jetzt nicht mehr im Grün der Bonner Flusslandschaft steht, sondern inmitten weißer Wände, bekommen seine Umgrenzungen plötzlich eine Kontur, die sie vorher nicht hatten. Was so offen, durchsichtig und damit demokratisch wirkte, erscheint plötzlich hermetisch abgeriegelt. Die Glaswand entlarvt ihre trennende Funktion. Statt den Blick durchzulassen, prallt der immer wieder ab.

2014 prallen in Venedig zwei wichtige deutsche Gebäude aufeinander: der deutsche Pavillon und der Kanzlerbungalow in Bonn.

(Foto: CLA/Bas Princen)

Was das bedeutet? Dass eine Wand aus Glas auch nicht demokratischer ist als eine aus Stein und Beton. Tatsächlich verschanzte sich der ach so demokratische Kanzlerbungalow wie ein Schloss in einem weitläufigen Park. Sogar ein unterirdischer Atombunker war ursprünglich geplant. Doch nach der Debatte um die horrenden Baukosten des Bungalows begnügte man sich schließlich mit einem normalen Luftschutzkeller, Standard im Kalten Krieg. Bild titelte 1964 prompt "Erhard wohnt wie ein Maulwurf."

Die gläserne Offenheit als Symbol für Demokratie wirkt jedenfalls wenig glaubwürdig. Noch dazu heute, wo Glas und Stahl viel von ihrer einst hehren Fortschrittlichkeit eingebüßt haben. Für die amerikanische Architekturhistorikerin Joan Ockman stehen die Materialien für Kapitalismus und Großkonzerne. Für den Soziologen Richard Sennett für das Absterben des öffentlichen Raumes.

All das zeigt, wie Architektur politisch instrumentalisiert wurde. Bei aller vermeintlichen Privatheit des Bungalows war der ja tatsächlich vor allem politische Bühne. Schon Erhard wusste: "Moderne Politik stellt sich vor der Kamera dar, nicht im Parlament." Und postulierte: "Sie lernen mich besser kennen, wenn Sie dieses Haus ansehen, als wenn Sie mich eine politische Rede halten sehen."

Häuser als Propagandisten ihrer Bauherrn

Das offene Wohnzimmer kennt die Nation denn auch nur durchs Fernsehen. Kaum einer hat den Bungalow, den die Nachfolger von Erhard nicht besonders schätzten und nach ihrem Gusto umbauen ließen, je in Bonn besucht. Versteckt im Park hatte er nicht einmal eine öffentliche Fassade. Erst die Kamera hat sie ihm gegeben - und in gewisser Weise auch sein Bild geformt. Die weißen Wände des Pavillons sehen denn auch aus wie die Außenmauern eines Fernsehstudios. Was hier im weißen Licht präsentiert wird, ist ein TV-Star. Ein lupenreiner Demokrat.

Indem die Kuratoren die politische Rolle beider Bauten offenlegen, machen sie ein System sichtbar, das sich leicht auf andere Häuser übertragen lässt. Etwa auf das neue BND-Gebäude, das durch seine abertausend Glasfenster Offenheit suggeriert, obwohl von dort aus in Wahrheit die Durchleuchtung aller betrieben wird. Oder die amerikanische Botschaft in Berlin, die sich am Brandenburger Tor in einer Art monumentalem Hochbunker vor vermeintlichen Gefahren schützt, den sie aber nebenbei zu Spionageangriffen benutzt.

Es gäbe noch viele andere Beispiele dafür, wie Häuser als Propagandisten ihrer Bauherren dienen. Die Kuratoren schärfen einem mit ihrer so sorgfältigen wie spektakulären Montage - alle Materialien, die für den Bungalow-Nachbau verwendet wurden, sind mit denen in Bonn identisch, die Stahlträger wie die 14 Tonnen Ziegel - dafür den Blick.

Nicht zuletzt führen sie aber auch vor, wie gut sich der Pavillon heute für Ausstellungen eignet - nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Geschichte. Alle, die ihn mal wieder abreißen und neu aufbauen wollen, ob luftig, massiv, unterirdisch oder noch monumentaler, als er schon ist, sollten sich diese Ausstellung nicht entgehen lassen.