Architektur Pfusch, der Baumeister

Die Eröffnung der Pariser Philharmonie war ein Desaster, das Gebäude glich mehr einer Bausstelle als einem Konzerthaus. Nun verteidigt Jean Nouvel seine Arbeit an der Philharmonie - und geht in die Offensive.

Von Joseph Hanimann

Von seinen Anwälten hatte der Architekt Jean Nouvel grünes Licht bekommen, sich zu seiner neuen Pariser Philharmonie zu äußern. Prompt erzählt er in seinem Büro vom "durchgestandenen Trauma", in der Öffentlichkeit als Diva hingestellt zu werden. Damit tritt der Krieg, den Nouvel mit der Stadt Paris und dem Staat führt, in eine neue Phase ein. Im Januar war Nouvel demonstrativ der Einweihung ferngeblieben und hatte erklärt, dieser Bau sei nicht "sein" Werk. Dann verklagte er die Bauherren, damit sie ihn das Gebäude doch noch zu Ende bringen lassen. Das Pariser Gericht entschied jedoch, dass aus den vorgelegten Plänen kein klarer Widerspruch zwischen Projekt und Ergebnis hervorgehe. Mit genaueren Details will Nouvel in der Revision das nun beweisen. Zugleich aber sucht er eine breitere Öffentlichkeit.

Er tut dies mit dem Sendebewusstsein eines Opfers. Politiker, Experten und große Bauunternehmen versuchten heute, den Architekten das Heft aus den Händen zu reißen, protestiert er. Ab September 2013 habe er auf der Baustelle der Philharmonie nichts mehr zu sagen gehabt, und bald sei alles, was von ihm kam, sabotiert worden. Das Argument der Kostenexplosion, das die Bauherren für diese Entmündigung anführten, weist er zurück. Alle von ihm ersonnenen Optionen würden im Gesamthaushalt nicht mehr als sechs Prozent ausmachen: Teuer sei an dem Projekt allein das vorgeschriebene Programm. Der Architekt würde selbst gerne wissen, wie viel das Ding letztlich koste - genaue Zahlen seien ihm nicht bekannt.

In diesem Sommer wird die Philharmonie zwei Monate lang geschlossen. Für Nachbesserungsarbeiten. Anhand von Detailfotos zeigt Nouvel, was da in der Hetze vor der politisch motivierten Eröffnung alles zusammengepfuscht worden sei. "Man glaube aber nicht, dass ich den nun entstandenen Bau einfach ablehne", beteuert der Architekt. Möge diesem "Centre Pompidou der Musik" heute auch noch so viel fehlen, es wäre doch zu retten - ließe man ihn nur machen. Die Hoffnung hat Jean Nouvel also nicht ganz aufgegeben. Untröstlich wirkt der Architekt aber, dass da ein aus seiner Sicht "unaufgeregt begonnenes Stück architektonischer Zukunftsmusik durch Eröffnungshysterie" vermasselt worden sei. Und hinter dem stoischen Auftreten des Stararchitekten mit dem glatten Mönchsgesicht lassen sich Gefühle von Demütigung, Ahnungen des Scheiterns und Spuren von finanziellem Stress nicht ganz verbergen.